Alle sechs Sekunden verhungert ein Kleinkind - Das sind die Gründe

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Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, findet es „inakzeptabel“, dass Deutschland seine Klimaziele nicht erreicht ha
Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, findet es „inakzeptabel“, dass Deutschland seine Klimaziele nicht erreicht hat. (Foto: Michael Scheyer)
Schwäbische Zeitung

Am Donnerstag präsentiert die Welthungerhilfe ihren jährlichen Bericht. Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Organisation, sieht im Kampf gegen den Hunger unerfreuliche Entwicklungen. Das sagte die gebürtige Leverkusenerin im Gespräch mit Daniel Hadrys. Sie nennt den Klimawandel als eine der Hauptursachen für Unterernährung – und fordert von der Politik einen stärkeren Kampf gegen die Erderwärmung.

Frau Dieckmann, alle sechs Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an Hunger. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler spricht dabei von „Mord“. Geben Sie ihm recht?

Ich würde nicht den Begriff „ermorden“ verwenden. Aber in der Sache hat er recht. Er will damit sagen: Wir könnten das verhindern.

Mit Hunger verbindet man häufig Afrika. Welche Regionen und Länder sind noch betroffen?

Asien leidet immer noch stark unter Hunger. Fast 15 Prozent der Menschen in Indien sind unterernährt. Obwohl es in Myanmar eigentlich eine stabile Entwicklung gibt, ist die Versorgung der Flüchtlinge der Rohingya schwierig. In Syrien sind 13 Millionen Menschen zum Überleben auf Hilfe angewiesen und im Jemen droht eine Hungersnot.

Nachdem bis 2016 die Zahl der Hungernden weltweit gesunken ist, steigt sie zuletzt wieder. Gehen Sie noch davon aus, dass das Ziel der Vereinten Nationen, bis 2030 den Hunger bekämpft zu haben, noch erreicht wird?

Damals hielt ich es mit viel Optimismus für möglich. Aber jetzt bin ich skeptischer geworden. Das liegt zum einen am Klimawandel. Mangelernährung und Hunger werden in vielen Regionen durch die klimatischen Verhältnisse verstärkt. Der andere Hungertreiber sind Krisen und Konflikte. In Afrika gibt es sehr unterschiedliche Entwicklungen. Es gibt Länder, die eine gute Wirtschaftsentwicklung haben. Es gibt aber auch diejenigen, in denen durch Bürgerkriege und bewaffnete Konflikte keine Stabilität möglich ist und Millionen Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren.

Für den Klimawandel sind hauptsächlich die Industrienationen verantwortlich. Durch Entwicklungshilfe versuchen diese wiederum, den Hunger zu bekämpfen. Wie kommt man aus diesem Kreislauf wieder heraus?

Die Politik muss den Klimawandel noch viel stärker in den Mittelpunkt stellen. Es ist inakzeptabel, dass Deutschland seine Klimaziele nicht erreicht hat. Die weltweiten Emissionen kommen nicht oder nur sehr wenig in den Entwicklungsländern zustande. Wenn ein US-amerikanischer Präsident leugnet, dass es den Klimawandel gibt, wenn die USA aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen, kann ich nicht optimistisch sein. In Afrika kommt noch ein weiterer Punkt dazu. Wir haben hohe Bevölkerungswachstumsraten. Wenn die Menschen durch Dürre oder Überschwemmungen Flächen verlieren, ist die Ernährung nicht mehr gewährleistet.

Afghanistan gehört, neben Irak und Syrien, zu den Hauptfluchtländern. Was können die EU und Deutschland tun, um Fluchtursachen zu bekämpfen?

Ich bin immer sehr vorsichtig mit dem Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und der Bekämpfung von Fluchtursachen. Aber es gibt eine wichtige Erkenntnis: Wenn Menschen in einem Land sicher und halbwegs im Wohlstand leben, fliehen sie weniger. Es gibt aber auch Migration von gut ausgebildeten Menschen. Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen nicht gezwungen sind, ihr Land zu verlassen, weil sie sonst ihr Leben riskieren oder verhungern. Migration muss eine bewusste Entscheidung sein. Deswegen braucht Afrika Investitionen und Entwicklungszusammenarbeit – das gilt auch für einige asiatische Länder.

Was sagen Sie deutschen Politikern, die nach Afghanistan abschieben wollen, weil es ihrer Einschätzung nach auch sichere Gebiete gibt?

Das Land ist groß und die Situation ist in den Landesteilen sehr unterschiedlich. Dies gilt auch für die Sicherheitslage. Wir können nur die Gebiete beurteilen, in denen wir tätig sind. Dort ist die Lage angespannt und sie ändert sich immer wieder.

Ausländische Unternehmen sehen Afrika als lukrativen Absatzmarkt. Sie bieten dort ihre Produkte, wie beispielsweise Milchpulver und Geflügel, zu Preisen an, mit denen die einheimischen Produzenten nicht mithalten können.

Das kritisieren wir. Wir glauben, dass diese Länder noch einen gewissen Schutz brauchen. Das gilt vor allem für Produkte, die in diesen Ländern selbst hergestellt werden können. Wir haben in der EU und weltweit freie Märkte geschaffen. In Ländern, die noch nicht die Wirtschaftskraft haben, um Produkte marktfähig selbst herzustellen, macht das viele Initiativen kaputt. Afrika braucht Investitionen, auch von europäischen Unternehmen. Wir plädieren dafür, sich an dem Bedarf in Afrika zu orientieren und dort Produkte herzustellen, wo sie auch gebraucht und verkauft werden. Nur so bleiben Wertschöpfungsketten und Steuern vor Ort. In diesem Sinne unterstützen wir den Marshallplan mit Afrika.

In einigen Staaten nehmen ausländische Unternehmen Einheimischen Land weg. Sind die nationalen Regierungen zu schwach?

Die Unternehmen versprechen den Regierungen sehr viel. Es gibt in vielen Ländern Korruption. Bewohner werden nicht gefragt, es gibt oft keine klaren Eigentumsverhältnisse. Die betroffenen Familien werden vom Land vertrieben und verlieren ihre Existenzgrundlage. Die Gemeinden müssen bei solchen Verpachtungen eingebunden werden, damit am Ende alle Seiten von Investitionen profitieren.

Auf Geberkonferenzen melden die Hilfsorganisationen regelmäßig einen hohen Bedarf an. Die Staatengemeinschaft stellt aber nur einen Bruchteil zur Verfügung. Wie bewerten Sie das?

Viele Krisen und ihre Kosten sind vorhersehbar und so könnte mit einem festen Budget für humanitäre Katastrophen viel schneller und effizienter geholfen werden. Wir brauchen eine feste ODA-Quote, die den Anteil der öffentlichen Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit am Bruttonationaleinkommen bemisst. Auf die deutsche ODA-Quote sollten nicht die Kosten für Flüchtlinge in Deutschland angerechnet werden.

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