Der mächtigste Schatten der Welt: Wer der getötete iranische General Kassem Soleimani war

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Kassem Soleimani im Jahr 2016: Der Generalmajor wurde in Iran wie ein Popstar gefeiert.
Kassem Soleimani im Jahr 2016: Der Generalmajor wurde in Iran wie ein Popstar gefeiert. (Foto: dpa)
Thomas Seibert

Man nannte ihn den „Schatten“. Kassem Soleimani, 62, war einer der mächtigsten Männer im Nahen Osten und gleichzeitig ein großer Unbekannter. Bis zu seiner Ermordung bei einem amerikanischen Drohnenangriff in Bagdad in der Nacht zum Freitag arbeitete der Generalmajor der iranischen Revolutionsgarden und Kommandeur der Al-Quds-Eliteeinheit daran, den Einfluss Irans in der Region zu stärken – oft mit rücksichtslosen Mitteln.

Soleimani war ein brutaler Extremist und treuer Gefolgsmann des iranischen Regimes. Er half in Syrien bei der Niederschlagung des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad und lenkte militante Gruppen, die viele Menschen im ganzen Nahen Osten töteten. Er unterstand unmittelbar dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei und hatte weitgehend freie Hand für die Unterstützung von Gruppen wie die Hisbollah im Libanon oder pro-iranischer Milizen im Irak. Doch Soleimani war für viele auch ein iranischer Nationalheld, der beim Sieg über die Terrormiliz „Islamischer Staat“ eine wichtige Rolle spielte und selbst von Gegnern des Regimes als eine Art iranischer Markus Wolf bewundert wurde.

Wie der frühere DDR-Spionagechef Wolf wirkte Soleimani meist im Verborgenen. Der frühere CIA-Agent John Maguire sagte dem Magazin „The New Yorker“ einmal, Soleimani sei „der mächtigste Einzelakteur im Nahen Osten. Und niemand kennt ihn.“ Der britische „Guardian“ bezeichnete Soleimani als wichtigsten Drahtzieher des Nahen Ostens.

Ähnlich wie Wolf war Soleimani nicht nur ein Vollstrecker, sondern auch ein Stratege. 2019 kürte ihn das US-Magazin „Foreign Policy“ zum weltweit führenden Militärdenker. Der Offizier mit grau meliertem Vollbart war eine Schlüsselfigur der aggressiven iranischen Nahost-Strategie. Er versuchte, den Einfluss Irans in Irak und Syrien auszuweiten, den libanesischen Verbündeten Hisbollah am Mittelmeer zu stärken und die antisaudischen Huthi-Rebellen im Jemen aufzurüsten.

Ein nationales Trauma

Soleimanis Weltsicht wurde durch den – vom Westen unterstützten – Krieg des Irak gegen Iran in den 1980er-Jahren geprägt. Dieser Konflikt ist bis heute ein nationales Trauma für die Iraner. Sie mussten damals erleben, dass der irakische Diktator Saddam Hussein bei seinem Angriff auf ihr Land milliardenschwere Hilfe aus den USA erhielt. Soleimani, der in seiner Jugend ein begeisterter Bodybuilder gewesen sein soll, hatte sich kurz nach der iranischen Revolution von 1979 den Revolutionsgarden angeschlossen. Er kämpfte von 1980 bis 1988 im Krieg gegen den Irak.

Die Erinnerung an den Krieg, bei dem rund 500 000 Iraner starben, ist einer der Gründe für die iranische Einmischung beim Nachbarn: Iran will sicherstellen, dass es nie wieder vom Irak angegriffen wird. Die Iran-feindliche Nahost-Politik der USA hat die Gegnerschaft zu Washington zementiert.

Soleimanis Tod ist ein schwerer Rückschlag für das Regime in Teheran, doch die iranischen Revolutionsgarden werden durch den Verlust angespornt, weiter gegen den Westen zu kämpfen. Anderthalb Jahre vor seiner Ermordung hatte Soleimani im Sommer 2018 eine Warnung an die amerikanische Regierung geschickt, die heute wie ein Auftrag an seine Nachfolger in Teheran wirkt: Amerika werde den Krieg vielleicht beginnen, aber Iran werde ihn gewinnen, sagte Soleimani damals an die Amerikaner gerichtet. „Wir sind bereit.“

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