Biografie von Andreas Schockenhoff

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Andreas Schockenhoff (CDU) ist in der Nacht zum Sonntag gestorben.
Andreas Schockenhoff (CDU) ist in der Nacht zum Sonntag gestorben. (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung

Andreas Schockenhoff ist tot. Wir zeichnen wichtige Stationen seines Lebens nach. Grundlage ist  Schockenhoffs Eintrag der Munzinger-Archiv GmbH, den wir freundlicherweise übernehmen durften.

Den Originaleintrag im Munzinger-Archiv finden Sie hier.

Zur Person:

Andreas Schockenhoff

deutscher Politiker; stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU; Mitglied des Bundestags; Doktor der Philosophie

Geburtstag: 23. Februar 1957 Ludwigsburg

Nation: Deutschland - Bundesrepublik

Herkunft

Andreas Schockenhoff, katholisch, wurde am 23. Februar 1957 in Ludwigsburg als Sohn eines Diplom-Kaufmanns und einer Handelslehrerin geboren. Sein Bruder Eberhard hat sich als Professor, katholischer Moraltheologe sowie als Mitglied der Ethikkommission der Bundesregierung einen Namen erworben.

Ausbildung

Schockenhoff besuchte das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Ludwigsburg und studierte nach dem Abitur 1976-1982 Romanistik, Germanistik und Geschichte in Tübingen und Grenoble. 1985 folgte die Promotion zum Dr. phil.

Gymnasiallehrer

Nach dem Referendariat für das Lehramt an Gymnasien, das Schockenhoff 1982-1984 am Welfengymnasium und Albert-Einstein-Gymnasium in Ravensburg absolvierte, wechselte er 1985 an das Freie katholische Gymnasium des Bildungszentrums St. Konrad in Ravensburg. Dort war er bis 1990 als angestellter Studienrat für Französisch und Geschichte tätig.

CDU-Karriere und Bundestagsabgeordneter

Schon als Schüler trat Schockenhoff 1973 in die Junge Union ein und wurde 1982 CDU-Mitglied. 1986-1992 war er Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes Ravensburg, danach 1992-1997 Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes. 1990 eroberte er dann gegen den damaligen CDU-MdB Elmar Kolb die Nominierung durch seine Partei für die Bundestagskandidatur im Wahlkreis 294 Ravensburg-Bodensee und bei der Wahl das Direktmandat für das Bonner Parlament mit 52,9 % der Erststimmen, ein Ergebnis, das er 1994 mit 52,6 % wiederholte. Im Bundestag erwarb er sich als Mitglied im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union, im Auswärtigen Ausschuss und im Verteidigungsausschuss bald den Ruf eines profilierten Außen- und Sicherheitspolitikers. Seit 1995 fungierte er außerdem als Vorsitzender der deutsch-französischen Parlamentariergruppe. Nach seiner dritten Wiederwahl als Direktkandidat in den Bundestag wurde Schockenhoff 1998 Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Auswärtigen Ausschuss und stellvertretender außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Im November 2005 stieg er zum stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf und trat dabei die Nachfolge von Wolfgang Schäuble im Bereich Außen-, Europa- und Verteidigungspolitik an.

Russlandkoordinator

Mit seiner Ernennung als Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit 2006 verstärkte sich die öffentliche Wahrnehmung. So sprach er sich 2006 für eine Intensivierung der EU-Schwarzmeerpolitik auch im Hinblick auf die Sicherung der Energierouten und dem Schutz vor organisierter Kriminalität aus und forderte in einem Zehn-Punkte-Papier Kriterien für Auslandseinsätze der Bundeswehr. Für Kritik, auch in den eigenen Reihen, sorgte Schockenhoff im Sommer 2006, als er in einem Interview seinem grünen Parlamentskollegen Volker Beck, der als Teilnehmer bei einer Moskauer Homosexuellen-Demonstration von rechtsradikalen Gegendemonstranten verletzt worden war, riet, sich „auf die politische Ordnung eines Gastlandes“ einzustellen.

Im Mai 2008 eskalierte in der Regierungskoalition in Berlin ein Streit über den von Schockenhoff mit einem Strategiepapier angestoßenen Vorschlag, einen nationalen Sicherheitsrat einzurichten, was vor allem von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) scharf kritisiert wurde. Der unter Federführung des CDU-Sicherheitspolitikers entstandene Entwurf sah vor, die Kompetenzen verschiedener Ministerien und der Bundesländer besser zu vernetzen, da innere und äußere Sicherheit nicht mehr wie früher voneinander unterschieden betrachtet werden könnten. Die Oppositionsparteien bekräftigten ihre ablehnende Haltung gegenüber der Idee, die die Grünen als Generalangriff auf die Grundrechte im Innern und die FDP als eine Veränderung der Republik hin zu einer Präsidialdemokratie bezeichneten.

