Analyse: Bei Vergewaltigung macht die Scharia aus Opfern Täter

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Die Norwegerin Marte Deborah Dalelv - hier mit ihrem Anwalt - wurde zunächst verurteilt, obwohl sie Opfer einer Vergewaltigung i (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Inga Rogg

Zum Glück ist Ramadan. Zum Fastenmonat gehört nämlich, dass Herrscher in islamischen Ländern Gefangenen ein Teil ihrer Haftstrafen erlassen oder Amnestien aussprechen. Vielleicht war es im Fall des Herrschers von Dubai, Mohammed bin Rashid al-Maktoum, aber auch der internationale Druck, der ihn dazu bewog, Marte Deborah Dalelv am Montag zu amnestieren. Immerhin hat das Land, das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gehört und in dem die Mehrheit der Einwohner Ausländer sind, viel zu verlieren.

Menschenrechtsorganisationen wiesen freilich auf die Perfidie der Milde des Herrschers hin. Indem die VAE das Vergewaltigungsopfer zuerst verurteilte und dann amnestierte, demütigten sie die Frauen weltweit, erklärte Sara Leah Whitson von Human Rights Watch (HRW). „Ändert die verdammten Gesetze“, schrieb die Leiterin der Nahost- und Nordafrika-Abteilung von HRW auf ihrem Twitter-Account. Genau in diesen Gesetzen liegt das Problem.

In den Emiraten fallen Vergewaltigungen wie in vielen mehrheitlich islamischen Ländern nicht unter das zivile Strafrecht, sondern die Scharia, das islamische Recht. Gemäß der Scharia ist Vergewaltigung entweder Ehebruch oder außerehelicher Sex, der grundsätzlich verboten ist. Für das weibliche Opfer gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Täter legt ein Geständnis ab oder die Frau muss das Verbrechen beweisen, indem sie vier männliche Zeugen benennt. Abgesehen davon, dass die Beweislast beim Opfer liegt, ist es für Frauen damit faktisch unmöglich, die Tat nachzuweisen. Wie im Fall der Norwegerin enden die Klagen von Frauen deshalb meist damit, dass sie selbst wegen Ehebruch oder außerehelichem Sex verurteilt werden.

Die 24-jährige Norwegerin ist dabei kein Einzelfall. Vor drei Jahren verurteilte ein Gericht eine 18-jährige Emiraterin, die sechs Männer wegen Gruppenvergewaltigung angezeigt hatte, zu drei Jahren Haft. Im Jahr 2008 wurden eine Britin und eine Australierin, die ebenfalls Klage wegen Gruppenvergewaltigung erhoben hatten, wegen Alkoholkonsum und „außerehelichem Sex“ zu einer Geldstrafe bzw. Haftstrafe verurteilt. Die Australierin kam nach acht Monaten frei. Amnestiert wurden freilich auch die drei Täter. Laut arabischen Medienberichten kam jetzt auch der von Dalelv angezeigte Mann auf freien Fuß.

Obwohl es in zahlreichen Golfstaaten mittlerweile Hotlines und Beratungszentren gibt, ist Gewalt gegen Frauen weit verbreitet. Nach wie vor schweigen Frauen lieber als sich der Demütigung durch die Gerichte auszusetzen. Besonders rechtlos sind vor allem die Frauen aus den armen Ländern Südostasiens, die sich oft zu Sklaven ähnlichen Bedingungen in den Haushalten der Reichen verdingen. Eine im letzten Jahr veröffentliche philipinnische Studie stellte fest, dass 70 Prozent der philippinischen Hausangestellten in Saudi-Arabien Opfer von körperlicher und psychischer Gewalt wurden. Im Oktober starb nach 18 Monaten eine Indonesierin, die vom Sohn ihres Arbeitgebers krankenhausreif geschlagen wurde. Der Täter wurde nicht angeklagt.

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