Der Südsudan hat die Unabhängigkeit – sonst gar nichts

Lesedauer: 12 Min
Kein Staat, nirgends: In Nyamlell existiert der seit achteinhalb Jahren unabhängige Südsudan praktisch nur auf dem Papier – die
Kein Staat, nirgends: In Nyamlell existiert der seit achteinhalb Jahren unabhängige Südsudan praktisch nur auf dem Papier – die Menschen sind auf sich allein gestellt, viele hängen von der Unterstützung von Hilfsorganisationen ab. (Foto: Gioia Forster/dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Gioia Forster

Luka Mol ist ein Rückkehrer – und ein Verzweifelter. Er kennt den Preis für die Unabhängigkeit des Südsudans, hat ihn am eigenen Leib erfahren. Als Kind plünderten arabische Reitermilizen aus dem Norden sein Dorf, töteten seine Mutter, verschleppten seine Schwestern und trieben den Bruder in die Flucht. „Ich hatte kein Zuhause mehr“, erinnert er sich. Mol schloss sich den Rebellen an, im Alter von zwölf. Er wollte die Familie rächen und den Süden von der Tyrannei des Nordens befreien. Irgendwann floh dann aber auch er vor der endlosen Gewalt.

Es schmerzt Mol sichtlich, in seine Vergangenheit einzutauchen. Der 36-Jährige, schlank und muskulös, kleiner als die meisten Südsudanesen, sitzt in der Mittagshitze im Schatten eines Schilfdachs. In seinem hageren Gesicht sind wenig Gefühle zu erkennen, der Blick in seinen großen runden Augen aber trübt sich: „Was ich gesehen habe, werde ich niemals in meinem Leben vergessen.“

Noch schmerzhafter als die Erinnerung scheint die Enttäuschung zu sein, die er heute verspürt. Als 2005 der Frieden und das Versprechen eines unabhängigen Südsudans kamen, ging Mol zurück in sein Heimatdorf Nyamlell in der entlegenen Region Northern Bahr el Ghazal. „Bei der Unabhängigkeit habe ich geweint“, sagt er. Das war am 9. Juli 2011. Doch die Euphorie des Aufbruchs hat sich in Bitterkeit verwandelt. Mit zittriger Stimme erklärt er: „Wieder wurde ich enttäuscht. Unsere eigenen Anführer haben uns wieder in den Krieg geführt.“

Wie Mol kehrten vor und nach der Unabhängigkeit des Südsudans Tausende Flüchtlinge aus allen Himmelsrichtungen zurück, um die Geburt des jüngsten Staats der Welt in Ostafrika mitzuerleben. Mit all ihren Habseligkeiten und großen Hoffnungen im Gepäck reisten sie an, in vollgepackten Zügen auf der Bahnstrecke, die heute noch immer Northern Bahr el Ghazal durchquert.

Doch ihre Träume wurden nicht erfüllt. Nur zwei Jahre nach der Unabhängigkeit stürzten Staatschef Salva Kiir und und sein Ex-Vizepräsident Riek Machar das Land in einen neuen erbitterten Konflikt. Zehntausende Menschen wurden getötet, ein Drittel der Bevölkerung – rund vier Millionen Menschen – ist auf der Flucht.

In Northern Bahr el Ghazal ist zu sehen, was es bedeutet, wenn ein Staat zwar gegründet, aber kaum aufgebaut wird. Die Bahnstrecke, auf der einst hoffnungsvolle Südsudanesen anreisten, wurde seit Jahren nicht befahren, sie ist von Gras überwuchert. Die Gleise schlängeln sich durch den kleinen Ort Aweil. Einige Menschen haben darauf aus Planen von Hilfsorganisationen Zelte gebaut. Entlang der Hauptstraße stehen die Skelette großer Reklametafeln, ohne Reklame. Denn es gibt kaum etwas, das es zu bewerben gibt im Südsudan.

Eine einzige lange Staubstraße führt durch die karge Landschaft zu Mols Heimatdorf Nyamlell. Die Piste ist mit Krater-ähnlichen Schlaglöchern übersät. Die wenigen Autos auf der Straße sind große weiße Toyota Landcruiser der humanitären Helfer. Straßenschilder gibt es keine, nur die weißen Schilder von NGOs, auf denen steht, welche Organisation was für ein Projekt unterstützt, und wer dafür zahlt.

„Nyamlell“ bedeutet „Erde essen“, wie Anwohner erklären. Einst hielten hier arabische Sklaventreiber ihre afrikanischen Sklaven und mischten Erde in deren Essen, heißt es. Gekämpft wurde hier zwar im jüngsten Bürgerkrieg kaum, die Region hat dennoch schwer unter dem Konflikt gelitten. Die Menschen sind bitterarm. Sie leben weitgehend von dem, was sie selbst anbauen, etwa Sorghumhirse oder Erdnüsse. Kommt eine Dürre oder eine Überschwemmung, wie in den vergangenen Monaten, oder müssen die Menschen fliehen, verlieren sie alles.

So sind die meisten Südsudanesen auf irgendeine Weise abhängig von humanitären Helfern. Die versorgen die Bürger mit Nahrung, bauen Straßen, bezahlen Lehrer, verteilen Saatgut, geben finanzielle Unterstützung. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Südsudans, 7,5Millionen Menschen, braucht den UN zufolge humanitäre Hilfe.