In Parteiämtern sicherte sich Schockenhoff zunehmend eine Hausmacht, zunächst als stellvertretender, dann als Bezirksvorsitzender der CDU Württemberg-Hohenzollern (seit 2000) sowie als Mitglied des Landesvorstandes und des Präsidiums der CDU Baden-Württemberg. Nach drei weiteren Nominierungen (1998, 2002, 2005) durch die CDU und dem jeweils gewonnenen Direktmandat in seinem oberschwäbischen Wahlkreis 294 erwuchs ihm erstmals parteiinterne Konkurrenz. Bei der Nominierungsversammlung Ende Juni 2008 im neu zugeschnittenen Wahlkreis Ravensburg konnte er sich jedoch erneut, wenn auch "nur" mit 58,3 %, gegen seinen Mitbewerber zum sechsten Mal für eine Kandidatur bei der Bundestagswahl 2009 durchsetzen, wobei er mit 44,8 % der Erststimmen klar den Einzug ins Berliner Parlament schaffte. Es folgte die Wiederwahl als stellvertret. Fraktionsvorsitzender hinter Volker Kauder, zuständig für Außenpolitik und als Russlandkoordinator. Dabei machte sich Schockenhoff besonders mit seinen Kontakten zu Menschenrechtlern in Russland einen Namen. So kritisierte er im Vorfeld der 14. deutsch-russischen Regierungskonsultationen im November 2012 öffentlich, dass der Kreml auf Repression und Konfrontation setze und brachte eine entsprechende Resolution des Bundestages auf den Weg. Als der Kreml auf diese Kritik an der russischen Justiz Sch. zur unerwünschten Person erklärte und ihm verleumderische Äußerungen vorwarf, stellte sich die Bundesregierung hinter ihren Russlandbeauftragten. Auch als Befürworter von Kampfeinsätzen und stärkerem sicherheitspolitischem Engagement Deutschlands, so mit einer Stellungnahme im Januar 2013 für eine deutsche Beteiligung bei der französischen Intervention in Mali und bei der Beschaffung von Drohnen für die Bundeswehr, sorgte Schockenhoff für Aufsehen.

Schlagzeilen wegen Alkoholproblem

Für Schlagzeilen sorgten vor allem in seinem Wahlkreis die im Juli 2011 eingeleiteten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Ravensburg wegen des Verdachts der Unfallflucht und Trunkenheit im Verkehr, nachdem der Abgeordnete nach einem Musikfest offensichtlich unter Alkoholeinfluss ein Auto beschädigt und sich vom Unfallort entfernt hatte. Im Dezember 2011 folgte die Verurteilung zu einer Geldstrafe und Entziehung des Führerscheins. Schockenhoff räumte in der Folge gegenüber der Schwäbischen Zeitung ein Alkoholproblem ein und kündigt an, sich in stationäre Therapie zu begeben. Bereits 1995 und 1998 war Schockenhoff mit Verkehrsunfällen unter Alkoholeinfluss aktenkundig geworden. War darüber nur im Wahlkreis gemunkelt worden, so sorgte jetzt das öffentliche Eingeständnis für Aufsehen im bundesdeutschen Blätterwald, laut SPIEGEL-Online „ein Paukenschlag im politischen Berlin, wo Alkohol bei vielen Parlamentariern eine große Rolle spielt“ und Schockenhoffs problematischer Alkoholkonsum kein Geheimnis gewesen sei. Auch beim TV-Talk „Günther Jauch„ bekannte sich Schockenhoff im Oktober 2011 öffentlich zu seiner nach eigenem Bekenntnis nunmehr beendeten Alkoholikerlaufbahn. Kurz darauf gab Schockenhoff sein Amt als Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Württemberg-Hohenzollern ab, positionierte sich jedoch nach Klinikaufenthalt und Therapie 2012 erneut als Kandidat für den Bundestag. In seinem Wahlkreis musste er sich in einem harten Konkurrenzkampf gegen fünf Mitbewerber, darunter den bundesweit bekannten, einstigen Grünenpolitiker Oswald Metzger, behaupten, auch weil ihm zu geringe Präsenz in seiner Heimatregion und zu wenig Einsatz für deren Verkehrsinfrastruktur vorgeworfen wurden. Trotzdem wurde er im Juli 2012 von seiner Partei bei einer Stichwahl mit 58 % der Delegiertenstimmen erneut nominiert. Daraufhin zog er nach der Bundestagswahl im September 2013 mit 51,6 % der Erststimmen wieder ins Parlament ein und blieb dort stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender.

Abwahl als Russlandkoordinator

Da das Wahlergebnis schließlich zur Bildung einer im Dezember 2013 vereidigten Koalitionsregierung aus CDU/CSU und SPD führte, musste Schockenhoff als Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit zum Jahreswechsel 2013/2014 dem SPD-Außenpolitiker Gernot Erler Platz machen. Russische Menschenrechtler bedauerten seine Ablösung und die Medien bescheinigten Schockenhoff, viel für die Freilassung von Regimekritikern bewirkt zu haben. „Putin schlägt Schockenhoff„ titelte die Schwäbische Zeitung (11.1.2014). In seiner Position als stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union mit Zuständigkeit für Außenpolitik wurde Schockenhoff allerdings im Jan. 2014 bestätigt.

Familie

Schockenhoff ging drei Ehen ein. Aus seiner ersten Ehe gingen drei Kinder (Franz Ferdinand, Theresa Luise, Philipp Alexander) hervor. Seine Frau starb 2002 an den Folgen einer Krebserkrankung. Schockenhoffs zweite Ehe wurde 2011 geschieden. Auch die dritte Ehe ging 2013 in die Brüche. Er lebt in Ravensburg. Seine Hobbys sind Bergsteigen, Skifahren, Lesen und Fußballspielen.

Mitgliedschaften

Ämter/Mitgliedschaften: Aufsichtsratsmitglied der Information System Solutions AG Ravensburg, Mitglied des Direktoriums des Pariser Comité d'études des relations franco-allemandes (CERFA), Aufsichtsratsmitglied der Pariser Fondation pour l'innovation politique und Mitglied des Hauptausschusses der Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit, Bad Honnef, Offizier der französischen Ehrenlegion (seit 1999), Mitglied in der katholischen Verbindung Alamannia Tübingen im KV.

Quelle: Eintrag „Schockenhoff, Andreas“ in Munzinger Online/Personen - Internationales Biographisches Archiv, URL: https://www.munzinger.de/search/portrait/Andreas+Schockenhoff/0/26685.html (abgerufen von Schwäbische Zeitung Archiv am 14.12.2014)

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