Claus-Peter Reisch, konservativer Flüchtlingsretter

Lesedauer: 7 Min
Mann zwischen geretteten Flüchtlingen in Schwimmwesten
Kapitän Claus-Peter Reisch im August 2019, auf dem Deck des Rettungsschiffs „Eleonore“. (Foto: dpa)
Patrick Stäbler

Erst versucht es der Kameramann vergeblich mit diskreten Handzeichen, dann schwenkt er den Arm wie ein Fluglotse. Sein Problem ist, dass der Protagonist dieses Abends, der nach der Anmoderation von Urban Priol inzwischen allein auf der Bühne steht, sich ins Halbdunkle zurückgezogen hat – ganz so, als wolle er dem grellen Licht der Scheinwerfer ausweichen.

Dabei ist dieser 58-Jährige, der hier in München mit Jeans und Pulli gänzlich unscheinbar daherkommt, im Sommer 2018 bundesweit im Scheinwerferlicht gestanden – im übertragenen Sinn. Claus-Peter Reisch nahm damals als Kapitän des Seenotrettungsschiffs „Lifeline“ im Mittelmeer 234 Geflüchtete an Bord und musste mit ihnen auf offener See ausharren, während die Politiker sich an Land die Köpfe heiß diskutierten. Nach fünf Tagen steuerte er einen maltesischen Hafen an, wo er festgesetzt und angeklagt wurde.

In jenen Tagen diskutierte halb Deutschland über Seenotrettung. Im Zentrum der Debatte stand Claus-Peter Reisch – für die einen ein Held der Humanität, für die anderen ein Teil des Flüchtlingsproblems, da ihnen zufolge Seenotretter wie er Migranten aufs Mittelmeer lockten. Italiens damaliger Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalen Lega nannte die Flüchtlinge auf der „Lifeline“ „Menschenfleisch“ und warf Reisch vor, er erledige das Geschäft der Schlepper. Der Kapitän wiederum legte sich mit Salvinis deutschem Amtskollegen Horst Seehofer an, nachdem der eine Aufnahme der Migranten abgelehnt hatte.

Dabei ist der 58-Jährige aus Landsberg am Lech den Großteil seines Lebens nicht besonders politisch gewesen. Im Grunde sei er „ein konservativer Mensch“, der treu CSU gewählt habe, verrät er in seinem Buch „Das Meer der Tränen“, das er heute im Bellevue di Monaco vorstellt, einem Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete. Der Wendepunkt in Reischs Leben kommt 2015, als der passionierte Segler mit seiner Partnerin einen Törn von Sardinien in die griechische Ägäis unternimmt. In italienischen Häfen sieht er die abgewrackten Schiffe der Geflüchteten und fragt sich: Was würden wir tun, wenn uns so ein Boot begegnet?

Zurück in Deutschland lässt ihn das Thema nicht los. Reisch schließt sich der Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye an, später dem Verein Lifeline aus Dresden. Im April 2017 startet er seine erste Mission im Mittelmeer. Der gelernte Kfz-Mechaniker und Kaufmann, der eine erfolgreiche Firma für Sanitär- und Heizungsprodukte betrieben hat, bis er 2008 als gut situierter Frührentner ausstieg – er ist nun Seenotretter.

Im Juni 2018 sticht er mit der „Lifeline“ in See. Es ist jene Mission, die ihn bundesweit bekannt macht und um die sich weite Teile des Buchs drehen. Nachdem Reisch in Malta angelegt hat, wird ihm dort der Prozess gemacht. Im Mai 2019 verurteilt ihn das Gericht zu einer Geldstrafe von 10 000 Euro. Aktuell läuft das Berufungsverfahren, zu dem der Kapitän am Montag nach Malta fliegen wird.

Derweil droht Reisch noch an anderer Stelle Ungemach: Weil er Anfang September bei einer weiteren Mission mit 104 Geflüchteten an Bord der „Eleonore“ in Sizilien angelegt hat, soll er ein Bußgeld von 300 000 Euro zahlen. Auch hiergegen hat Reisch Widerspruch eingelegt und bittet nun um Spenden für seine Anwaltskosten. „Aber das läuft bislang gar nicht gut“, sagt er in München.

Während 2018 bei zwei Kampagnen von Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf noch mehrere Hunderttausend Euro für Lifeline zusammenkamen, stehe man aktuell „erst bei 21 000 Euro“.

Bei seiner Buchvorstellung erlebt man Reisch als ruhigen, ja fast schüchternen Menschen – doch das ist nur die eine Seite. „Er ist einer, der allen positiv auf den Geist geht“, sagt Kabarettist Urban Priol, ein Freund des Kapitäns. Tatsächlich hat der 58-Jährige zig Prominente um Unterstützung gebeten – von Uli Hoeneß bis zum Papst. Das Vorwort in seinem Buch hat Udo Lindenberg geschrieben, der mit einer Spende von 15 000 Euro die Lifeline-Mission im Sommer 2018 erst ermöglichte.

Und auch vor Politikern schreckt Reisch nicht zurück: Beim diesjährigen Josefitag in Denklingen stellt er sich Horst Seehofer in den Weg – „da haben seine Bodyguards nicht aufgepasst“, erzählt er grinsend. Der Innenminister sichert ihm ein Treffen zu, das er danach erst ab- und – nachdem Medien dies aufgegriffen haben – wieder zusagt. Bei seinem Besuch in Berlin im Mai habe er Seehofer dann „völlig anders kennengelernt, als man ihn aus diesen Bierzelt-Dingern kennt“, sagt Reisch. Zwei Stunden lang habe man sich unterhalten, „er hat zugehört und intensiv nachgefragt“.

Inzwischen hat Horst Seehofer beim Thema Seenotrettung eine 180-Grad-Wende hingelegt und will ein Viertel der vor Italien und Malta geretteten Migranten nach Deutschland einreisen lassen. „Ich weiß nicht, ob ich irgendwas dazu beigetragen habe, dass er seine Meinung diametral geändert hat“, sagt Claus-Peter Reisch. „Aber ich finde es super.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen