Britischer Humor macht Brexit-Drama erträglich

Lesedauer: 6 Min
 Plakate für und wider den Brexit in London.
Plakate für und wider den Brexit in London. (Foto: AFP)
Deutsche Presse-Agentur
Teresa Dapp

Die Briten hätten an diesem Samstag in einem Land aufwachen können, das nicht zur EU gehört. Die Fernsehsender hätten wohl Bilder von kilometerlangen Lastwagen-Staus an den Fährhäfen am Ärmelkanal und von wütenden Demonstranten an der irisch-nordirischen Grenze gezeigt. Aber es kam anders. Keine 48 Stunden, bevor Großbritannien in der Nacht auf Samstag ohne Austrittsabkommen aus der EU gestolpert wäre, ging das Brexit-Drama erneut in die Verlängerung.

Ohne den berühmten britischen Humor wäre das jahrelange Spektakel mit seinen teils bizarren Auswüchsen kaum zu ertragen. Es ist ja schon so schwer genug: Ein Drittel der Erwachsenen in Großbritannien gab gerade in einer Umfrage an, der Brexit mache ihnen mental zu schaffen. Im Parlament brüllen sich Parteifreunde an. Das Land bleibt tief gespalten, keiner weiß, wie es weiter geht. Und nun könnte sich das Drama noch bis Ende Oktober hinziehen – wenn nicht noch länger.

„Was dauert weniger lang als der Brexit?“, fragte die BBC gerade und trug zusammen: die Titanic zu bauen, ein Flug zum Mars, die fiktive Handlung der Serie „Game of Thrones“ (die mit ihren Machtspielen und Intrigen durchaus Parallelen zur britischen Politik aufweist), die durchschnittliche Lebenserwartung eines Hamsters und der Bau des Eiffelturms. „Erstes Foto vom Brexit aufgetaucht“, witzelten viele in dieser Woche angesichts der sensationellen Aufnahmen eines Schwarzen Lochs, das alles in seiner Umgebung unwiederbringlich aufsaugt.

Vor mehr als 1000 Tagen hatten sich die Briten mit 52 zu 48 Prozent alles andere als eindeutig für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Erst war der Brexit für den 29. März geplant, dann für den 12. April, nun spätestens zum 31. Oktober. Ein „Halloween-Brexit“, eine Gruselshow, Süßes oder Saures. „Das hätte man sich nicht besser ausdenken könnten“, seufzten die Kommentatoren.

Immerhin: Das Parlament darf in die Osterpause, das bedeutet ein paar Tage ohne frische Bilder zeternder Abgeordneter auf den dunkelgrünen Bänken. Dafür hat allerdings Nigel Farage den Europa-Wahlkampf seiner neuen Brexit-Partei eröffnet, vor der vor allem die konservativen Tories zittern. „Wir sind Löwen, die von Eseln angeführt werden“, rief er seinen Anhängern zu.

Damit dürfte der Ton gesetzt sein für den etwas absurden Kampf um Stimmen für die Wahl zum Europaparlament, aus dem die Briten ja eigentlich raus wollen. Nur ein Brexit-Kompromiss und ein geregelter Austritt bis 22. Mai würden es ihnen ermöglichen, die Wahl abzusagen.

Für Wirtschaft und Steuerzahler gibt es angesichts der fortwährenden Unsicherheit auch wenig zu lachen. Wie der „Guardian“ am Freitag berichtete, hat die Regierung 6000 Beamte mit Vorbereitungen für einen chaotischen „No-Deal-Brexit“ beschäftigt. Einige kehrten nun zurück an ihre normalen Arbeitsplätze, aber für geschätzt 4500 von ihnen gebe es erst mal keine eindeutige Aufgabe. Geschätzte Kosten: 1,5 Milliarden Pfund, mehr als 1,7 Milliarden Euro.

„Wir brauchen Klarheit, wir brauchen etwas Sicherheit“, forderte im Frühstücksfernsehen der BBC der Chef eines Branchenverbands für den Güterverkehr auf der Straße, Richard Burnett. Er hat Sorgenfalten auf der Stirn und trägt eine gelbe Warnweste. „Wir können nicht planen.“ Unternehmer berichten, dass sie wegen des schwächelnden Pfunds schon jetzt viel mehr für Waren aus den Euroländern zahlen müssten, manche sehen ihre Existenz bedroht.

Die Handelsbeziehungen und alles, was politisch daran hängt, sind der zentrale Streitpunkt in den Verhandlungen zwischen der Regierung der Premierministerin Theresa May und der Opposition. Deren Anführer, Labour-Chef Jeremy Corbyn, will eine Zollunion mit der EU. Das wäre eine engere Bindung, als sie die große Mehrheit der Konservativen für richtig hält. Die Gespräche laufen, Corbyn berichtete zuletzt von etwas Bewegung – aber was sich wirklich tut, ist nicht bekannt. Solange kein Kompromiss steht, geht die Brexit-Hängepartie weiter. Die Briten werden noch viel Humor brauchen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen