Der Traum von einem neuen Leben nach Flucht und Missbrauch

Lesedauer: 9 Min
Frau mit Kopftuch hat den Kopf gesenkt
Die 27-jährige Jesidin Dilwin Kassem Ibrahim sieht für sich keine Zukunft mehr im Irak. (Foto: Ludger Möllers)

Weihnachtsspendenaktion "Helfen bringt Freude"

Fluchtursachen bekämpfen, menschenwürdiges Leben ermöglichen: Diesen Schwerpunkt setzen wir auch in diesem Jahr mit unserer Weihnachtsspendenaktion. Die Spenden kommen der Hilfe für Menschen im Nordirak, ehrenamtlichen Initiativen und Caritasprojekten in Württemberg sowie in Lindau zugute.

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Stichwort: Helfen bringt Freude

Es regnet, als die 27-jährige Jesidin Mariam Hassan Kheder hereinbittet. Der erste Regen seit Langem in dem sonst so staubigen Flüchtlingscamp Mam Rashan in der Provinz Dohuk im Nordirak. Mariam Hassan Kheder empfängt die Besucher in einem vielleicht eineinhalb Quadratmeter großen Vorraum zwischen Wohnraum, Kochgelegenheit und Bad. Ihre fünf Kinder im Alter von sechs Monaten bis acht Jahren schlafen noch nebenan.

Die siebenjährige Tochter Salwa ist krank, deshalb war es für alle eine unruhige Nacht. Ihrer Mutter ist die Anstrengung kaum anzumerken. Sie bleibt ruhig, gelassen und freundlich, auch als sich ihr Jüngster dazu entschließt, sein Seelchen aus dem kleinen Leib zu brüllen.

Ich habe viel geweint deswegen.

Mariam Hassan Kheder

„Wie schreibt man deinen Namen?“ Diese Frage lässt Mariam Hassan Kheder unbeantwortet im Raum stehen. Sie ist im Shingal-Gebiet, ihrer Heimat, nie zur Schule gegangen. Deshalb kann sie nicht lesen und schreiben. „Meine Eltern haben mich nicht gelassen“, sagt sie. „Ich habe viel geweint deswegen.“

Für sie war ein anderer Lebensweg vorbestimmt – sie hat geheiratet und Kinder bekommen. Ein bescheidenes Leben hat sie mit ihrem Mann Mirza Omar in dem Dorf Rambusi geführt – wegen einer Rückenkrankheit konnte ihr Mann die Familie nicht gut versorgen. Dann schlugen am 3. August 2014 die Terroristen des „Islamischen Staates“ zu. Die Familie floh vor den Dschihadisten und verlor das Wenige, was sie hatte.

Mariam Hassan Kheder ist besorgt wegen ihrer kranken Tochter. Sie könnte sie ins Gesundheitszentrum im Camp bringen, nur wenige Hundert Meter entfernt, doch sie möchte die anderen Kinder nicht alleine lassen. Ihr Mann ist nicht zu Hause. Er ist noch mit einer anderen Frau verheiratet, mit der er ebenfalls Kinder hat. Dass ein Mann mehrere Frauen heiratet, ist zwar selten in der jesidischen Gemeinschaft, es ist jedoch erlaubt.

Mariam Hassan Kheder scheint die zweite Ehe ihres Mannes weniger zu stören als ihre finanzielle Not. Sie hat kaum Geld, um Essen zu kaufen. „Es reicht nicht. Wir müssen oft anschreiben lassen“, sagt sie. Vom UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, bekommt jeder Bewohner im Camp pro Monat 11.000 irakische Dinar, das sind umgerechnet knapp 8,50 Euro – früher waren es 20 000 Dinar. Aber auch im Irak kostet ein Weißbrot circa 80 Cent. Ihr Mann, der als Koch an einer Baustelle arbeitet, verdient zu schlecht, um der Familie wirklich eine Hilfe zu sein.

Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben Strom und Wasser, und meine drei großen Kinder können hier zur Schule gehen.

Mariam Hassan Kheder

Trotz ihrer Misere: Mariam Hassan Kheder ist mit ihrem Leben im Camp Mam Rashan zufrieden. „Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben Strom und Wasser, und meine drei großen Kinder können hier zur Schule gehen. Das freut mich sehr, weil sie so die Chance auf eine bessere Zukunft haben“, sagt sie.