„So abwesend wie der Staat im Südsudan ist, ist er in kaum einem anderen Land“, sagt Mathias Mogge, der Generalsekretär der Welthungerhilfe. NGOs und die Vereinten Nationen springen ein, sie übernehmen oft Aufgaben der Regierung. „Wenn Hilfe kommt, kommt diese von der internationalen Gemeinschaft, nicht vom Staat.“ Doch mehr als Überlebenshilfe zu leisten sei extrem schwer. „Die Menschen haben so viel Flucht und Vertreibung erlebt, dass sie nicht mehr an eine sichere Zukunft glauben.“ Das Leben der Menschen verbessert sich nur in kleinen Schritten, sehr langsam.

Wie bei Thuch Aguot. Der Vater von sieben Kindern hat ein schweres Jahr hinter sich. Die jüngsten Überschwemmungen zerstörten seine komplette Ernte, wie er erklärt. Er musste demnach zwei seiner fünf Kühe verkaufen, damit seine Familie etwas zu essen hat. Ein harter Schlag. Es gibt aber einen Lichtblick: Der 46-jährige Aguot hat von der Welthungerhilfe einen Pflug bekommen. Das Gerät, das in Europa seit Jahrhunderten in der Landwirtschaft benutzt wird und heute als veraltet gilt, ist hier eine Innovation. Anstatt mit einer Maloda – einer Schaufel – auf den Knien die Erde aufzubrechen, könne er nun mit seinen Kühen und dem Pflug das Feld beackern, erklärt er.

Stolz präsentiert sein 18-jähriger Sohn Bol Thuch, wie das neue Gerät funktioniert. Zwei Kühe ziehen den Pflug durch die trockene Erde, der Staub wird aufgewirbelt, hinter ihnen bilden sich Furchen auf dem Boden. Schaulustige Nachbarn stehen herum, um dem Geschehen zuzuschauen und den wundersamen Pflug zu beäugen. Die wenigsten Bauern in der Region haben so ein Gerät.

Künftig könne er weit mehr Land kultivieren als bisher, sagt Aguot, und seufzt hoffnungsfroh: „Jetzt muss meine Familie nicht mehr Hunger leiden.“ Doch ob die Regierung wirklich daran interessiert ist, die Lage im Südsudan langfristig zu verbessern, ist fraglich. Staatschef Kiir und Rebellenführer Machar unterzeichneten im September 2018 ein Abkommen und versprachen, eine Einheitsregierung zu bilden, mit Machar wieder als Vizepräsidenten. Doch die Frist wurde bereits zweimal verschoben. Der Optimismus im Land schwindet dahin.

„Dies ist eine Kriegsökonomie“, meint Mogge. „Teile der Regierung profitieren davon, dass ein Konflikt herrscht und humanitäre Hilfe in das Land kommt.“ Derweil bereichern sich Mitglieder der Elite selbst. Der Südsudan ist nach dem Index der Organisation Transparency International der weltweit zweitkorrupteste Staat, nach Somalia.

In Northern Bahr el Ghazal erscheint der Staat nur in Form von seinen Funktionären, die in dunklen Büros hinter übergroßen Schreibtischen sitzen. Der Gouverneur von Aweil, George Awad, begrüßt seine Gäste hinter einem hölzernen Schreibtisch, der überdimensioniert wirkt für den Raum. An der Wand hängt ein Foto von Präsident Kiir mit seinem typischen schwarzen Cowboyhut. Awad sagt wenig, dafür redet sein Landwirtschaftsminister Joseph Garang Garang. Die nationale Regierung in Juba habe nicht die Kapazität, allen Bedürfnissen im Land nachzukommen, erklärt er. „Wenn es Frieden geben würde, könnte es die Regierung.“ Dann zählt er auf, was sein Bundesstaat braucht und wie die NGOs mehr helfen könnten.

Von ihrer neuen Regierung fühlen sich viele Südsudanesen betrogen. Manche sagen es offen, andere hinter vorgehaltener Hand. Quasi alle Menschen hatten etwas für die Unabhängigkeit geopfert. Entweder kämpften sie wie Luka Mol oder versorgten die Rebellen oder litten unter den Überfällen der arabischen Milizen, die hier in Northern Bahr el Ghazal, so nahe an der Grenze zum Sudan, besonders schlimm waren. Doch von der Unabhängigkeit profitiert haben die wenigsten.

Mol hat zumindest ein wenig Glück gehabt. Er ergatterte einen Job bei einer Hilfsorganisation, erst als Fahrer, jetzt in der Logistik. So verdient er gerade genug, um seine Kinder in die Schule zu schicken. Doch viele haben den Traum vom Südsudan aufgegeben.

Eine Fahrt durch das Nachbardorf Nyamlell Dit zeigt das deutlich: Die meisten Hütten sind leer, die Dächer eingestürzt, die Mauern bröckeln. Viele kehrten zurück in den Sudan – zum einstigen Feind, der heute mehr Chancen und mehr Stabilität verspricht als der Südsudan. Mol fürchtet, dass auch internationale Geldgeber und Hilfsorganisationen irgendwann aufgeben könnten. „Lasst uns nicht im Stich“, bittet er mit besorgter Stimme.

Mehr zum Thema

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen