Die Witwe Zaar Gir musste 2014 vor der IS-Terrormiliz aus dem Singal-Gebirge fliehen: Im Camp Mam Rashan hat sie mit ihren Kinde
Die Witwe Zaar Gir musste 2014 vor der IS-Terrormiliz aus dem Singal-Gebirge fliehen: Im Camp Mam Rashan hat sie mit ihren Kindern Zuflucht gefunden. Im Fernsehen verfolgt sie die Entwicklung in ihrer Heimat. Hoffnungen, bald zurückkehren zu können, si (Foto: Ludger Möllers)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

„Unsicherheit und Beunruhigung“. Wenn Shero Smo, der Leiter des Flüchtlingscamps Mam Rashan in Irakisch-Kurdistan, die Stimmung unter den 10 000 Bewohnern zusammenfassen soll, dann schwingt Unruhe in seiner Stimme mit. Zwar sei das Camp, für das die Leserinnen und Leser der „Schwäbischen Zeitung“ bei der Weihnachtsaktion 2016 über 250 000 Euro gespendet hatten, nicht direkt von den Kämpfen zwischen kurdischen Peschmerga-Soldaten und Truppen der irakischen Zentralregierung betroffen. Aber: „Die Bewohner verfolgen die Nachrichten mit großem Interesse, insbesondere die über die Vorgänge in der Shingal-Region“, sagt Smo: „Sie wissen nicht, was die Entwicklungen für sie bedeuten.“

Irakische Truppen und kurdische Peschmerga-Kämpfer hatten sich seit Anfang Oktober im Norden des Landes an manchen Orten schwere Gefechte geliefert. Nach kurdischen Angaben kamen etwa 30 Peschmerga-Kämpfer ums Leben. Der Konflikt zwischen beiden Seiten war eskaliert, nachdem die Kurden ihre Unabhängigkeitspläne vorangetrieben hatten. Die irakische Zentralregierung lehnt eine solche Abspaltung strikt ab.

In nur zwei Tagen konnten die irakischen Regierungstruppen die meisten Gebiete einnehmen. Dabei handelt es sich um Regionen, die sowohl von Bagdad als auch von den Kurden beansprucht werden. Sämtliche umstrittenen Gebiete neben Kirkuk und der Region Shingal, aus der viele Flüchtlinge in Mam Rashan kommen, stehen mittlerweile unter der Kontrolle der vom Iran gesteuerten Haschd al-Schaabi-Milizen (den Volksmobilisierungseinheiten) oder der irakischen Armee.

Die Kurden sind damit nun auf die ursprünglichen Gebiete der Autonomieregion zurückgeworfen. Besonders bitter ist für sie der Verlust der Ölquellen bei Kirkuk, deren Erlöse rund die Hälfte des Haushalts der Kurdenregion ausmachten. Unter anderem hatten die Kurden 2014 die Region Kirkuk und umliegende Gebiete erobert, nachdem die irakische Armee dort vor dem IS die Flucht ergriffen hatte.

Heimat erneut besetzt

Für die Bewohner des Camps Mam Rashan, die meisten von ihnen sind Jesiden und Christen, ist besonders bedrückend, dass ihre Heimat im Shingal-Gebirge innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal besetzt wurde. Im August 2014 waren Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) eingefallen. Campleiter Shero Smo: „Es waren Araber, die sie (die Flüchtlinge, d. Red.) 2014 ausgeraubt und vertrieben haben. Jetzt haben die Haschd-al-Schaabi-Milizen wieder Menschen vertrieben.“ Weiter hätten die schiitischen Milizen einen Posten im Shingal-Gebirge selbst eingerichtet. Die Folge: „Es sind neue Flüchtlinge aus der Region gekommen“, weiß Shero Smo. In Irakisch-Kurdistan mit seinen knapp fünf Millionen Bewohnern leben 2,5 Millionen Flüchtlinge.

In Mam Rashan mit seinen Wohncontainern, einer Schule, einem Jugendzentrum und einem Fußballplatz, finanziert durch Spenden aus Deutschland, hatte lange die Hoffnung geherrscht, dass die Bewohner nach dem Sieg der US-geführten Koalition über den IS in absehbarer Zeit in ihre Heimat zurückkehren könnten. Shero Smo bewertet die Lage: „Das wird jetzt wahrscheinlich sehr lange dauern. Jetzt sind wieder Araber in ihrer Region.“ Die Menschen in Mam Rashan informieren sich über das Fernsehen. Auch sprechen sie mit Verwandten in der Region. Smo weiß. „Die Entwicklung macht die Menschen traurig, ihre Moral ist geschwächt.“

Dass die kurdische Autonomiebehörde mit dem Verlust der Ölquellen in Kirkuk auch die Haupteinnahmequelle verlor, wird sich über kurz oder lang auch auf die Flüchtlinge in Mam Rashan auswirken. „Essen und Strom gibt es derzeit genug“, sagt Campleiter Smo: „Aber der Bedarf steigt. Der Winter kommt.“ Die kurdische Regierung sei schon vor den aktuellen Ereignissen in einer wirtschaftlich schwierigen Situation gewesen: „Das spitzt sich jetzt zu.“ Smo blickt voraus: „Wir werden die Flüchtlinge vermutlich nicht mehr optimal versorgen können, wenn wir keine Hilfe bekommen.“

Winterjacken dürften besonders gefragt sein, wenn in wenigen Wochen zweistellige Minustemperaturen herrschen werden. Smo hofft auf die Weihnachtsspendenaktion 2017 der „Schwäbischen Zeitung“, die am 25. November beginnt: „Bitte vergesst uns nicht!“

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