„Den Deutschen vertrauen die meisten Iraker“

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Farhad Ameen Atrushi
Farhad Ameen Atrushi (Foto: Jasmin Off)
Schwäbische Zeitung

Farhad Ameen Atrushi ist Gouverneur der nordirakischen Provinz Dohuk. Er begrüßt die Weihnachtsspendenaktion der „Schwäbischen Zeitung“, weil sie geflohenen Irakern und Syrern ein Dach über dem Kopf gibt und eine Bleibeperspektive für Menschen schafft, die sonst schon an eine Flucht nach Europa gedacht haben. Der 40-Jährige im feinen Anzug ist eigentlich Juraprofessor an der Universität Dohuk im Nordirak. Kürzlich wurde er bei einer Online-Abstimmung zum beliebtesten Politiker im Nordirak gewählt. Im Gouverneurssitz von Dohuk hat sich Atrushi mit Jan Jessen und Christoph Plate unterhalten.

Wie viele Flüchtlinge und intern Vertriebene leben in Ihrer Provinz?

Es gibt hier etwa 1,4 Millionen Einwohner und 700 000 Flüchtlinge. Ich habe gerade einen Beamten der Zentralregierung aus Bagdad getroffen und wir werden noch einmal 15 000 Wohneinheiten benötigen, also noch einmal fünf Camps. 22 Camps haben wir bereits. Jetzt bereiten wir uns auf die Ankunft von Flüchtlingen aus der umkämpften Stadt Mossul vor.

Wissen Sie, wie viele Menschen aus Mossul kommen könnten?

Die UN-Organisationen und die irakische Regierung rechnen mit 500000 bis 700000 Menschen. Wir rechnen mit 1,5 Millionen Irakern, die noch in Mossul leben. Die meisten Flüchtlinge werden nach Dohuk kommen, das ist geografisch viel einfacher und viele wollen nicht in Gebiete, in denen die irakische Armee das Sagen hat, weil es in der Armee extremistische Elemente gibt, die sich schlecht gegenüber sunnitischen Arabern verhalten.

Sind so viele Flüchtlinge nicht auch ein Sicherheitsrisiko?

Wir haben uns seit Langem darauf vorbereitet und mit dem UN-Flüchtlingswerk kooperiert. Wir können die Flüchtlinge nicht einfach so hier hereinlassen, das ist unmöglich. Darüber waren sie zunächst nicht sehr froh, aber schließlich geht es um unser aller Sicherheit. Wir haben uns auf Empfangszentren geeinigt, in die die Flüchtlinge kommen, bevor sie in die Camps weitergeschickt werden. Dort gleichen wir die Angaben der Flüchtlinge aus Mossul mit den Informationen unserer Geheimdienste ab, wer beim Islamischen Staat, dem IS, war und wer nicht. Sind sie einmal in den Camps, gibt es dort ebenfalls Polizei und Wachdienste, die ein Auge darauf haben. Natürlich ist das eine Bedrohung für unsere Sicherheit, weil wir nicht wissen, wer wer ist. Hunderttausende werden kommen und wir haben nicht alle Informationen über alle IS-Leute, einige werden sich vielleicht nur den Bart abrasieren. Wenn sie ein Camp verlassen wollen, brauchen sie einen Bürgen in der Stadt.

Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn sie sich auf einmal um die Hälfte vergrößert?

Weil die Camps Wasser brauchen, wird es rationiert, nur alle sechs Stunden kommt Wasser aus dem Hahn, alle 72 Stunden wird es ganz abgestellt. In den Krankenhäusern sind 60 bis 70 Prozent der Patienten Vertriebene, sodass viele Einheimische in Privatkliniken gehen müssen. Um die wenigen Arbeitsplätze wird auch konkurriert, wenn die Vertriebenen bereit sind für geringere Löhne zu arbeiten. Es gibt eine Bedrohung durch Krankheiten und Seuchen, wenn die Flüchtlinge aus schlechten hygienischen Verhältnissen kommen, könnte es Cholera und Ähnliches geben. Und es gibt die erwähnte Sicherheitslage, es gibt Probleme mit Kriminalität und Räubereien. Aber das sind Einzelfälle.

Die Menschen, die jetzt in den Camps leben, sind meist Jesiden und Christen. Könnte es Probleme geben, wenn jetzt Araber aus Mossul hierher fliehen?

In den Camps gibt es wenige Araber, die leben meist in den Städten und schon seit Längerem hier. Sie haben Wohnungen und Häuser gemietet, mit denen gibt es keine Probleme. Mal schauen, was passiert, wenn die Menschen aus Mossul fliehen. Wir hoffen, dass die Stadt schnell befreit ist und der IS aus der Stadt vertrieben wird.

Wird es denn schnell gehen?

Was meinen Sie mit schnell? Selbst wenn eine Stadt befreit ist, wird es schwierig, Autorität herzustellen und Sicherheit zu schaffen. Dafür braucht man Zehntausende Soldaten, die Geld, Waffen und Munition brauchen. Es gibt Tausende IS-Leute dort, viele Ausländer auch, die bis zum Letzten kämpfen werden. Die wissen, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können, also versuchen sie so viel Zerstörung wie möglich zu organisieren, so viele Menschen wie möglich zu töten.

Könnte es auch einen Terrorangriff hier in Dohuk geben, so wie vor einiger Zeit in Kirkuk, wo sich IS-Leute unter die Flüchtlinge gemischt und dann losgeschlagen haben?

Terror könnte es doch überall geben, es ist in Paris geschehen, in Berlin, in Orlando. Überall kann der IS losschlagen, in Indonesien, in Amerika, in Europa, Afrika, dem Nahen Osten oder auch in China. Wir haben den topografischen Vorteil in Dohuk, dass die Stadt von Bergen umgeben ist. Außerdem koordinieren sich die Geheimdienste hier sehr gut, und Geheimdienstarbeit ist sehr wichtig. Wenn etwas passiert, sollten wir Bescheid wissen. Wir sind vorsichtig, aber die Gefahr lauert überall.

Den IS zu verjagen ist das eine, die Zukunft zu bauen das andere. Glauben Sie, dass irgendwann Araber, Jesiden, Kurden und Christen wieder friedlich miteinander leben werden?

Wenn Sie über eine ideale Welt sprechen, über eine Versöhnung wie aus dem Bilderbuch – die wird es nicht geben. Wir brauchen konkrete politische Vereinbarungen, sonst wird es keine Versöhnung geben. Dies ist nicht nur eine religiöse oder soziale Frage, wir werden nicht den gleichen Fehler machen wie die Amerikaner, die, als sie 2003 nach Bagdad kamen, alle, die für das alte Regime von Saddam Hussein gearbeitet haben, zum Teufel jagten.

... wie soll es dann geschehen?

Die Wirtschaft ist absolut wichtig. Hier sind alle immer nur mit Politik beschäftigt und das tut uns nicht gut. Die Menschen müssen sich um ihre Arbeit kümmern. Wenn die Menschen arbeitslos sind und arm, werden sie entweder Soldaten oder Terroristen. Wenn man wirklich den Terrorismus im Nahen Osten erledigen will, muss man die Armut bekämpfen und Arbeitsplätze schaffen. Geht es den Menschen gut, kümmern sie sich nicht so sehr um die Politik. Außerdem braucht es Sicherheit. Die Amerikaner organisieren gerne Friedenskonferenzen. Aber bevor man das tut, muss man sich um die Spannungen kümmern, anstatt Termine für Fotografen abzuhalten. Darum blühen doch unter den Islamisten auch Verschwörungstheorien, die besagen, dass der Westen im Grunde diese Länder zugrunde richten will, anstatt sie zu befrieden. Seit dem Ersten Weltkrieg, seit der Kolonialzeit mit ihrer willkürlichen Grenzziehung dauert dieses Problem an. Auch viele Kurden hinterfragen diese alte Ordnung, unter der sie in Syrien, der Türkei, dem Irak und Iran assimiliert werden, anstatt ihnen ein kleines Territorium zu geben. Es wurde einst ein künstliches Land geschaffen, das man Irak nannte, in dem Christen, Jesiden, Sunniten, Schiiten, Araber und Kurden leben. Diese Menschen werden nicht friedlich miteinander leben, wenn man sie dazu zwingt.

Sie beschreiben sehr schön, wie die Amerikaner Konferenzen machen, die zu nichts führen. Was ist mit den Deutschen und der EU?

Man muss zwischen der EU und den einzelnen Mitgliedsstaaten unterscheiden. Den Deutschen vertrauen die meisten Iraker, auch die Araber. Den Briten und den Franzosen traut man nicht, weil sie als Kolonialmächte diese Staaten geschaffen haben, mit denen niemand einverstanden ist. Italien, Spanien, Schweden und Deutschland vertraut man. Deutschland könnte in einem Versöhnungsprozess eine sehr konstruktive Rolle spielen...

...wie könnte die praktisch aussehen?

...das weiß ich nicht, aber wenn die Deutschen ihren wirtschaftlichen oder militärischen Einfluss geltend machen, wäre das gut. Man traut den Deutschen, weil sie keine Interessen haben wie etwa die Amerikaner.

Auch wenn man in den vergangenen Monaten den Eindruck hatte, dass der türkische Präsident der deutschen Kanzlerin nicht zuhört, könnten die Deutschen doch Einfluss auf die Türken nehmen, damit die sich in diesem Konflikt etwas konstruktiver verhalten?

Ja, der wirtschaftliche Einfluss der Deutschen ist beträchtlich, aber ich weiß natürlich nicht, ob Erdogan auf Merkel hören wird. Wenn die Europäer sich wirklich um diesen Teil der Welt kümmern wollen, der sehr nahe an Europa liegt, wenn gar die Türkei ein Mitglied der EU werden würde, wären Aleppo und Mossul in der Nachbarschaft zur EU. Es braucht einen kleinen Marshallplan für unsere Weltgegend. Wenn hier nicht wiederaufgebaut wird, dann wird es immer Terroristen geben. Das habe ich auch Minister Gerd Müller mehrfach gesagt, wenn ihr Milliarden an die UN gebt, die lediglich Nahrungsmittel verteilt, betrügt ihr euch selbst. Wenn es den Flüchtlingen nicht besser geht, haben sie zwei Optionen: nach Europa, speziell nach Deutschland, zu fliehen und Asyl zu beantragen oder hierzubleiben, wo sie gefüttert werden. Es geht doch um mehr: Heute helfen sie uns auf die Beine zu kommen, morgen kaufen wir ihre Mercedes.

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