Der Brexit spaltet das Land

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Brexit-Befürworter und -Gegner demonstrieren vor dem Parlament in London. Die Abstimmung im Juni 2016 hat das Volk zerrissen.
Brexit-Befürworter und -Gegner demonstrieren vor dem Parlament in London. Die Abstimmung im Juni 2016 hat das Volk zerrissen. (Foto: Imago)
Sebastian Borger

Die Familie von Phil Manley hat nie viel über Politik geredet. Auch unter Freunden im Pub hielt sich der IT-Berater und Vater von drei Kindern aus dem südenglischen Küstenstädtchen Christchurch bei politischen Diskussionen zurück: „Ich hörte zu, aber ich hatte keine starken Meinungen.“

Der Brexit hat alles verändert. Im Pub wird seit Großbritanniens knapper Austrittsentscheidung mit 52:48 Prozent im Juni 2016 von kaum etwas anderem gesprochen, „und das ist auch so geblieben“. Vor allem aber erlebte Manley im engsten Umfeld einen Schock: Seine Eltern, heute 75 und 74 Jahre alt, hatten für den Austritt (Leave) gestimmt, während er selbst sein Kreuz bei Remain, dem EU-Verbleib, gemacht hatte. „Ich konnte das gar nicht glauben“, erinnert sich der Engländer, der mit der Deutschen Babs Gierlichs zusammen lebt. „Ich sagte: Ihr habt halb-deutsche Enkelkinder, eine deutsche Schwiegertochter. Wie könnt Ihr das machen?‘“

Politisch tief gespalten

Diese Frage wurde landesweit hunderttausendfach gestellt. Allerorten hat der Brexit Familien und Freundeskreise entzweit, Beziehungen und Ehen gesprengt. Wie im Privaten, so auch im Politischen: Während England und Wales den EU-Austritt befürworteten, wollten Nordirland und Schottland im Brüsseler Club bleiben, ebenso wie London, Liverpool und Manchester, während Birmingham, Sheffield und Newcastle die EU verlassen möchten – der Riss geht quer durchs Land.

Im seinem Roman „Middle England“ hat Jonathan Coe jüngst die ätzende Wirkung der Volksabstimmung auf das Privatleben seiner Landsleute satirisch verarbeitet. Zwei der Hauptfiguren, Sophie und Ian, reichen nicht zuletzt wegen unterschiedlicher Auffassungen über Großbritanniens Position im politischen Europa die Scheidung ein.

Daran würden Lucy und Frank Silver nicht denken. Vorsichtshalber sperrte das Londoner Paar die Politik aus ihrer über 30-jährigen Ehe aus: „Wir haben uns immer verheimlicht, für welche Partei wir bei Wahlen gestimmt haben“, erinnert sich die pensionierte Schulsekretärin, 61. Während Lucy aus einer linksliberalen Familie stammt – ihr Vater saß für die Liberalen und für Labour im Unterhaus –, steht Frank rechts der Mitte. „Lucy verortet mich irgendwo rechts von Dschingis Khan“, sagt der 64-jährige Immobilienhändler. Lucy Silver fühlte sich „hin- und hergerissen“, machte am Ende aber doch ihr Kreuz bei Remain: „Ich fand, es sei besser, die nötigen Veränderungen von innen her zu machen.“ Mit dem Status Quo war sie ebenso wenig zufrieden wie ihr Mann: Frank Silver wehrt sich gegen die vielen Verordnungen aus Brüssel.

Er wollte den Austritt – und stand damit bei Familie, Nachbarschaft und im Freundeskreis ziemlich allein da: Die Silvers leben im Wahlkreis des Labour-Chefs Jeremy Corbyn, Nord-Islington stimmte mit einer Drei-Viertel-Mehrheit für Remain. Wenn das Paar heute zum Abendessen eingeladen wird, spart man das Thema Brexit daher lieber aus.

Identifikation mit dem Brexit

Wissenschaftliche Studien unterstreichen die Sprachlosigkeit. Der Brexit hat die Wähler stark verändert, fasst Professor Anand Menon die Ergebnisse der Studie „Brexit und die öffentliche Meinung“ des Thinktanks „Britain in a changed Europe“ zusammen: „Die Brexit-Identität hat stärkere soziale und emotionale Macht als die Zuordnung zu Parteien.“ John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow ergänzt: 77 Prozent der britischen Erwachsenen identifizieren sich stark oder sogar sehr stark mit EU-Befürwortern oder -Gegnern. Und beide Lager verharren in ihrer jeweiligen Blase.

Die Politik hat das befördert, glaubt Lucy Silver. „Ich habe nie verstanden, warum man den Austrittsprozess nicht parteiübergreifend organisiert hat.“ Ähnlich argumentiert Phil Manley in Christchurch: „Man hat den Eindruck, dass die sich immer nur um sich selbst drehen.“

Manley und seine Familie wollen kommende Woche wieder für ein zweites Referendum auf die Straße gehen, obwohl Babs Gierlichs auch diesmal nicht mitstimmen könnte: „Ich liebe die Gegend und das Land, aber ich bin auch sehr deutsch.“ Ob sich das Meinungsbild aber wesentlich verändert hat? Zwar sprechen sich bei einer Wiederholung der Frage vom Juni 2016 seit Monaten rund 55 Prozent der Briten für den EU-Verbleib aus. Wollen die Menschen aber wirklich ein zweites Mal gefragt werden? Darauf antworten bestenfalls 46 Prozent des Wahlvolkes mit Ja.

Wahrscheinlich fürchtet sich die Mehrheit vor einem Schlagabtausch mehr als vor negativen Brexit-Folgen. Phil Manley bliebe ein politisches Gespräch mit seinen Eltern erspart.

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