Debatte nach neuen Astrazeneca-Vorgaben

Merkel zur Verwendung von AstraZeneca
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nimmt ihre Mund-Nasen-Bedeckung ab, bevor sie auf der Pressekonferenz über die weitere Verwendung des Impfstoffs von Astrazeneca spricht. (Foto: Markus Schreiber / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Nach der neuen Altersbeschränkung für das Präparat von Astrazeneca auf über 60-Jährige rücken die Konsequenzen für die gesamten Corona-Impfungen in Deutschland in den Blick.

Der Deutsche Lehrerverband sprach von einem „katastrophalen Rückschlag für die gerade Fahrt aufnehmende Impfung von Lehrkräften“ und forderte eine Umstellung auf andere Präparate. In den Ländern sind teils Änderungen bei Liefer- und Terminplanungen nötig. Gesundheitspolitiker der Koalition äußerten sich zuversichtlich für die weitere Impfkampagne. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) kündigte für kommende Woche erneute Beratungen über die Sicherheit des Astrazeneca-Mittels an.

Lehrerverbands-Präsident Heinz-Peter Meidinger verlangte eine rasche Möglichkeit für unter 60-jährige Lehrkräfte, sich mit Biontech/Pfizer und demnächst mit Johnson & Johnson impfen lassen zu können. „Wenn dieser Austausch nicht sofort stattfindet, wird es mit der Durchimpfung von Lehrkräften im April nichts mehr werden“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Dies gefährdete sonst zusätzlich zu steigenden Infektionszahlen die Chancen, Schulen offen zu halten. Momentan sind in den meisten Bundesländern Osterferien. Viele Schulen sollen in der Woche nach Ostern oder eine Woche später wieder öffnen.

Bund und Länder hatten am Dienstagabend nach einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) beschlossen, Astrazeneca in der Regel nur noch für Menschen ab 60 Jahre einzusetzen. Jüngere sollen sich „nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung“ weiterhin damit impfen lassen können. Hintergrund sind Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen. Erst Mitte März waren Astrazeneca-Impfungen nach einer einige Tage langen Impfpause und neuen Überprüfungen wieder angelaufen.

Die Bundesregierung bat die Bürger um Verständnis, dass nun zunächst einige Umorganisationen erforderlich seien. So müssten Lieferungen an Impfzentren und dann auch Arztpraxen für die Zeit nach Ostern neu austariert werden, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Die Länder können nun auch entscheiden, ob sie schon jetzt 60- bis 69-Jährige zu Impfungen mit Astrazeneca einladen. „Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen“, heißt es dazu im Beschluss der Gesundheitsminister von Bund und Ländern. Derzeit laufen generell Impfungen in den ersten beiden Prioritätsgruppen, zu denen - bezogen auf das Lebensalter - Menschen ab 70 Jahre gehören.

In Nordrhein-Westfalen können Menschen ab 60 von diesem Samstag an Termine für Impfungen mit Astrazeneca buchen, wie Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ankündigte. Niedersachsen befürchtet keinen Impfstau nach der neuen Astrazeneca-Empfehlung. „Da sehen wir aktuell kein Problem, den Impfstoff verimpft zu bekommen“, erklärte das Sozialministerium. In den Impfzentren müssten aber einige Termine umgebucht werden, an einzelnen Stellen könne es etwas ruckeln.

Die CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag nannte die neuen Vorgaben eine „angemessene Reaktion“ auf die Auffälligkeiten. „Auf dieser Grundlage kann die Impfkampagne gut und sicher weitergeführt werden.“ Der SPD-Experte Karl Lauterbach sagte am Dienstagabend in der ARD: „Wir werden eine kleine Delle haben von ein paar Tagen, wo es Verwirrung gibt, aber dann wird das Impftempo wieder voll anziehen.“ Generell überwiege bei über 60-Jährigen der Nutzen mögliche Risiken. „Es ist ein sehr guter Impfstoff, den ich weiter empfehlen kann.“

Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die Kontrollfunktion des Paul-Ehrlich-Instituts habe gut funktioniert. „Sie haben mehr als 30 besorgniserregende Fälle registriert, es wurde intensiv geprüft und Alarm geschlagen, und jetzt reagiert man darauf. Das sollte eigentlich vertrauensbildend sein.“ Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, die Entscheidung sei klug gewesen. „Insgesamt ist das Hin und Her um den Impfstoff gleichwohl ein Kommunikationsdebakel.“

Bei der EU-Arzneimittelbehörde EMA ist eine Expertengruppe am Montag bereits zusammenkommen. Über ihren Bericht und weitere Analysen soll beim Treffen des Sicherheitsausschusses der EMA vom 6. bis 9. April beraten werden. Dann werde auch eine Aktualisierung der Empfehlung erwartet, wie die EMA auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Der Sicherheitsausschuss der EMA hatte zuletzt bekräftigt, dass der Impfstoff „sicher und wirksam“ sei, und es keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel gebe. Die EMA betonte zugleich, dass Experten weiterhin Fälle von Thrombosen prüfen würden.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigte am Dienstagabend das Ziel, bis zum Ende des Sommers allen Bürgern ein Impfangebot zu machen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von einem „Rückschlag“, rief aber zugleich alle 60-Jährigen auf, „dieses Impfangebot auch wahrzunehmen“. Der Impfstoff sei sehr wirksam, gerade bei Älteren. Der Vorsitzende der Länder-Gesundheitsminister, Klaus Holeteschek (CSU) aus Bayern, sagte: „Die positive Botschaft ist: Der Impfstoff von Astrazeneca soll für die Menschen weiter verimpft werden, die das 60. Lebensjahr vollendet haben.“ Zugleich bleibe Vorsicht geboten.

© dpa-infocom, dpa:210331-99-35710/7

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Meist gelesen

Impftermin-Ampel: Hier finden Sie freie Impftermine in der Region

Die Zwangspause ist vorbei: Wochenlang hat die Impftermin-Ampel von Schwäbische.de zu Jahresbeginn Menschen bei der Buchung von Impfterminen unterstützt. Der Erfolg war groß. Doch als die Schere zwischen den wenigen Impfstoff-Lieferungen und der starken Nachfrage nach Terminen immer größer wurde, musste der Service für einige Wochen eingestellt werden.

Das ist jetzt vorbei, die Impftermin-Ampel ist wieder da. Sie zeigt mit einem Ampelsystem Impfzentren der Region an, in denen es gerade freie Termine gibt.

Pfizer/Biontech Corona-Impfstoff

Corona-Newsblog: Zweitimpfungen bei Krankenhauspersonal im Land mit Biontech

Die wichtigsten Nachrichten und aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Newsblog mit Fokus auf Deutschland und Schwerpunkt auf den Südwesten.

Aktuelle Zahlen des RKI¹: Aktuell nachgewiesene Infizierte Baden-Württemberg: ca. 37.600 (412.646 Gesamt - ca. 365.900 Genesene - 9.085 Verstorbene) Todesfälle Baden-Württemberg:9.113 Sieben-Tage-Inzidenz Baden-Württemberg: 172,6 Aktuell nachgewiesene Infizierte Deutschland: ca. 283.500 (3.188.

 Ein Kundin zeigt auf ihrem Handy das Ergebnis eines Corona-Schnelltests.

Ab dieser Woche: Friseurbesuch mit negativem Testergebnis

Wer diese Woche zum Friseur gehen und sich die Haare schneiden lassen möchte, braucht nicht nur einen festen Termin und eine medizinische Maske, sondern auch noch ein negatives Corona-Testergebnis, das maximal 24 Stunden alt ist.

So lautet die neue Regelung ab dem 19. April nach der Anpassung der Corona-Verordnung in Baden-Württemberg bei Eingreifen der Notbremse ab einer Inzidenz über 100.

Friseurinnen aus Ehingen und Umgebung sind zwar froh, dass sie ihr Geschäft nicht schließen müssen und trotz steigender ...

Mehr Themen