Besuch in Gorleben: 113 Castoren, kein Endlager

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Behälter mit radioaktiven Abfällen in Gorleben: Bis ein Endlager gefunden worden ist, soll der Atommüll hier gelagert werden.
Behälter mit radioaktiven Abfällen in Gorleben: Bis ein Endlager gefunden worden ist, soll der Atommüll hier gelagert werden. (Foto: Sina Schuldt/dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Peer Körner

Im Zwischenlager Gorleben stehen 113 Behälter mit hoch radioaktivem Müll, seit Jahren schon. Die Halle ist eines von bundesweit drei zentralen Zwischenlagern, Atomkraftgegner nennen sie nur „Kartoffelscheune“. Die Castoren warten dort auf das Endlager.

Die Kontrolle ist wie am Flughafen, vielleicht noch strenger. Sogar die Speicherkarten der Fotografen werden auf Viren untersucht. Besucher des fensterlosen gelben Baus bekommen ein Dosimeter, das die Strahlenbelastung misst. Der Strahlenschutzbeauftragte Wolfgang Busse gibt eine ausführliche Einweisung. Nach ungefähr zehn Minuten seien fünf Mikrosievert erreicht, sagt er – so viel etwa wie einmal Röntgen beim Zahnarzt.

Hinter den schweren Eingangstüren des Atommüllzwischenlagers Gorleben liegt ein Kontrollraum mit großer Anzeigentafel und grünen Lämpchen, jeder der 113 angeschlossenen Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll hat ein eigenes. In der Halle selbst darf aus Sicherheitsgründen nicht alles fotografiert werden. Hier stehen aufrecht die blauen, roten und gelben Behälter, sie sind sechs Meter hoch und haben einen Durchmesser von etwa 2,40 Meter.

Außerdem liegen da die großen grauen Hauben, die man von den Castor-Transporten kennt, wenn Polizisten und Demonstranten aufeinandertreffen und das sonst ruhige Wendland bundesweit Schlagzeilen macht. Nicht weit von hier ist der Salzstock Gorleben, jahrzehntelang bundesweit einzige Option zur dauerhaften Lagerung von hoch radioaktivem Atommüll. Erst 2011 kam die Wende. Der Bundestag beschloss den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022, auch andere mögliche Standorte sollen nun geprüft werden.

„Nur die Castor-Behälter sollen bislang den Schutz vor der Strahlung oder etwa Flugzeugabstürzen und Terroranschlägen garantieren“, moniert Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. „Die Wände sind zum Teil dünner als 50 Zentimeter, die Deckenstärke beträgt nur 20 Zentimeter, trotzdem gibt es kein Überflugverbot“, beklagt er. „Wir fordern einen Neubau mit sehr viel dickeren Mauern, in Lubmin sind für den geplanten Neubau 1,80 Meter vorgesehen.“ Lubmin, Gorleben und Ahaus sind die bundesweit drei zentralen Zwischenlager für hoch radioaktiven Atommüll, dazu kommen insgesamt 13 Standorte an Kernkraftwerken und der Forschungseinrichtung Jülich.

Keine Castoren mehr seit 2012

Im April 1995 kam der erste Castor-Behälter nach Gorleben. „Seit 2012 dürfen in Gorleben per Gesetz keine Castoren mehr eingelagert werden“, sagt Charl Liebich, Sprecher der für das Zwischenlager verantwortlichen Gesellschaft für Zwischenlagerung. Atomkraftgegner nennen den Bau nur „Kartoffelscheune“. „Der Name ist damals schnell entstanden“, erinnert sich Ehmke. Die Halle heiße so, weil sie lediglich Schutz vor schlechtem Wetter biete, meint er. Andere Wendländer verweisen darauf, dass der Bau wie eine Scheune ohne atomrechtliches Verfahren oder Bürgerbeteiligung genehmigt wurde.

Wie sieht es nun aus mit dem Schutz vor Terror und gegen Flugzeugabstürze? „Das Sicherheitsteil ist der Castor-Behälter und nicht die Lagerhalle“, bestätigt Liebich. „Der Castor-Behälter bietet Schutz auch gegen Flugzeugabstürze, auch die Halle selbst bietet einen gewissen Schutz.“ Die Castor-Behälter könnten auch der Wucht eines aufprallenden Militärjets widerstehen, sagt er. Zusätzlich seien sie durch ein System mit mehreren Deckeln geschützt, sagt Liebich. „Der Druckschalter überprüft sich laufend selbst“, erklärt der 65-jährige Ingenieur. „Es gab noch nie einen undichten Castor-Behälter in Europa“, betont Liebich. „Ich kenne nichts, was dichter ist“, sagt auch der Strahlenschutzbeauftragte Busse, der permanent das Dosimeter im Blick behält. „Wenn Sie zu Christi Geburt Ihr Fahrrad aufgepumpt hätten, wäre der Reifen heute noch dicht“, ergänzt Liebich.

Doch die bunten Behälter sollen nicht immer in der gelben Halle stehen bleiben. Silvester 2034 erlischt die Betriebsgenehmigung. Spätestens sechs Jahre zuvor muss geklärt sein, wo sie bleiben werden. Deutschlands hoch radioaktiver Atommüll soll unterirdisch endgelagert werden, bis 2031 will der Bund einen geeigneten Ort finden, maximale Sicherheit für eine Million Jahre ist das Ziel. Experten suchen nach geeigneten Regionen, erste Ergebnisse sind für 2020 angekündigt.

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