Bodensee Business Forum: Herausforderungen einer neuen Weltordnung

 Günther Oettinger fordert einen aktiven Dialog zwischen Politik und Wirtschaft.
Günther Oettinger fordert einen aktiven Dialog zwischen Politik und Wirtschaft. (Foto: grafietrautmann)
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Als vor rund 30 Jahren die Mauer fiel und der Kalte Krieg in sich zusammenfiel, schien die Welt neu zu erwachen. Schien es für Waren und Menschen keine Grenzen mehr zu geben. Es war der Beginn eines Versprechens namens Globalisierung. „Diese Zeit endet nun“, sagt Daniel Risch, Regierungschef des Fürstentums Liechtenstein, auf dem BBF-Podium. Aber endet damit automatisch auch die Globalisierung?

„Die Globalisierung werden wir nicht zurückdrehen“, ist sich Simone Ruehfel, Leiterin Krisenstab Logistik bei Rolls-Royce Power Systems AG , sicher. Um die Lieferketten für Unternehmen auch unter veränderten Bedingungen aufrecht zu erhalten, brauche es aber neue Strategien. Strategien, die Szenarien beinhalten für politische Verwerfungen jeglicher Art, die Engpässe erst gar nicht entstehen lassen und Probleme schneller lösen. Die durch eine breite Aufstellung Stabilität erzeugen, wie Günther Oettinger, früherer Ministerpräsident, EU-Kommissar und inzwischen Präsident der EBS Universität für Wirtschaft und Recht, erklärt: „Wir brauchen eine Diversität in den Lieferketten.“

Abhängigkeiten, wie von Russland beim Gas oder in vielfacher Hinsicht von China, müssen demnach enden oder nicht weiter ausgebaut werden. Ein Paradigmenwechsel, wie Christian Böllhoff, Gesellschafter des Analyse- und Beratungsunternehmen Prognos, kritisiert. „In Deutschland hatten wir uns kommod auf die Verhältnisse eingerichtet. Die Bedingungen ändern sich jedoch, wir müssen viel stärker in möglichen Zuständen denken.“

Der Politik kommt dabei laut Oettinger eine wichtige Rolle zu: „Entscheidend ist der Dialog zwischen den führenden Köpfen der Wirtschaft und der Politik.“ Weil nur die Wirtschaft um die Probleme weiß, bei denen die Politik helfen kann, diese zu lösen. Und das auch im Sinne der Gemeinschaft und bei elementaren Frage, wie Risch betont: „Wir Politiker müssen dafür sorgen, dass überhaupt Strom fließt.“

Die Welt, das haben die vergangenen Monate und Jahre gezeigt, ist unsicherer und noch schnelllebiger geworden, Demokratiekrise, Klimakrise und Krieg auf europäischen Boden haben vermeintliche Gewissheiten Lügen gestraft. Aber manche Veränderungen zum Positiven auch erst ermöglicht, wie Christian Böllhoff sagt, sei es während der Pandemie oder auch jetzt während der Energienot. „Im Februar waren wir noch zu 55 Prozent von russischem Gas abhängig – jetzt sind es 15 Prozent. Ohne Krise wäre das undenkbar gewesen“, so Böllhoff. „Man darf unsere Anpassungsfähigkeit nicht unterschätzen.“

Anpassung und Aufgeschlossenheit werden auch künftig unabdingbar sein, auch von Seiten der Bürger, wie Regierungschef Risch erklärt: „Es darf kein Tabuthema sein, dass wir länger arbeiten müssen. Und zwar so, dass die Menschen auch Spaß dabei haben.“ Was trotzdem für jeden Einzelnen enorme Herausforderungen mit sich bringen kann. Denn der „Strukturwandel wird sich beschleunigen“, wie Günther Oettinger sagt. Übte früher ein Hufschmied seinen Beruf ein Leben lang aus, könne es künftig sein, dass sich innerhalb eines Arbeitslebens das Berufsbild zwei-, dreimal ändert. „Der Einzelne muss neugierig sein, dazuzulernen. Wir müssen uns fit halten, wie bei einem Formel 1-Boxenstopp, wenn nachgetankt wird.“

Dafür aber, um im Bild zu bleiben, braucht es Piloten. „Uns gehen die Arbeiter aus“, warnt Oettinger. „Andere Völker sind viel jünger als wir.“ Deshalb müssten die Entscheidungsträger genauso über Ausbildungsstrukturen sprechen wie über gezielte Zuwanderung. „Wir müssen über Zumutungen sprechen.“

Widrigkeiten gibt es also reichlich, aufhalten lässt sich der Wandel aber gewiss nicht. Es liegt jedoch an uns, was wir draus machen, ist Christian Böllhoff überzeugt: „Wir müssen Transformation nicht als etwas sehen, das wir über uns ergehen lassen müssen.“ In diesem Sinne lautet die Antwort auf die Frage nach dem Ende der Globalisierung: Nein. Unklar ist nur, wie sie in einer sich immer schneller drehenden Welt entwickelt. Und ob wir darin Opfer sind oder Gestalter von Gegenwart und Zukunft.

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