Das sächsische Drama

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1991 griffen Rechtsextreme eine Unterkunft im sächsischen Hoyerswerda an, in der größtenteils Menschen aus Mosambik und Vietnam
1991 griffen Rechtsextreme eine Unterkunft im sächsischen Hoyerswerda an, in der größtenteils Menschen aus Mosambik und Vietnam lebten. Das Image des Landes hat sich davon nicht wieder erholt. (Foto: archiv dpa)
Christine Keilholz

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Die Technische Universität Dresden hat früh Alarm geschlagen. Sachsens größte Forschungseinrichtung, an der Wissenschaftler und Studenten aus aller Welt arbeiten, fürchtete um ihren guten Ruf. Rektor Hans Müller-Steinhagen sprach von einer „nachhaltigen Image-Schädigung Dresdens über alle Grenzen hinweg“, die sein Haus zu spüren bekomme. Die Bemühungen um einen festen Platz im internationalen Wissenschaftsbetrieb „gestalten sich deutlich schwieriger“.

Das war im Sommer 2015. Da war die islamfeindliche Pegida-Bewegung in der Landeshauptstadt Sachsens zwar schon wieder auf lokales Querulanten-Maß geschrumpft. Aber das monatelange Gebrüll von Parolen wie „Volksverräter“, „Lügenpresse“ und „Merkel muss weg“ hallte noch nach in der Stadt an der Elbe.

Seit den 1990er-Jahren ziehen Sachsens Städte Rechte an. Woran das liegt? Weil grundsätzlich viele Menschen nach Sachsen gehen. Sie kommen aus Brandenburg, aus dem Ostsee-Hinterland oder aus Bielefeld zum Studieren oder für den Job nach Sachsen. Und sie alle finden hier gut Anschluss – auch die Rechten. Sachsen ist dichter und dynamischer als der Rest der neuen Länder. Aufstrebende Großstädte und ein attraktiver Arbeitsmarkt liegen hier. Früher saßen in Sachsen die großen Fabriken, geblieben sind die tristen Arbeiterwohnblocks.

Potenzial für Frust und Gewalt

Dass dort ein Potenzial für Frust und ungeheuerliche Taten brach lag, erfuhr die Republik im September 1991 aus Hoyerswerda. Neonazis hatten erst vietnamesische Händler attackiert und anschließend ein Vertragsarbeiterwohnheim, in dem vorwiegend Menschen aus Vietnam und Mosambik lebten, mit Molotow-Cocktails angegriffen. Anwohner sahen tatenlos zu oder klatschten Beifall.

Wenig später griffen Rechtsextreme eine Flüchtlingunterkunft an – erneut mit Brandsätzen. Von Hoyerswerda hat sich Sachsen bis jetzt nicht erholt. Der Hass hat dem Land ein Image aufgedrückt, das sich nicht wieder abschütteln lässt.

Es waren ja nur einige wenige Täter, sagen die einen. Es sind in Wahrheit viel mehr, sagen andere. Hoyerswerda hat die Marke Sachsen geprägt. Durch Bilder, die die Nachwende-Probleme zusammen zeigten: Betonwüsten, verängstigte Ausländer, hilflose Polizei und ein wütender Mob. Das sind seitdem die Zutaten für neue Geschichten, die immer wieder aus Sachsen erzählt werden.

Eine davon ereignete sich im August 2015 in Heidnau bei Dresden. Rechtsextreme versuchten gewaltsam, den Bezug einer Einrichtung für Flüchtlinge zu verhindern, sie griffen Polizei und Bewohner an.

In Bautzen kam es im März 2016 zu einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim. Als Bundespräsident Joachim Gauck anschließend nach Bautzen kam, wurde er von einigen wenigen als „Volksverräter“ beschimpft, die anderen Zuschauer schwiegen. Alexander Ahrens, der Bürgermeister von Bautzen, machte hinterher in den Talkshows eine gute Figur. Die Stadt gilt trotzdem als braunes Nest. Das ist Sachsens Drama. Solche Geschichten finden mehr Gehör als jene von einem Land, das sich in einem Vierteljahrhundert gut entwickelt hat.

Die Anführer der Rechten hatten das schnell raus: Wenn sie etwas Großes aufziehen wollten, dann in Sachsen. Wenn sie gesehen werden wollten, meldeten sie Demos an in Sachsen. Wenn sie in die Tagesschau wollten, tauchten sie in Sachsen auf.

Auch in Leipzig, der hippen linken Metropole an der Pleiße. Um die Jahrtausendwende marschierte der Neonazi Christian Worch mit seinen Kumpanen aus der rechten Prominenz zeitweise mit mehr als 2000 Anhängern.

Als sich im Herbst 2014 in Dresden Pegida formierte, kam der Gegenprotest nicht in Gang. Das lag auch daran, dass die traditionsbewussten Dresdner Bürger nicht in einer Reihe stehen wollten mit Teilnehmern, die rufen „Deutschland muss sterben“.

Die Wissenschaftler von der TU Dresden waren die Ersten, die 2014 breiten Widerstand gegen die Pegida-Demonstrationen zustande brachten. Danach ließ der Entzug von Aufmerksamkeit die Pegida-Blase schnell verpuffen. Die versprengten Reste der vermeintlichen Abendlandsretter marschieren seitdem weitgehend unter der Wahrnehmungsschwelle. Größere Aufmerksamkeit bekam die Truppe des Gründers Lutz Bachmann nur, als sie eine Kandidatin in die Dresdner Bürgermeisterwahl schickten und als sie den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders zu ihrer Demo einluden. Oder jüngst, als ein Mitläufer mit Deutschland-Hut die Reporter vom ZDF anmaulte, der sich als Mitarbeiter des Landeskriminalamts entpuppte.

Auch die Ausschreitungen von Chemnitz nach der tödlichen Messer attacke auf einen 35-Jährigen rücken Sachsen erneut in den internationalen Fokus.

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