Außenpolitik-Experte Kaim: „Weder die USA noch Iran haben Interesse an einem Krieg“

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Mann mit Brille lächelt in die Kamera
Markus Kaim (Foto: oh)
Schwäbische Zeitung

Die Spannungen zwischen USA und Iran erreichen nach der Tötung des iranischen Generals Kassem Soleimani auf Befehl der US-Regierung einen neuen Höhepunkt. Der Außenpolitik-Experte Markus Kaim, Leiter der Forschungsgruppe „Sicherheitspolitik“ der Stiftung Wissenschaft und Politik, beobachtet die Lage mit Sorge. Er spricht mit Guido Bohsem darüber, was jetzt droht – und was Europa tun sollte.

Stehen wir nach der Tötung Soleimanis vor einem Krieg zwischen den USA und Iran?

Ich hoffe nicht. Ich halte ein solches Szenario aber auch nicht für sehr wahrscheinlich. Weder die USA noch der Iran haben ein Interesse an einem Krieg. Was wäre das Ziel der Amerikaner? Eine Besetzung des Iran? Doch wohl nicht. US-Präsident Donald Trump steht zudem bei seinen Anhängern im Wort, die Präsenz der amerikanischen Truppen in der Region zu verringern. Eine Eskalation würde ihm im bevorstehenden Wahlkampf schaden.

Und die Iraner?

Auch die haben nicht viel zu gewinnen. Trotz ihrer regionalen Vormachtstellung sind sie militärisch nicht in der Lage, gegen einen Gegner wie die USA in einem Krieg zu bestehen.

Was wird stattdessen geschehen?

Es dürfte eine deutliche, militärische Reaktion des Iran geben. Daran kommt das Regime in Teheran wohl nicht vorbei. Sowohl in Washington als auch in Europa sollte man sich diesen Schlag jedoch genau anschauen und prüfen, ob er eine tatsächliche Eskalation darstellt oder eben nicht.

Trump hat lange gezögert, bevor er auf die Nadelstiche der Iraner reagierte. Warum greift er jetzt zu einer solch massiven Attacke?

Ich interpretiere das als Übersprungshandlung. Trump ist in den vergangenen Wochen immer stärker in die Kritik auch der Republikaner geraten, vor allem, weil er die Allianz mit den kurdischen Kämpfern aufgekündigt hat. Manch ein Republikaner warf ihm vor, damit Syrien den Mullahs überlassen zu haben. Nach den Angriffen auf die US-Botschaft sah er sich zum Handeln gezwungen.

Besteht für das Atomabkommen jetzt noch eine Chance?

Nein. Mit dem heutigen Tag bestätigt sich, was sich schon seit Sommer abgezeichnet hat: Die Wiener Nuklearvereinbarung über das iranische Atomprogramm ist tot. Auch wenn man sich bisher in Deutschland immer wieder zuversichtlich gezeigt hat, die Vereinbarung noch retten zu können.

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