Der Tag danach in Halle

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Zahlreiche Menschen stehen in Halle auf dem Marktplatz und bringen Blumen und Kerzen, um ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen.
Zahlreiche Menschen stehen in Halle auf dem Marktplatz und bringen Blumen und Kerzen, um ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Franziska Höhnl

Im Minutentakt kommen Menschen und legen Blumen vor die Synagoge in Halle. Einige weinen, alle halten inne und wirken bedrückt. Anwohner hängen am Donnerstag spontan ein selbst gemaltes Transparent an ihr Fenster: „Humboldstr gegen Antisemitismus + Hass“ steht darauf. Die Hausgemeinschaft habe ein Zeichen setzen wollen gegen den 27 Jahre alten Mann, der für den Anschlag auf die Synagoge und zwei Tote und mehrere Verletzte verantwortlich sein soll, sagt Benjamin Leins (32).

Dieses Zeichen wollen am Tag nach dem weltweit registrierten Anschlag viele setzen. Auf dem Marktplatz von Halle entsteht ein Kerzen- und Blumenmeer, ebenso direkt an den Tatorten vor der Synagoge und an einem nahen Dönerladen. „Unfassbar“, „grausam“, „einfach nur schlimm“ murmeln die Menschen, die an den Orten um die Opfer trauern.

Vor der Synagoge beantworten einige Jüdinnen und Juden, die während des Anschlags in dem Gotteshaus waren, geduldig Fragen. Unter ihnen ist Christina Feist (29), die aus Wien stammt und in Berlin wohnt. Sie wollte „fern des Großstadttrubels“ mit anderen Gläubigen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Halle begehen.

Der größte Schock für sie sei gewesen, dass sie auf dem Bildschirm der Überwachungskamera sehen konnten, wie der Täter direkt vor der Synagoge eine Frau erschoss. Sie hätten mehr als 15 Minuten die am Boden liegende Frau gesehen, nicht wissend, ob sie lebt oder nicht. Erst dann sei die Polizei gekommen. „Wir haben gesungen, wir haben gebetet“, sagt Feist. Sie seien dankbar gewesen, dass sie noch lebten.

Doch zwei Menschen überleben den Anschlag nicht. Zu den vielen erschütterten Hallensern gesellen sich im Laufe des Tages viele Spitzenpolitiker: Schon am späten Vormittag kommt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an. Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ist vor Ort, zusammen mit dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), dessen Amtskollegen aus dem Land, Holger Stahlknecht (CDU), und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, besucht er die Synagoge und den Tatort Dönerladen.

Sie alle strömen ins Paulusviertel, am Rand der Innenstadt. Es ist eine der begehrtesten Wohngegenden. Viele Familien und Studenten leben hier. Die Ludwig-Wucherer-Straße, an der der Dönerladen liegt, in dem der Attentäter einen Mann erschoss, hat sich zu einem belebten Viertel mit Cafés und Ateliers entwickelt.

Doch auch die rechtsextreme Szene ist in der Stadt präsent. Montags hält ein bekannter Rechtsextremist regelmäßig Demos ab. Nur wenige Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt gibt es eine Immobilie, die der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Identitären Bewegung gehört. Der AfD-Landtagsabgeordnete und frühere Chef der Rechtsaußen-Strömung „Patriotische Plattform“, Hans-Thomas Tillschneider, hatte dort zwischenzeitlich sein Büro. Die Stadt gehe konsequent gegen Rechts vor, beteuert Stadtchef Bernd Wiegand im Fernsehen.

Am Tag danach versucht Halle neben all dem Trauern und dem Großaufgebot an Politikern zur Normalität zurückzufinden. Auch am Hauptbahnhof ist das zu beobachten. Die Menschen seien verhaltener als sonst, sagt eine Verkäuferin an einem Zeitungskiosk. Sie gebe deswegen allen Kunden den Wunsch für „einen ruhigen Tag“ mit.

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