Der Konflikt um die Kinder lastet auf der jesidischen Gemeinschaft

Aus IS-Gefangenschaft entkommen: Sara Murad und ihre Tochter (verpixelt).
Aus IS-Gefangenschaft entkommen: Sara Murad und ihre Tochter (verpixelt). (Foto: möllers; Bearbeitung: SZ)
Berlin-Korrespondentin

Es ist eines der traurigsten Kapitel in der jesidischen Geschichte, die in der jüngsten Vergangenheit von einem Völkermord, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von Flucht, Not und Elend geprägt ist: Zu Tausenden wurden jesidische Frauen von den Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ nach dem Überfall auf ihre Dörfer im Shingal-Gebiet am 3. August 2014 verschleppt und vergewaltigt. Selbst Mädchen, die noch keine zehn Jahre alt waren, schonten die Dschihadisten nicht. Sie wollten, dass die Jesidinnen ihnen Kinder gebären, um diese zu treuen Kämpfern für den „Heiligen Krieg“ ausbilden zu können. Dieser Plan ging nicht auf – die Islamisten wurden dank der internationalen Anti-IS-Koalition Ende 2017 militärisch besiegt. Aber dennoch haben sie bis heute währendes Leid über die Jesidinnen und Jesiden gebracht.

Ihre Geschichte, die im November 2019 in der „Schwäbischen Zeitung“ erschienen ist, steht exemplarisch für diese Verbrechen, die jesidischen Frauen in IS-Geiselhaft angetan wurden: Sara Murad – ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt – war 18 Jahre alt, als die IS-Kämpfer ihr Dorf Kodscho im Shingal-Gebiet überfielen. Ihr Mann wird sofort erschossen, sie selbst, hochschwanger mit ihrer Tochter, nach Syrien verschleppt. Dort behandeln die IS-Familien sie wie eine Sklavin: Die Männer vergewaltigen sie, die Frauen schlagen sie, dann verkaufen sie die junge Frau weiter. Dreimal wird Sara Murad in Gefangenschaft schwanger, ein Kind verliert sie infolge massiver Gewalt, die beiden anderen kommen lebend zur Welt. Als sie nach viereinhalb Jahren gegen Lösegeld freikommt, lässt sie die beiden Söhne von IS-Männern in Syrien zurück. „Ich hätte immer das Gesicht der Vergewaltiger in ihnen gesehen“, sagte sie vor einem Jahr.

Die Frage, wie die Jesiden mit diesen Frauen, die durch die Hölle gegangen sind, und vor allem mit diesen Kindern umgehen sollen, spaltet die Religionsgemeinschaft. Das Thema ist zu einem Tabu geworden, über das viele am liebsten schweigen würden. Alle Versuche in Gesprächen eine Lösung für dieses Problem zu finden, seien bislang fehlgeschlagen, heißt es von jesidischer Seite im Irak. „Doch so entstehen Lügenkonstruktionen, die letztlich alle krank machen“, sagt Düzen Tekkal, Filmemacherin und Gründerin der Hilfsorganisation Hawar.help, deren jesidische Eltern einst aus der Türkei nach Deutschland geflohen sind.

Diese Frauen mit ihren Kindern im Rahmen eines Sonderkontingents nach Deutschland zu holen, wie es die Grünen-Chefin Annalena Baerbock, der frühere Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) und der im Oktober verstorbene SPD-Politiker Thomas Oppermann in einem parteiübergreifenden Vorstoß vor einem Jahr gefordert hatten, wäre vielleicht eine auch im Nordirak akzeptierte Lösung gewesen. Aber wegen „Uneinigkeit in der deutschen Regierung“, wie Professor Jan Ilhan Kizilhan von der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen erklärt, kam sie nicht zustande. Dabei wollte es Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) aber nicht bewenden lassen. Um es den Frauen doch noch zu ermöglichen, mit ihren Kindern in Sicherheit und ohne wirtschaftliche Not zu leben, plant sein Ministerium ein sogenanntes Safe House im Irak. „Wir wollen erreichen, dass die Frauen und Kinder wieder einen Platz in der Gesellschaft finden und auf ihrem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben unterstützt werden“, teilt Elke Löbel, Beauftragte für Flüchtlingspolitik im Entwicklungsministerium, mit. Bis zum Einzug der ersten Frauen in das Safe House dürfte es allerdings noch Monate dauern – und es müssen noch einige Hürden genommen werden.

„Für mich wären weder das Sonderkontingent noch ein Safe House eine Hilfe“, sagt Sara Murad bestimmt. Aber sie könne auch nur für sich selbst sprechen, betont sie. Auf dem Bild, das via Skype übertragen wird, ist eine ganz andere Frau zu sehen als noch vor einem Jahr: Ihre Augen strahlen vor Lebendigkeit, ihr Gesicht wirkt gleichzeitig offen und entschieden, ihr ganzer Ausdruck ist der einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg gehen wird. „Mir geht es inzwischen psychisch sehr viel besser“, sagt die 24-Jährige, die in Mam Rashan, in einem der von der „Schwäbischen Zeitung“ unterstützten Camps in der Nähe von Dohuk wohnt. Mit eigener Willenskraft und mit professioneller Unterstützung durch Therapeuten, die auch mit Spenden der Leserinnen und Leser der „Schwäbischen Zeitung“ finanziert werden, hat sie sich ins Leben zurückgekämpft. Sie spricht offen über das, was ihr angetan wurde, ohne Scham. „Ich mache mich deshalb vor niemandem klein“, sagt sie. Sara Murad will kein Opfer mehr sein und abschließen mit der Vergangenheit.

Zu dieser Vergangenheit gehören neben den Grausamkeiten, die sie in der IS-Gefangenschaft erlebt hat, auch ihre zwei Söhne, die sie in Syrien zurückgelassen hat. Den älteren, der bereits ein Kleinkind war, hat sie beschützt, als die immer heftiger werdenden Luftangriffe auf den IS auch die jesidischen Frauen trafen. Sie hat für ihn gesorgt, damit er nicht bereits im Babyalter verhungert. Doch nach irakischem Recht sind diese Söhne Muslime, weil im Irak der Vater ausschlaggebend für die Religionszugehörigkeit ist. Für die Jesiden ist das ein Riesenproblem – nicht nur, weil sie seit Jahrtausenden in einer sehr geschlossenen Gemeinschaft leben. Sie befürchten zudem, dass diese Kinder zur Gefahr für sie werden könnten – beispielsweise, wenn fanatische Muslime mitbekommen sollten, dass sie bei ihnen leben.

„Hier geht es nicht nur um meine Gefühle als Mutter“, sagt Sara Murad. „Es geht um ein Problem, das wir innerhalb unserer Gemeinschaft regeln müssen.“ Im April 2019 bestand die Lösung kurzzeitig darin, die jesidischen Frauen gemeinsam mit ihren muslimischen Kindern wieder aufzunehmen, doch diese Entscheidung wurde nach wenigen Tagen vom Hohen Rat der Jesiden zurückgenommen – und dabei ist es geblieben. Entsprechend groß ist die Verzweiflung jesidischer Frauen, die sich nicht von ihren Kindern aus IS-Gefangenschaft trennen wollen. „Das Martyrium dieser Frauen geht auch nach der Befreiung vom IS weiter“, sagt Düzen Tekkal.

„Diesen Frauen geht es in der Tat sehr schlecht“, bestätigt Jan Ilhan Kizilhan, der in Villingen-Schwenningen das Institut für transkulturelle Gesundheitsforschung leitet. Der Professor, der seit Jahren immer wieder im Nordirak vor Ort ist, kennt wie kein anderer Experte die psychischen Leiden vieler Jesiden nach dem Völkermord. Durch seine Kontakte weiß er von jesidischen Frauen, die in Nordsyrien im Flüchtlingslager al-Hol geblieben sind, wo mehr als 60 000 Menschen festsitzen – Vertriebene aus dem Irak und Syrien, aber auch sehr viele IS-Anhänger. „Die Frauen leben dort unter Feinden, nur um ihre Kinder nicht im Stich lassen zu müssen“, sagt Kizilhan. „Und sie dürfen sich natürlich auf keinen Fall als Jesidinnen zu erkennen geben.“ Der Psychologe hat zudem Kenntnis von Frauen, die heimlich mit ihren Kindern in den Irak zurückgekehrt seien und „in einer Art Untergrund“ lebten. Deren materielle Not sei groß, weil sie nicht arbeiten könnten und auf Almosen angewiesen seien. Kizilhan hat auch mit den Frauen gesprochen, die ihre Kinder bei ihrer Befreiung in Syrien zurückgelassen haben. „Und auch in dieser Gruppe wünscht sich mindestens die Hälfte von ihnen, gemeinsam mit ihren Kindern leben zu können“, sagt er. Für diese Jesidinnen – ob in Syrien oder im Irak – hätte ein deutsches Sonderkontingent den Weg in ein neues Leben außerhalb der Konfliktzone ebnen können. Aber die Mehrheit der Unionsfraktion habe sich nicht zu diesem Schritt durchringen können, teilt Grünen-Chefin Baerbock mit. Zudem habe es nach anfänglich „sehr ermutigenden Signalen“ aus dem Bundesinnenministerium plötzlich eine „Kehrtwende“ gegeben. Umso wichtiger sei es, so Baerbock, dass nun das Projekt Safe House schnell umgesetzt werde, „da die Frauen und die Kinder kaum eine andere Chance haben“.

Doch auch dagegen gibt es Vorbehalte – in diesem Fall von jesidischer Seite. Die Vorstellung, dass in ihrer unmittelbaren Nähe ein Ort entstehen könnte, an dem jesidische Mütter mit muslimischen Kindern zusammenleben, sehen Vertreter der Jesiden mit Sorge. Auch dies könnte zum Vorwand für weitere Angriffe auf die Religionsgemeinschaft werden, befürchten sie. Zudem ist es für die Jesiden, die so viel Leid erfahren haben, ein kaum erträglicher Gedanke, dass Angehörige der Religionsgruppe, die ihnen das angetan hat, ein Teil ihrer Gemeinschaft werden könnten. Deshalb wäre es für viele die beste Entscheidung, die jesidischen Frauen würden sich von ihren muslimischen Kindern trennen.

Im Entwicklungsministerium in Berlin scheint die Skepsis der Jesiden bekannt zu sein. „Wir brauchen in dieser Frage einen langen Atem“, schreibt die Beauftragte für Flüchtlingspolitik, Elke Löbel. „Und die Zusammenarbeit mit lokalen Strukturen und Behörden.“ Das steht bereits fest: Das Projekt soll von einer irakischen Nichtregierungsorganisation namens „Emma“ umgesetzt werden, die wiederum von der deutschen Hilfsorganisation Medica Mondiale, die sich weltweit für Frauenrechte einsetzt, unterstützt wird. „Wenn es diesen Schutzraum für Frauen geben wird, ist das ein großer Fortschritt“, sagt Kizilhan. Er geht davon aus, dass auch die Jesidinnen, die bislang mit ihren Kindern in Syrien oder im Untergrund ausharrten, zurückkehren würden, wenn sie an einem sicheren Ort leben könnten. „Das hätte für die Frauen eine große Symbolkraft“, sagt der Psychologe. „Und ganz praktisch hätten sie einen Ort, an dem sie wirtschaftlich und medizinisch versorgt werden, und die Kinder zur Schule gehen könnten.“

Auch Sara Murads sechsjährige Tochter, die wenige Wochen nach der Eroberung der jesidischen Dörfer in IS-Gefangenschaft geboren wurde, geht seit diesem Jahr im Camp Mam Rashan zur Schule. Die Jesidin ist froh, dass ihr Kind, mit dem sie die viereinhalb schlimmsten Jahre ihres bisherigen Lebens verbracht hat, diese Möglichkeit hat. Auch für sich selbst hat sie entschieden, noch einmal zur Schule gehen zu wollen. Anfang dieser Woche hat sie sich für die zwölfte Klasse angemeldet mit dem Ziel, Abitur zu machen – eine kleine Sensation nach all dem, was ihr angetan wurde. „Bildung ist mein Weg in die Zukunft“, sagt Sara Murad. Und auf diesem Weg will sie sich nicht aufhalten lassen.

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