Der Gottesstaat ist im Mark erschüttert: Wie der Flugzeugabschuss Iran verändert

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Personen bei der Mahnwache
Ein Frau bei einer Mahnwache für die Opfer des Flugzeugabsturzes mit 176 Todesopfern am Eingang der Amri Kabir Universität in Teheran. (Foto: Ebrahim Noroozi/dpa)
Thomas Seibert

„Ich wünsche, ich wäre tot“, sagte Amirali Hadschisadeh, ein General der iranischen Revolutionsgarde, drei Tage nach dem Absturz der ukrainischen Verkehrsmaschine bei Teheran. Hadschisadeh musste einräumen, dass seine Soldaten den Passagierjet für eine amerikanische Rakete hielten und vom Himmel holten: 176 Menschen starben, darunter viele Iraner und Kanadier iranischer Herkunft. Dass die Elitetruppe des Iran öffentlich zugeben muss, dass sie ein Verkehrsflugzeug nicht von einer feindlichen Rakete unterscheiden kann, ist eine Demütigung für die an die Macht gewohnten Gardisten. Die Revolutionsgarde soll die Islamische Republik verteidigen – doch stattdessen verstärkt ihr Verhalten eine Legitimitätskrise, die für das Regime gefährlicher ist als die Wirtschaftssanktionen der USA. Das zeigten die Reaktionen auf das Eingeständnis: Tausende Demonstranten gingen am Samstag und Sonntag auf die Straße, um gegen die Garde, die Regierung und Revolutionsführer Ali Khamenei zu demonstrieren.

Spott für die Gardisten

Selbst viele Regierungsgegner im Iran hätten der Garde lange zugute gehalten, dass sie das Land zumindest vor Angriffen von außen schütze, sagt der in Hamburg lebende iranische Exil-Journalist Omid Rezaee. Nun stelle sich heraus, dass die Garde nicht einmal ein Verkehrsflugzeug in der Nähe der Hauptstadt korrekt identifizieren könne, sagte Rezaee der „Schwäbischen Zeitung“ in Istanbul. Das habe den Ruf der Truppe stark erschüttert. Inzwischen werde die Garde von Demonstranten auf offener Straße kritisiert und verspottet. „Das ist etwas Neues für den Iran“, sagt Rezaee.

Die Revolutionsgarde ist die Elite der iranischen Streitkräfte und die Speerspitze der offensiven iranischen Politik im Nahen Osten. Das Korps wurde kurz nach der Revolution von 1979 gegründet, weil die damals neue Führung unter Ajatollah Ruhollah Khomeini der Armee des gestürzten Schahs nicht traute. Über die Jahre weitete die Garde ihre militärische, wirtschaftliche und politische Macht aus. Heute verfügt sie über mehr als hunderttausend Soldaten sowie eigene Marine- und Luftwaffenverbände – sie ist eine Art Parallel-Armee neben den regulären Streitkräften.

Zudem kontrolliert die Garde, die direkt Khomeinis Nachfolger Khamenei untersteht, viele große Wirtschaftsunternehmen.

Ihr populärster General war Kassem Soleimani, der als Chef der Auslandstruppe der Garde die Nahost-Politik Irans steuerte. Soleimanis Ermordung durch einen US-Drohnenangriff am 3. Januar war deshalb ein schwerer Schlag für das gesamte theokratische System. Als Antwort schoss die Garde vergangene Woche 15 Raketen auf Militärstützpunkte im Irak, die von der US-Armee genutzt werden.

Auf die militärische Schwächung der Garde durch Soleimanis Tod folgt nun die moralische durch den Abschuss des ukrainischen Flugzeugs. International steht Iran als Land da, dessen Armee und Regierung nicht nur inkompetent sind, sondern die Welt auch noch tagelang anlügen. Noch am Freitag hatte der Leiter der iranischen Luftfahrtbehörde behauptet, eine Rakete sei auf keinen Fall der Grund für den Absturz der Passagiermaschine gewesen.

Besonders schwer wiegt für die Teheraner Führung die Kritik in Iran selbst. Der angesehene Oppositionspolitiker Mehdi Karroubi forderte den Rücktritt von Khamenei, der als Revolutionsführer der mächtigste Mann im Land und Oberbefehlshaber der Revolutionsgarde ist.

Demonstranten in iranischen Großstädten riefen nicht nur Parolen gegen die Regierung, sondern auch gegen die Revolutionsgarde und Khamenei. „Garde, schämt euch was, lasst das Land in Ruhe“, lautete ein Sprechchor der Demonstranten, wie die iranisch-amerikanische Journalistin Negar Mortazavi auf Twitter berichtete. Andere Protestierende beschimpften die Gardisten und Khamenei als Mörder.

Auch am Sonntag gingen die Proteste weiter. Sie zeigen das Ausmaß der Legitimitätskrise des Regimes, das sich noch nicht von der Protestwelle des vergangenen Jahres erholt hat. Die damaligen Demonstrationen richteten sich gegen eine drastische Benzinpreiserhöhung, aber auch gegen Misswirtschaft, Korruption und Inkompetenz des Regimes. Die Regierung und die Revolutionsgarde gingen mit brutaler Härte gegen die Kundgebungen vor; mehrere Hundert Menschen starben, in einigen Berichten war von bis zu 1500 Opfern die Rede.

Die Erinnerung an den Gewalteinsatz im vergangenen Jahr sei noch frisch, sagte Rezaee. „Die Revolutionsgarde wird für die vielen Opfer verantwortlich gemacht“, sagte er über die getöteten Demonstranten des vergangenen Jahres und die Passagiere des ukrainischen Jets. „Das werden die Leute nicht so schnell vergessen.“

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