Anschlag eines Rechtsextremisten in Halle - Eine Tat, die fassungslos macht

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Eine Tat, die fassungslos macht
Eine Tat, die fassungslos macht

Beleidigen, Bespucken, Schläge ins Gesicht, versuchter Totschlag – die Liste der Gewalt gegen Juden in Deutschland ist lang. Und nun wären um ein Haar, wenn die Türen der Synagoge in Halle den Gewehrschüssen des deutschen Täters nicht standgehalten hätten, jüdische Gläubige einem Massaker zum Opfer gefallen.

Diese Vorstellung macht fassungslos. Jahrzehntelang hat sich die deutsche Gesellschaft mit ihrer historischen Schuld auseinandergesetzt und die Aussöhnung vorangetrieben. Und nun kriechen wieder die Geister der Vergangenheit aus ihren Höhlen. Dabei ist es eine der schöneren Geschichten der Nachkriegszeit, dass es in vielen deutschen Städten wieder jüdisches Leben gibt.

Aber auch das gehört zur Wahrheit: Der Antisemitismus, der Hass auf Juden, war nie weg in Deutschland – er wurde nur mehr oder weniger unverhohlen geäußert. Dass Synagogen ebenso wie jüdische Kindergärten und Schulen besonders geschützt werden mussten, ist ein Beleg dafür.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte vor einigen Monaten, er könne Juden nicht empfehlen, „jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen“. Das hätte aufrütteln müssen – hat es aber nicht. Noch am harmlosesten wäre dafür die Erklärung, dass in Zeiten der Beleidigungen und Todesdrohungen in sozialen Medien auch verbale und körperliche Angriffe auf jüdische Mitbürger nur noch wenige wirklich erschüttern.

Die Politik müsse auf das Attentat reagieren, das Waffenrecht verschärfen, eine Antisemitismus-Konferenz einberufen, hieß es direkt nach dem Anschlag. Gegen diese Forderungen spricht nichts. Aber – und das sollte jedem bewusst sein: Das reicht nicht. Jeder Einzelne muss gegen Antisemitismus eintreten.

Nicht betreten schweigen, wenn im Sportverein, im Freundeskreis oder in der Familie Lügen über Juden verbreitet werden. Wenn Sätze mit „man wird ja wohl noch sagen dürfen“ beginnen und nur noch Hetze folgt. Die Erkenntnis, dass aus menschenverachtendem Denken menschenverachtende Taten resultieren, ist nicht neu. Sie wurde am Mittwoch nur erneut bewiesen.

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