Das Geld bleibt billig

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Zeigt sich von der Kritik an der Geldpolitik seines Hauses unbeeindruckt: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (
Zeigt sich von der Kritik an der Geldpolitik seines Hauses unbeeindruckt: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). (Foto: dpa)
Michael Braun

Die Europäische Zentralbank will es wissen: Sie hat am Donnerstag die Zinsen gesenkt, und sie will noch mehr Anleihen kaufen – sogar von Unternehmen, nicht nur von Staaten. Und damit die Banken nicht ins Schlingern kommen, bietet sie ihnen billige Refinanzierungsgeschäfte an. Die Botschaft lautet: Das Geld bleibt billig.

„Gute Nachricht für Europa“, kommentierte Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, die Entscheidungen der EZB. Doch es gab auch andere Meinungen: „Die Zinsentscheidung verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer“, sagte Liane Buchholz, die für öffentliche Banken in Deutschland spricht, etwa Landes- und Förderbanken. Langfristige Altersvorsorgekonzepte würden entwertet und zinsabhängige Institute in risikoreichere Geschäfte gedrängt. Damit meinte sie vor allem Sparkassen. Aber auch die genossenschaftlichen Banken oder die Postbank gehören zu den Instituten, die hohe Spareinlagen haben, die sie aber nicht alle als Kredit verkaufen können. Und zinsbringende Geldanlagen gibt es immer weniger. Die überschüssigen Gelder müssen also risikoträchtiger angelegt werden, um noch etwas Rendite zu bringen oder um sie nicht zum Strafzins bei der EZB deponieren zu müssen. „Die Beschlüsse der Europäischen Zentralbank werden für immer mehr Menschen in der Eurozone zu einer Belastung“, sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon.

Knapp zwei Prozent zum Ziel

Ganz anders EZB-Präsident Mario Draghi. Er referierte stolz, das Maßnahmenpaket des Rates sei darauf ausgerichtet, die Finanzierungskonditionen zu verbessern, die Kreditvergabe zu stimulieren, damit die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone anzuregen und schließlich wieder Inflationsraten von knapp zwei Prozent zu erreichen.

Zuvor hatte der Rat unter anderem diese Beschlüsse gefasst: Unerwartet wird der Leitzins, zu dem sich Banken bei der EZB Geld leihen können, von 0,05 auf 0,0 Prozent gesenkt. Der Nullzins ist also nun offiziell durch. Parken Banken Geld bei der EZB, müssen sie künftig dafür 0,4Prozent statt bisher 0,3 Prozent Strafzins zahlen. Der Negativzins wurde also verschärft. Zudem kauft die EZB vom Ende des zweiten Quartals an nicht mehr „nur“ für 60 Milliarden Euro monatlich Anleihen auf, sondern für 80 Milliarden Euro. Es sollen auch Euro-Anleihen von Unternehmen mit guter Bonität dabei sein, also nicht mehr nur Staatsanleihen. Die dürften langsam knapp werden. Vor allem aber will die EZB damit ihre Politik schneller in die Realwirtschaft, in die Unternehmenswelt bringen. Sie betreibt dann also quasi Unternehmensfinanzierung an den Banken vorbei. Das letzte Vorhaben gilt als Hilfe für Banken, weil sie den Zinsüberschuss als Einnahmequelle langsam vergessen können.

Draghi sagte, die EZB werde ihre überaus lockere Politik nicht schnell revidieren: „Der Rat erwartet, dass die Leitzinsen für längere Zeit auf dem jetzigen oder einem noch niedrigeren Niveau liegen werden.“ Das war den nimmersatten Märkten aber nicht stark genug, um die Fantasie auf noch weitere Zinssenkungen wachhalten zu können.

Dax auf Berg- und Talfahrt

Die Reaktion der Finanzmärkte war wie im Schulbuch: Der Deutsche Aktienindex schnellte zunächst deutlich nach oben auf ein Tageshoch von knapp 10000 Punkten – viel hatte nicht gefehlt, um diese Marke zu erreichen, nur vier Punkte. Er sackte dann aber nach einer Stunde ebenso deutlich wieder zurück auf weniger als 9500 Punkte. Auch der Euro knickte zunächst von gut 1,10 Dollar auf 1,0822 Dollar ein, schoss dann aber wieder auf ein Tageshoch von 1,1116 Dollar nach oben. Diese erratischen Kursbewegungen erklärten sich mit der Aussage Draghis, dass die EZB sich künftig auf andere Vorhaben als die Zinspolitik konzentrieren werde. Die eiligen Händler hatten das so gedeutet, dass die EZB künftig keine geldpolitische Lockerung mehr betreiben wolle.

Draghi berichtete, die Beschlüsse seien mit „überwältigender Mehrheit" gefallen. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte daran nicht teilnehmen dürfen: Die Bundesbank war turnusmäßig von der Abstimmung ausgenommen.

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