Das Unterhaus hofft auf einen Versöhner

Lesedauer: 5 Min
Lindsay Hoyle ist neuer Präsident des britischen Unterhauses.
Lindsay Hoyle ist neuer Präsident des britischen Unterhauses. (Foto: AFP/PRU)
Sebastian Borger

Egal, wie sich das Parlament nach der Wahl im Dezember zusammensetzt – im Londoner Unterhaus herrscht ab sofort ein anderer Ton. In einem quälend langen, umständlichen Verfahren bestimmten die Abgeordneten der endenden Legislaturperiode am Montagabend die Nachfolge für den aus dem Amt geschiedenen Speaker John Bercow – und wählten den Labour-Abgeordneten Lindsay Hoyle. Dabei distanzierten sich sämtliche Kandidaten – vier Frauen und drei Männer – mehr oder weniger deutlich vom langjährigen Parlamentspräsidenten. Sie präsentierten sich teilweise sogar als Anti-Bercow.

In mehr als zehn Jahren auf dem grünen Thron im holzgetäfelten Plenarsaal hat Bercow das Amt geprägt. Seit 2009 sind die Sitzungstage familienfreundlicher geworden, das Hohe Haus bekam einen Kindergarten. Minister mussten sich viel häufiger als früher auch kurzfristig für ihre Entscheidungen rechtfertigen, die Opposition erhielt mehr Gelegenheit zu eigenen Debatten. Hinterbänkler aller Fraktionen kamen ausführlicher zu Wort.

Diese Stärkung des Parlaments gegenüber der traditionell übermächtigen Exekutive dürfte die Ära Bercow überleben.

Hingegen brachte der eitle Speaker immer wieder die Kollegen, nicht zuletzt aus der eigenen Fraktion, gegen sich auf, weil er den Klang seiner eigenen Stimme zu sehr liebte und einige Lieblingsfeinde häufig rüde zurechtwies. Am Ende misstrauten vor allem Brexiteers dem Schiedsrichter des Parlaments zutiefst, weil dieser in den Austrittsdebatten der vergangenen Monate immer wieder eine Präferenz für Brexit-Gegner erkennen ließ.

Diese Stimmung nahmen am Montag sämtliche Nachfolge-Kandidaten auf, sprachen wie Bercows bisherige Stellvertreterin Rosie Winterton (Labour) von einer „versöhnenden Rolle“, forderten wie deren Fraktionskollege Chris Bryant eine „Rückkehr zum Regelwerk: Der Speaker ist Schiedsrichter, kein Spieler“. Die Tory-Abgeordnete Eleanor Laing, ebenfalls bisher Stellvertreterin Bercows, wurde noch deutlicher: „Als Speaker herrscht man nicht, sondern man dient dem Haus.“

Über Parteigrenzen hinweg beliebt

Da Bercow als Konservativer gewählt worden war, standen diesmal die Chancen für einen Labour-Vertreter besser. Und tatsächlich schafften es Bryant sowie der Favorit Lindsay Hoyle, Bercows erstrangiger Vize, in den letzten Wahlgang. Am Ende gewann Hoyle mit 325:213 Stimmen. Bereits in den vorangegangenen Runden war der leutselige, über Parteigrenzen hinweg beliebte und erfahrene Mann aus altem Labour-Adel – schon sein Vater vertrat die Arbeiterpartei mehr als zwei Jahrzehnte lang im Unterhaus – seiner Favoritenrolle gerecht geworden.

Sollte sich die Tradition durchsetzen, wird der Sieger bei der Wahl am 12. Dezember ohne ernsthaften Gegenkandidaten seinen Wahlkreis zurückgewinnen und mindestens für die Dauer der kommenden Legislaturperiode amtieren. Bercow hatte zunächst eine Amtszeit von acht Jahren angekündigt, dann aber wegen der Brexit-Unsicherheit mehrfach verlängert.

In seiner 642-jährigen Geschichte hat das Amt nicht allen Inhabern Glück gebracht, einige von Bercows Vorgängern mussten sogar ihr Leben lassen. Der von Heinrich VIII. aufs Schafott geschickte Thomas More (1478 bis 1535) schaffte es posthum sogar zum Heiligen. Eingedenk der blutigen Geschichte ihrer Vorgänger lassen sich der oder die Gewählte bis heute scheinbar gegen ihren Willen zum Speaker-Thron zerren.

In Wirklichkeit stellt das hohe Amt eine Auszeichnung dar für altgediente Parlamentarier. Mit dem schönen, dem Premierminister gleichgestellten Gehalt von 175 500 Euro geht das kostenlose Wohnrecht im Palast von Westminster einher.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen