Der bedächtige Anheizer

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Ayatollah Ali Khamenei herrscht seit 30 Jahren über die islamische Republik Iran, die am 11. Februar 1979 von seinem Vorgänger A
Ayatollah Ali Khamenei herrscht seit 30 Jahren über die islamische Republik Iran, die am 11. Februar 1979 von seinem Vorgänger Ayotollah Khomenei – links ein Porträt – ausgerufen wurde. (Foto: afp)
Michael Wrase
Redakteur

Heute vor genau 40 Jahren veränderte die islamische Revolution in Iran das politische Gefüge des Landes. Seit nunmehr drei Jahrzehnten ist Ayatollah Ali Khamenei das geistliche und politische Oberhaupt der islamischen Republik. Er schafft es, die politischen Lager in Iran zu einen – und die Bevölkerung mit leisen Tönen gegen die USA und Israel aufzustacheln.

Ali Khamenei war damals eine Notlösung. Nach dem Tod des Ayatollah Khomeini im Juni 1989 sollte eigentlich der Ayatollah Montazeri die Nachfolge des Republikgründers antreten. Doch der war in Ungnade gefallen, weil er, als Khomeini im Sterben lag, die Menschenrechtsverletzungen in Iran öffentlich kritisiert hatte. Der Expertenrat bestimmte daraufhin Ali Khamenei als einen „Übergangsführer“, wogegen sich der Auserkorene heftig wehrte. „Wer von euch wird mich als Anführer akzeptieren?“, fragte Khamenei die versammelten Experten trotzig: „Wer von euch glaubt tatsächlich an meine religiöse Autorität?“

30 Jahre später wird diese Frage in iranischen Regimekreisen nicht mehr gestellt. Obwohl ihm das Charisma des Ayatollah Khomeini fehlt, hat es der aus dem ostiranischen Maschad stammende Khamenei verstanden, die Machtblöcke in Iran auszubalancieren. Mit Geschick schaffte es der von vielen Iranern unterschätzte Geistliche, die schweren Krisen der islamischen Republik zu überstehen und sein Land als regionale Supermacht im Mittleren Osten fest zu positionieren.

Rhetorik ist seine Stärke

Khameneis Stärke sind seine Reden. Er redet „seine Zuhörer direkt und mit warmer Stimme, wie ein väterlicher Freund, an, zeigt auch Verständnis für die andere Seite, präsentiert sich als unparteiischer Richter, damit sein Urteil umso wirkungsvoller zur Geltung kommt“, beschreibt der deutsch-iranische Iran-Kritiker und Philosoph Navid Kermani Khameneis Auftritt in Teheran während der Niederschlagung der Grünen Revolution vor zehn Jahren.

Wenn Khamenei spreche, bräuchten die Massen keinen Einpeitscher mehr, um alle paar Minuten „Tod den Amerikanern und Israelis“ zu schreien. Wie er es schaffe, die Gefühle der Zuhörer anzuheizen, ins Hysterische zu steigern, sei „brillant und gleichzeitig beängstigend“.

Derartige rhetorische Fähigkeiten hatten Khamenei, dem man, so Kermani, „die lange Ausbildung an schiitischen Seminaren anmerkt“, nur wenige zugetraut. Sie sind offenbar aber notwendig, um sich gegen Andersdenkende durchzusetzen und gleichzeitig die ihm nahestehenden Hardliner davon zu überzeugen, dass die Konfrontation mit dem sogenannten „großen Satan USA“ nicht immer der richtige Weg ist. Als die Regierung von Staatschef Hassan Ruhani vor fünf Jahren die Genfer Gespräche zum iranischen Atomprogramm begannen, war es Khamenei, der von den einflussreichen Revolutionsgardisten „historische Flexibilität“ verlangte. Freundschaftliche Beziehungen seien sogar mit dem amerikanischen Volke möglich, betonte der Ayatollah, der die Politik amerikanischer Regierungen als „arrogant und rachsüchtig“ verurteilte.

Wie viele iranische Geistliche saß auch Ayatollah Khamenei während der Schah-Zeit mehrere Jahre im Gefängnis, wo er brutal gefoltert wurde. Als der iranische Revolutionsführer kurz nach dem Sturz des Schahs bei einem Attentat schwer verletzt wurde, interpretierte der Vater von sechs Kindern sein Überleben als „ein Zeichen Gottes, der ihn für zukünftige Aufgaben auserwählt habe“.

Sorge um seine Gesundheit

Von seinen Anhängern erhielt Khamenei damals den Ehrentitel „lebender Märtyrer“, der seinen Aufstieg in der Hierarchie der islamischen Republik sicherlich nicht behinderte. Als sogenannter „herrschender Gottesgelehrter“ ist die Machtfülle des Revolutionsführers nahezu unbeschränkt. Sorgen bereitet der Führung in der islamischen Republik jedoch sein hohes Alter und seine Gesundheit: Khamenei wird im nächsten Jahr 80 und soll vor vier Jahren an Prostatakrebs erkrankt sein.

Einen Nachfolger, wie einst Khomeini, hat der Geistliche, dessen Familie aus der iranischen Provinz Aserbeidschan stammt, bisher nicht ernannt. Und eine Persönlichkeit, die, wie gegenwärtig Khamenei, als religiöser und politischer Schiedsrichter von allen Machtblöcken akzeptiert würde, haben Experten bislang nicht ausgemacht. Sein Tod, glauben westliche Diplomaten in Teheran, könnte in Iran für größere Unruhe sorgen als die Grüne Revolution im Sommer 2009.

Allerdings gäbe es keine konkreten Anzeichen dafür, dass der Ayatollah bald sterben könnte. Auch Khameneis Amtsvorgänger Khomeini habe hin und wieder gekränkelt. Mit seinem Tod im Alter von 90 Jahren sei die iranische Volksweisheit, dass „Ayatollahs uralt werden“, ein weiteres Mal bestätigt worden.

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