Und was wünscht sie sich für sich selbst? „Dass sich die Lage im Shingal verbessert und wir zurückkehren können. Alle, die von uns noch am Leben sind, wollen in ihre Heimat zurück.“ Auf absehbare Zeit wird dies allerdings wegen der schlechten Sicherheitslage und Infrastruktur dort nicht möglich sein, das weiß sie.

Was soll ich hier noch machen? Und wer garantiert mir, dass wir nicht noch einmal von Islamisten angegriffen werden?

Dilwin Kassem Ibrahim

Die ebenfalls 27 Jahre alte Jesidin Dilwin Kassem Ibrahim hat die Verbrechen des IS knapp überlebt – und will auf keinen Fall in den Shingal zurück. „Ich will nach Australien“, sagt sie. „Was soll ich hier noch machen? Und wer garantiert mir, dass wir nicht noch einmal von Islamisten angegriffen werden?“ Ihre Schwiegermutter hat es bereits geschafft, in den fernen Kontinent überzusiedeln, nachdem die australische Regierung sich bereit erklärt hatte, Jesiden aufzunehmen.

Die vergangenen Jahre waren für die 27-Jährige von Leid und Elend geprägt: Viereinhalb Jahre lang war sie in IS-Gefangenschaft. Sie wurde nacheinander an verschiedene Männer verkauft. Den letzten, der nach einem Angriff teilweise gelähmt war und trotzdem um sich schlug, musste sie auch pflegen.

Von ihren sechs Kindern wurden ihr zwei vorübergehend von den Islamisten weggenommen, ihr zehnjähriger Sohn starb vor einem Jahr bei einem Luftangriff in der Nähe der syrischen Stadt Rakka. Ihren jetzt siebenjährigen Sohn Hassan hat sie erst am 7. Mai 2019 nach fast fünf Jahren Trennung im Camp Sheikhan wiedergesehen.

Das Kind spricht, wenn es denn überhaupt spricht, eine Mischung zwischen Arabisch und Kurdisch. Der Ehemann von Dilwin Kassem Ibrahim sowie dessen Schwester und Vater sind, so sie noch am Leben sein sollten, nach wie vor in IS-Gefangenschaft.

Das Gesicht der 27-Jährigen ist dunkel und verschlossen. Sie will auf keinen Fall ihre Gefühle und ihre körperlichen Beschwerden zeigen vor ihren Verwandten und den Kindern, mit denen sie nun im Camp Sheikhan lebt. „Eigentlich geht es mir gut“, sagt sie auf die Frage nach ihrem Befinden.

Auch ihre Töchter und Söhne seien auf dem Weg der Besserung. Vor Kurzem waren sie anderen Kindern gegenüber noch so aggressiv, dass sie auf dem neuen Spielplatz im Camp eine Art Hausverbot bekamen. „Wir werden alle bis zu unserem Tod nicht vergessen, was wir erlebt haben“, sagt Dilwin Kassem Ibrahim.

Seit vier Monaten wartet die jesidische Familie auf eine Entscheidung der australischen Behörden über ihren Antrag, künftig dort leben zu dürfen. Ob sie Erfolg haben wird, ist ungewiss. Doch Dilwin Kassem Ibrahim sagt: „Ich lebe auf den Tag hin, an dem ich den Irak verlassen kann.“ Sie weiß, dass es für sie nicht leicht sein wird in einem fernen Land mit einer anderen Sprache.

Denn wie so viele Jesidinnen ihres Alters, die im Shingal lebten, ist sie nie zur Schule gegangen. Ihre Eltern waren einfache Bauern, die ihre Tochter früh verheiratet haben. Ihr ältester Sohn Safnan ist 13 Jahre alt. Den Gedanken, selbst noch einmal etwas lernen zu können, hat sie bereits aufgegeben. „Ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, etwas Neues zu lernen“, sagt sie.

Zwei Frauen, zwei Schicksale. Was die beiden eint ist die Hoffnung. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft an einem Ort, an dem der Krieg und die Bedrohung durch Islamisten ganz weit weg sind – ob im Irak oder in Australien.

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