Deutsche entfremden sich immer mehr von den USA

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Mann spricht auf einer Bühne vor 3 US-Flaggen
Der große Bruder USA - das gilt nicht mehr uneingeschränkt. (Foto: JOHN BAZEMORE / dpa)
Agence France-Presse

Deutsche sehen die Beziehungen zu den USA weitaus pessimistischer als US-Bürger die Beziehungen zu Deutschland.

64 Prozent der befragten Deutschen schätzten das transatlantische Verhältnis in einer am Dienstag von der Körber-Stiftung veröffentlichten Umfrage als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ ein. Die Entfremdung war allerdings nur auf der deutschen Seite spürbar - denn von den US-Befragten gaben 70 Prozent an, sie hielten die Beziehungen zu Deutschland für „gut“ oder „sehr gut“.

Deutsche sind bereit, mehr Geld für Verteidigung auszugeben

Die Zugehörigkeit Deutschlands zur westlichen Staaten- und Wertgemeinschaft befürwortet nurmehr eine knappe Mehrheit von 55 Prozent der befragten Deutschen. 31 Prozent bevorzugten eine außenpolitisch neutrale Haltung ihres Landes, sieben Prozent wünschen sich sogar eine Annäherung an andere Länder oder Wertegemeinschaften.

Für eine von den USA unabhängigere Außen- und Sicherheitspolitik wäre eine Mehrheit von 52 Prozent der Befragten sogar bereit, mehr als doppelt so hohe Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung in Kauf zu nehmen. Lediglich 22 Prozent befürworteten die Teilhabe Deutschlands am Schutz durch amerikanische Nuklearwaffen.

Gefragt nach der relativen Bedeutung der bilateralen Beziehungen verglichen zu Russland gaben gerade einmal 39 Prozent der Bevölkerung an, die Beziehungen zu Washington seien wichtiger als die zu Moskau. Auf China bezogen glaubte mit 50 Prozent immerhin die Hälfte der Befragten, dass die Beziehungen zu den USA für Deutschland von größerer Bedeutung seien - ein klares Bekenntnis zum Westen sieht anders aus.

Im Umgang mit China zeigte sich in der Umfrage Uneinigkeit: Zwar würden 60 Prozent der befragten Deutschen eine verstärkte Zusammenarbeit mit China begrüßen, doch nur neun Prozent sahen Pekings wachsenden Einfluss als positiv an.

Darüber hinaus würden 76 Prozent der Deutschen begrüßen, wenn Berlin gegenüber Peking stärker für seine Interessen, beispielsweise in Menschenrechtsfragen, einstünde, auch wenn dies wirtschaftliche Einbußen nach sich zöge.

60 Prozent der befragten Deutschen sahen Frankreich als wichtigsten oder zweitwichtigsten Partner Deutschlands. Damit war Paris Spitzenreiter in der öffentlichen Meinung in Deutschland - gefolgt von den USA (42 Prozent), China (15 Prozent) und Russland (12 Prozent). Von den europäischen Staaten landete lediglich noch Großbritannien mit sieben Prozent auf dem fünften Platz der Liste der wichtigsten Partner Berlins.

Was den bröckelnden Zusammenhalt innerhalb der Europäischen Union angeht, sahen 37 Prozent der befragten Deutschen die Schuld bei populistischen Regierungen, 33 Prozent fanden, die EU sei selbst schuld.

Die Europapolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird von den Deutschen hingegen als positiv wahrgenommen: 56 Prozent waren der Meinung, Merkel habe mehr für die Zukunft der EU getan als Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron (17 Prozent).

Für die Erhebung befragte Kantar Public im September 2019 im Auftrag der Körber-Stiftung 1000 Wahlberechtigte ab 18 Jahren in Deutschland zu ihren außenpolitischen Einstellungen. Die US-Daten wurden durch das Pew Research Center im September 2019 erhoben.

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