Bijan Kaffenberger – mit Tourette in den Landtag

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 Mit Tourette-Syndrom im hessischen Landtag: Bijan Kaffenberger.
Mit Tourette-Syndrom im hessischen Landtag: Bijan Kaffenberger. (Foto: dpa)

Wenn man mit Bijan Kaffenberger spricht, dann kann es passieren, dass er sich mitten im Gespräch wegdreht und einer Person schräg hinter sich die Hand zu schütteln scheint. Nur, dort steht niemand. Zwei Sekunden später hat sich der 29-Jährige wieder dem real existierenden Gesprächspartner zugewandt und bringt seinen Satz zu Ende.

Kaffenberger, Volkswirt, SPD-Mitglied und neu gewählter Abgeordneter im hessischen Landtag, hat das Tourette-Syndrom, wie etwa 40000 Menschen in Deutschland. Anders als manche Menschen mit Tourette, stößt er nicht unkontrolliert Beschimpfungen aus. Die sogenannten Tics äußern sich bei ihm in unwillkürlichen heftigen Bewegungen. Für einen Politiker, der auf Podien sprechen und an Infoständen überzeugen soll, ist aber auch das eher hinderlich. Dennoch hat Kaffenberger gerade einen erfolgreichen Wahlkampf hinter sich gebracht. Gegen den Trend hat er seinen Wahlkreis in Darmstadt gewonnen – gegen die ehemalige Kultusministerin Karin Wolff, ein bekanntes Gesicht in der Hessen-CDU.

Dass die Tics bei hoher Nervosität stärker werden, hilft bei einem Wahlkampfauftritt vor 250 Menschen nicht unbedingt. Trotzdem: „Ich habs einfach gemacht“, sagt Kaffenberger. Wie er auch sonst mit dem Syndrom offensiv umgeht. In seiner Freizeit bespielt er den Youtube-Videokanal „Tourettikette“, in dem er – nicht immer ernst gemeinte – Nutzerfragen beantwortet, zum Tourette-Syndrom und zum Rest der Welt.

Als am vergangenen Sonntag gegen 19 Uhr die ersten Zahlen aus dem Wahlkreis gemeldet wurden, sei er „total überrascht“ gewesen, erzählt Kaffenberger. „Nach der Bayernwahl hatte ich innerlich mit dem Projekt Landtag abgeschlossen.“ Am Ende des Wahlabends war er einer von wenigen in der Hessen-SPD, die etwas zu feiern hatten.

Bislang arbeitet Kaffenberger im thüringischen Wirtschaftsministerium, als Referent für Breitbandausbau. Digitalisierung, Wohnen, Bildung, Verkehr – diese Themen treiben ihn um, nicht seine Tics. Gerade hat ihn der Hessische Rundfunk befragt. „Wir haben Bijan Kaffenberger interviewt. Und mit ihm nicht über Tourette gesprochen“, hieß es da. Das hat ihm gut gefallen.

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