Algerier lassen sich nicht mehr einschüchtern

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 Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika hat aufgegeben.
Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika hat aufgegeben. (Foto: dpa)
Ralph Schulze
Redakteur

Algerien erwacht ohne Bouteflika, aber mit großer Ungewissheit“, titelte am Mittwoch „Tout sur l’Algérie“ (TSA), das wichtigste Medienportal des Landes. TSA ermutigte in einem Kommentar das algerische Volk, das den schwerkranken und unpopulären Präsidenten Abdelaziz Bouteflika aus dem Amt gejagt hatte, weiter zu demonstrieren: „Dieser Sieg ist nur ein Schritt. Das Wichtigste liegt noch vor uns: eine echte demokratische Transition durchzusetzen.“

Es ist ein historischer Moment im nordafrikanischen Algerien, wo 42 Millionen Menschen leben. Erstmals seit der 1962 erlangten Unabhängigkeit von Frankreich schafften es die Algerier mit massiven Protesten, ihre autoritären Machthaber in die Enge zu treiben und einen Staatschef zum Rücktritt zu zwingen. Auch wenn derzeit noch nicht klar ist, ob mit diesem Etappensieg auch wirklich das Ende des algerischen Regimes besiegelt ist.

2011 war der von Tunesien übergesprungene arabische Frühling vom algerischen Polizeistaat noch erstickt worden. Nun, acht Jahre später, ließen sich die Algerier nicht mehr einschüchtern. Politischer Stillstand, wachsende Perspektivlosigkeit und immer dreistere Korruption sorgten dafür, dass die Menschen die Angst verloren haben. Millionen demonstrierten die letzten Wochen mit Parolen wie „Bouteflika, verschwinde!“.

„Ich habe die Ehre mitzuteilen, dass meine Amtszeit beendet ist“, heißt es in Bouteflikas Rücktrittserklärung. Von ehrenhaftem Rückzug kann freilich keine Rede sein. Armeechef Ahmed Gaid Salah, Algeriens starker Mann im Hintergrund, hatte Stunden zuvor und ultimativ Bouteflikas „sofortigen“ Abtritt verlangt. Dass der 82-Jährige dem Machtwort des Generals endlich nachgab, zeigt ziemlich deutlich, wer in Algerien tatsächlich das Sagen hat – die alte Garde.

Das ist jener undurchsichtige Machtapparat, der seit 20 Jahren mit Bouteflika an der Spitze in dem nordafrikanischen Land regiert. Eine Clique zu der auch Bouteflikas jüngere Brüder Said und Nacer gehören, die angeblich zuletzt die Amtsgeschäfte führten. Genauso wie die allmächtigen Generäle unter Führung des 79-jährigen Armeechefs Gaid Salah.

Fest steht, dass die Krise Algeriens mit Bouteflikas Verschwinden noch lange nicht beigelegt ist. Und dass der Ausgang des Konflikts völlig offen ist. Übrigens eine Krise, die in Europa nicht ohne Sorgen verfolgt wird: Algerien ist ein wichtiger Erdgaslieferant. Und zugleich ein bedeutender Partner bei der Bekämpfung der irregulären Migration und gewaltbereiter Fundamentalistengruppen, die in Südalgerien ihr Rückzugsgebiet haben. Deswegen schaute man bisher über Demokratiedefizite des Landes hinweg. Dazu passt, dass die EU bisher in Sachen Algerien auffällig schweigsam blieb.

In Algier gingen derweil auch am Mittwoch die Demonstrationen weiter. Wenn auch mit einem neuen Motto: Jetzt rufen die Menschen nicht mehr: „Bouteflika, hau ab!“, sondern sie wollen einen Systemwechsel erzwingen und skandieren: „Regime, hau ab!“

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