Das Urteil zum Mord an George Floyd ist ein Sieg der Gerechtigkeit

Zwölf Geschworene in Minneapolis haben ein Urteil gefällt, wie man es mit gesundem Menschenverstand anders kaum fällen konnte, kommentiert Frank Herrmann. (Foto: AFP/dpa/SZ)
Frank Herrmann
Korrespondent

Es ist ein Sieg der Gerechtigkeit. Zwölf Geschworene in Minneapolis haben ein Urteil gefällt, wie man es mit gesundem Menschenverstand anders kaum fällen konnte.

Sie haben Derek Chauvin, den Polizisten, der sein Knie so lange in den Nacken George Floyds drückte, bis der in Handschellen am Boden liegende Afroamerikaner an Sauerstoffmangel starb, in allen drei Anklagepunkten für schuldig befunden.

Zu eindeutig waren die Aufnahmen einer Handykamera, die das Verbrechen dokumentierten, als dass sich der Beamte auf Notwehr berufen konnte. Die Argumente der Verteidigung haben nicht überzeugt, weil die Beweislast erdrückend war.

Und doch. Nicht wenige Amerikaner, vor allem Menschen mit dunkler Haut, hatten bis zum Schluss sogar einen Freispruch für möglich gehalten. Zu bitter waren die Erfahrungen, die Opfer brutaler Gewalt machen mussten, wenn die Hüter von Recht und Ordnung, was selten genug passierte, vor Gericht standen.

Da ist Rodney King, der schwarze Taxifahrer, auf den vier Polizisten wie von Sinnen einprügelten, nachdem sie ihn nach einer wilden Verfolgungsjagd durch die Straßen von Los Angeles gestoppt hatten.

1992, ein Jahr nach der Tat, wurde das Quartett von einer mehrheitlich mit Weißen besetzten Jury für nicht schuldig befunden. Obwohl es auch damals einen Augenzeugen gab, der die Gewaltorgie filmte, mit einer Videokamera, nicht mit einem Smartphone.

Da ist Michael Brown, der schwarze Teenager, der in Ferguson von einem Uniformierten erschossen wurde. Unbewaffnet. Eine im Geheimen tagende Grand Jury, eine vorgerichtliche Instanz, entschied, keine Klage zu erheben.

Da ist Eric Garner, der schwarze New Yorker, der bei einer Festnahme im Würgegriff eines Beamten starb. Erneut wartete die Öffentlichkeit vergeblich auf eine Anklage.

Was all diese Fälle verbindet, ist die Prämisse, nach der Polizisten im Zweifelsfall immer recht haben. Entscheidungen sind in Sekundenschnelle zu treffen, die Kriminalität ist hoch, der Job gefährlich, zumal in einem Land, dessen Verfassung privaten Waffenbesitz garantiert: Dass den Kräften von Law and Order von einer Mehrheit der Amerikaner viel Verständnis entgegengebracht wurde, wussten die schwarzen Schafe der Truppe auszunutzen, wenn sie sich exzessiver Gewalt schuldig machten.

In aller Regel wurden sie dabei von ihren Vorgesetzten wie auch von ihrer Gewerkschaft gedeckt. Die Metapher von der blauen Mauer des Schweigens, sie hatte – und hat – ihren Grund.

In Minneapolis ist die Mauer zerbröselt, auch das bedeutet womöglich eine Zäsur. Jede Polizistin, jeder Polizist, die beziehungsweise der dort als Zeuge geladen war, sagte gegen den Angeklagten aus. Der Versuch der Verteidigung, Chauvin als kühl abwägenden Officer zu porträtieren, der im Einklang mit den Vorschriften handelte, scheiterte nicht zuletzt an der kompromisslosen Klarheit, mit der der Polizeichef von Minneapolis solche Argumente zerpflückte.

In einem anderen Punkt griff Chauvins Anwalt tief in die Kiste der Stereotypen: Dass sein Mandant das Knie länger als neun Minuten in Floyds Nacken presste, begründete er mit der enormen Stärke des Festgenommenen. Chauvin habe damit rechnen müssen, dass sich der Hüne Floyd nach einer Schwächephase mit Erfolg zur Wehr setzen würde gegen die Beamten, die ihn zu bändigen versuchten.

Ein bereits Gefesselter potenziell siegreich im Duell gegen vier in Kampftechniken geschulte Polizisten: Das Märchen, das der Jurist Eric Nelson im Gerichtssaal auftischte, wurzelt in uralten Ressentiments. Es handelt vom schwarzen Mann, der über scheinbar übermenschliche Kräfte verfügt. Nach dem Tod Michael Browns, eines hochgewachsenen, muskulösen Achtzehnjährigen, ist es schon einmal erzählt worden. Immer wieder dasselbe Klischee.

Dass die Geschworenen nichts von alledem gelten ließen, spricht für ein gesundes Urteilsvermögen. Vielleicht spricht es sogar – man sollte da vorsichtig sein – von gesellschaftlichem Wandel.

Wenigstens ansatzweise. Der Schuldspruch erspart den USA eine Welle von Protesten, die ganz sicher durch das Land gerollt wäre, hätte der Prozess einmal mehr den Eindruck erweckt, als wären Polizisten so gut wie unantastbar. Ob er tatsächlich eine Wende markiert, bleibt abzuwarten.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Meist gelesen

Impftermin-Ampel: Jetzt mit Push-Nachrichten für Ihr Impfzentrum

Die Impftermin-Ampel von Schwäbische.de zeigt mit einem Ampelsystem Impfzentren der Region an, in denen es gerade freie Termine gibt. 

+++ JETZT NEU: Nutzer mit einem Schwäbische Plus Basic, Premium- oder Komplettabo können sich nun exklusiv und noch schneller per Pushnachricht aufs Handy über freie Termine bei Ihrem Wunsch-Impfzentrum informieren lassen. Hier geht es direkt zum Push-Service, Abonnenten können ihn sofort nutzen.

Nutzer ohne Abo können weiterhin die bestehende Impfampel auf dieser Seite hier nutzen.

Die Gäste schlafen in klassisch-modern eingerichteten Zimmern.

So war die erste Nacht im Sigmaringer Hotel

Wir haben alle das Gefühl schon einmal gehabt: Die erste Nacht im neuen Haus. Die erste Nacht in der tollen, kuscheligen Bettwäsche. Die erste Nacht in einer neuen, noch ungewohnten Umgebung. Ein manchmal komisches, hoffentlich ein gutes Gefühl, auf jeden Fall aber ein Ereignis, an das man sich lange erinnert.

Im Fall des Autors dieser Zeilen: Die erste Nacht, als allererster Gast im ganz neu eröffneten Karls Hotel in Sigmaringen. Und auch hier: Ein irgendwie komisches Gefühl – denn: Wer übernachtet schon in seiner Heimatstadt im ...

Vatertagsausflug

Statt großem Zeltfest: MV Schmiechen bietet Alternative zum Vatertag an

Keine Konzerte, kein Zusammenkommen, kein großes Vatertagsfest: Der Musikverein Schmiechen hätte allen Grund zu klagen – und doch, so betont Vorsitzender Hubert Stoll, wolle man nicht jammern, sondern optimistisch sein und etwas „den Leuten geben“, auch um nicht in Vergessenheit zu geraten. „Daher haben wir uns dieses Jahr auch wieder etwas einfallen lassen“, sagt Stoll. Statt eines Fests gibt es ein Rucksackvesper vom Musikverein, das individuell zusammengestellt und für eine Wanderung oder für zu Hause abgeholt werden kann.

Mehr Themen