Angriff auf libysches Flüchtlingslager: General Haftar weist alle Vorwürfe zurück

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 Nach Angaben der Vereinten Nationen seien bei dem Angriff 44 Menschen getötet und etwa 130 weitere verletzt worden.
Nach Angaben der Vereinten Nationen seien bei dem Angriff 44 Menschen getötet und etwa 130 weitere verletzt worden. (Foto: dpa)
Thomas Seibert

Das Flüchtlingslager in Tajoura war ein Ort der Verzweiflung – in der Nacht zum Mittwoch wurde das Lager zum Tatort eines Massakers. In einem Hangar in Tajoura, einem Vorort der libyschen Hauptstadt Tripolis, lebten mehr als 600 Männer, Frauen und Kinder aus Ostafrika, nachdem sie bei der Überfahrt nach Italien mit Unterstützung der EU auf dem Meer aufgegriffen und nach Libyen zurückgebracht worden waren. Tajoura liegt mitten im Kampfgebiet des libyschen Bürgerkrieges. Schon im Mai schlug in der Nähe des Lagers ein Geschoss ein und verletzte zwei Menschen. Jetzt wurde das Lager aus der Luft angegriffen. Mindestens 44 Menschen starben.

Zwei Luftangriffe hätten sich gegen das Lager gerichtet, berichteten Überlebende und Hilfsorganisationen. Getroffen wurde ein Bereich des Hangars, in dem rund 150 Männer aus Sudan, Eritrea und Somalia schliefen, wie der Sender Al Jazeera meldete. Fast jeder Dritte von ihnen wurde getötet. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete von zerfetzten Leichen unter den Trümmern des teilweise zerstörten Hangars. Mehr als 130 weitere Menschen wurden verletzt, teilte die UN mit.

In Libyen, das seit dem Sturz von Ex-Diktator Muammar Gaddafi vor acht Jahren ohne zentrale Regierung ist, kämpfen zwei Lager um die Macht: die international anerkannte Führung in Tripolis und eine Gegenregierung im Osten des Landes mit dem Kommandeur Khalifa Haftar. Im Chaos des Bürgerkrieges organisieren Schlepperbanden den Transport von Flüchtlingen aus Afrika und Nahost über das Mittelmeer nach Italien. Die EU unterstützt die libysche Küstenwache dabei, die Menschen auf See abzufangen und nach Libyen zurückzubringen.

Damit müsse jetzt Schluss sein, fordert die UN. „Niemand sollte in ein Flüchtlingslager zurückgeschickt werden, in dem er eingesperrt wird und in dem sein Leben bedroht ist“, schrieb Charlie Yaxley, Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR für Afrika, auf Twitter. Yaxley forderte die Freilassung aller Flüchtlinge aus libyschen Internierungslagern. Zudem sollte kein Flüchtling, der auf dem Weg nach Europa auf dem Meer aufgegriffen werde, nach Libyen zurückgebracht werden.

Nichts geschieht

Die Erfahrung anderer UN-Appelle lehrt, dass Yaxleys Forderungen ignoriert werden dürften. Die Weltorganisation hatte bereits im Mai verlangt, die Flüchtlinge aus dem Lager in Tajoura, das neben einem Militärgelände liegt, an einen anderen Ort zu bringen. Getan wurde nichts.

Auch die Tatsache, dass die UN die Koordinaten der Flüchtlingslager in Tripolis den Kampfparteien mitgeteilt hatte, um die Flüchtlinge zu schützen, konnte den Angriff nicht verhindern. Der UN-Gesandte in Libyen, Ghassan Salame, sprach von einem Kriegsverbrechen.

Die von der UN gestützte Regierung in Tripolis gab Rebellenkommandeur Khalifa Haftar die Schuld am Tod der Menschen. Haftar, der die Macht in ganz Libyen übernehmen will, versucht seit April, Tripolis einzunehmen. Seine Libysche Nationalarmee (LNA) hatte erst am Montag eine Ausweitung der Luftangriffe auf die Stadt angekündigt, weil „traditionelle Mittel“ der Kriegführung keinen Erfolg gebracht hätten.

Haftars LNA wies alle Vorwürfe zurück. Das Lager sei von regierungstreuen Truppen beschossen worden, erklärte die Rebellenarmee. Dennoch könnte das Entsetzen nach dem Tod der Flüchtlinge die Unterstützung für Haftar schwächen. Der General erhält Hilfe aus Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Milizen auf der Seite der Regierung werden von der Türkei und Katar unterstützt.

Der eskalierende Krieg bringt auch andere in Libyen in Lebensgefahr. Knapp 6000 Flüchtlinge sitzen in Internierungslagern fest. Insgesamt hoffen rund 700 000 Flüchtlinge, die vorwiegend aus anderen afrikanischen Ländern kommen, auf die Weiterfahrt Richtung Europa.

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