Angriffe auf Journalisten: „Das Aggressionsniveau war noch nie so hoch“

Martin Hoffmann
Martin Hoffmann (Foto: Iona Dutz)
Schwäbische Zeitung
Anja Pasquay

Schon seit dem Beginn der Pegida-Demonstrationen im Jahr 2014 gibt es wieder vermehrt Angriffe auf Journalisten in Deutschland. Doch die "Querdenken"-Demos haben dieses Problem deutlich verschärft. 

Martin Hoffmann forscht am European Center for Press And Media Freedom zu Pressefreiheit. Er ist Autor Studie "Feindbild Journalist", die untersucht hat, wie es um die Freiheit von Journalisten in Deutschland bestellt ist. Zum Tag der Pressefreiheit sprach Anja Pasquay, Sprecherin des Bundes der deutschen Zeitungsverleger (BDZV), mit ihm über die Lage.

Herr Hoffmann, wie schätzen Sie die Situation der Pressefreiheit in Deutschland ein?

Martin Hoffmann: Das Aggressionsniveau gegen Journalisten war seit Beginn unserer Erfassung im Jahr 2015 noch nie so hoch: Die Zahl der Angriffe hat sich von 2019 zu 2020 verfünffacht, 69 gewaltsame Angriffe haben wir von Januar bis Dezember verifiziert. Gewalt gegen Journalisten ist spätestens seit dem Chemnitzer Herbst 2018 zum Normalzustand geworden – und eine Beruhigung derzeit nicht in Sicht.

Nach den Pegida-Demos gab es wieder deutlich weniger Angriffe auf Journalisten in Deutschland. Das haben die Querdenker geändert. (Foto: ECPMF)

Wie erklären Sie sich die zunehmende Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten? Haben die Corona-Pandemie und das Auftreten der sogenannten Querdenker und Co. die Situation zusätzlich verschärft?

Pandemiebezogene Proteste von Initiativen wie „Querdenken“ haben in der Tat den größten Anteil an dem erneuten Anstieg der Angriffe gegen Medienschaffende. 49 der 69 tätlichen Angriffe haben sich 2020 im Umfeld dieser Versammlungen ereignet. Sowohl im Netz als auch auf der Straße haben Anhänger:innen dieser Initiativen von Anfang an offensiv ihren Pressehass nach außen getragen.

Haben Sie vergleichbare Ausschreitungen gegen die Presse auch in anderen Ländern Europas beobachtet?

Insbesondere in den Niederlanden kam es zuletzt zu vergleichbaren pressefeindlichen Attacken, insbesondere gegen Mitarbeiter:innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks NOS. Aber auch zuvor in Frankreich bei Gelbwesten-Protesten wurden zahlreiche Journalist:innen tätlich angegriffen und schwer bedroht.

Als grobes Muster zeichnet sich ab, dass mit dem Entstehen von Empörungsbewegungen, wie zum Beispiel zuvor auch von Pegida in Deutschland, eine höhere Gefährdung für Medienschaffende entsteht, bei ihrer Arbeit angegriffen zu werden.

Eine Langzeitstudie der Uni Mainz zeigt, dass 2020 das Vertrauen der deutschen Bevölkerung in die Zuverlässigkeit insbesondere traditioneller Medien gegenüber den Vorjahren erheblich gewachsen ist. Die „Lügenpresse“-Vorwürfe würden deutlich weniger. Wie passt das mit den Angriffen zusammen?

Die Angreifer gehören – sofern sie sich überhaupt an solchen Befragungen beteiligen– zum Kern derjenigen Minderheit von rund zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung, die der Presse ablehnend und feindselig gegenüberstehen. Ihr Anteil ist zwar der Mainzer Erhebung zufolge ebenfalls minimal zurückgegangen.

Aber es gibt wenig Anhaltspunkte dafür, dass der Hass und die Angriffe der Pressefeinde auf einer differenzierten Analyse der Berichterstattung fußen, sondern das fußt eher auf einer pauschalen und einseitigen Realitätswahrnehmung.

Wie können Reporterinnen und Reporter in solch brenzligen Situationen angemessen geschützt werden?

Es braucht gut ausgebildete und energisch handelnde Polizist:innen in ausreichender Personalstärke auf den Demonstrationen, denn dort passieren die meisten Übergriffe. Der Einsatz von Sicherheitspersonal gehört ja bereits seit 2016 bei den Rundfunkhäusern zum Standard, sie konnten in zahlreichen Fällen Medienschaffende schützen.

Außerdem brauchen freie Journalist:innen die Sicherheit, bei Angriffen die Kosten für beschädigtes Equipment, ärztliche Behandlung und etwaige juristische Unterstützung nicht allein tragen zu müssen.

Die Zahl der Angriffe ist mit Beginn der Querdenken-Demos im April 2020 deutlich gestiegen. (Foto: ECPMF)
Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Meist gelesen

Impftermin-Ampel: Jetzt mit Push-Nachrichten für Ihr Impfzentrum

Die Impftermin-Ampel von Schwäbische.de zeigt mit einem Ampelsystem Impfzentren der Region an, in denen es gerade freie Termine gibt. 

+++ JETZT NEU: Nutzer mit einem Schwäbische Plus Basic, Premium- oder Komplettabo können sich nun exklusiv und noch schneller per Pushnachricht aufs Handy über freie Termine bei Ihrem Wunsch-Impfzentrum informieren lassen. Hier geht es direkt zum Push-Service, Abonnenten können ihn sofort nutzen.

Nutzer ohne Abo können weiterhin die bestehende Impfampel auf dieser Seite hier nutzen.

Coronavirus

Inzidenzwert sinkt kontinuierlich - Grenzwert von 100 noch nicht erreicht

Zwar sinkt der Inzidenzwert im Ostalbkreis kontinuierlich. Unter die 100er-Grenze hat er es bislang allerdings noch nicht geschafft. Wie das Landesgesundheitsamt (LGA) am Montag im aktuellen Lagebericht aufführt, liegt die Inzidenz aktuell bei rund 109. Für weitere Lockerungen muss der Wert an fünf Tagen hintereinander unterhalb des Grenzwerts liegen. 

Mit 14 Neuinfektionen steigt die Zahl der Gesamtfälle seit Ausbruch der Pandemie auf 14.

Auf der Baustelle der neuen Mali-Sporthalle mache sich die Baustoffknappheit noch nicht bemerkbar, sagt das städtische Hochbauam

Wegen Corona gehen Handwerkern die Baustoffe aus - mit dramatischen Folgen

Baufirmen und Bauherren beobachten es gleichermaßen mit Sorge: Verschiedene Baustoffe werden derzeit knapp. „Das ist ein beispielloser Engpass seit 1991“, hieß es in einer am Montag veröffentlichten Analyse des Münchener Forschungsinstituts Ifo. Auch im Raum Biberach ist das inzwischen zu spüren. Während Firmen darum bangen, wie sie ihre Aufträge fristgerecht erledigen sollen, fürchtet man auf Bauherrenseite höhere Preise.

„Damit hat niemand gerechnet“, sagt Frank Hellgoth.

Mehr Themen