Aktuelle Lage im Iran-Konflikt: Was wir wissen und was nicht

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Deutsche Soldaten im Raum Erbil nach Raketenangriffe wohlbehalten
Deutsche Soldaten sind im Raum Erbil als Ausbilder im Einsatz und nach dem Raketenangriff wohlauf. (Archiv-Bild) (Foto: Michael Kappeler / dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Agence France-Presse
Leiter Digitalredaktion
Michael Wrase
Redakteur

Die Faktenlage zu diesen Ereignissen in der Region und möglichen Zusammenhängen ist noch weitgehend unklar.

Schwäbische.de hat die wichtigsten Entwicklungen zusammengefasst und erklärt, was Fakten sind - und was Spekulation.

WAS WIR WISSEN

  • Was ist über den Vergeltungsangriff auf US-Militärbasen im Irak bekannt?

Der Iran schoss in der Nacht zum Mittwoch Raketen auf die vom US-Militär genutzten Stützpunkte Ain al-Assad westlich von Bagdad und im nördlich gelegenen Erbil ab. Über Todesopfer war zunächst nichts bekannt.

  • Wie reagiert US-Präsident Donald Trump?

Seine erste Reaktion über Twitter am Dienstagabend (Ortszeit) ließ vermuten, dass auch er keine komplette Eskalation will: "Alles ist gut", schrieb er.

Rauchwolke
Ein irakischer Soldat am Neujahrstag vor der Rauchwolke eines nahe der US-Botschaft in Bagdad brennenden Feuers. (Foto: Nasser Nasser / DPA)

Momentan würden die Auswirkungen noch geprüft, er werde am Mittwochmorgen (Ortszeit) ausführlich dazu Stellung nehmen.

  • Wie reagiert der Iran?

Teheran nannte die Angriffe einen "Akt der Selbstverteidigung" nach der Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Luftschlag in der vergangenen Woche.

So hat der Iran zugeschlagen, aber nicht mit voller Wucht. Mit dem "abgeschlossenen und verhältnismäßigen" Angriff, wie Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif es formulierte.

Neue Attacken kündigte der Iran nicht an. Der iranische Präsident Hassan Ruhani sagte: "Falls die Amerikaner weitere Angriffe und Verbrechen gegen den Iran planen sollten, werden wir eine Antwort geben, die noch härter ist als der heutige Angriff."

  • Waren deutsche Soldaten in Gefahr?

Die im nordirakischen Erbil stationierten Soldaten der Bundeswehr sind nach den iranischen Raketenangriffen auf Militärziele in dem Land wohlbehalten.

"Wir stehen in Kontakt mit den Soldaten. Den Soldaten geht es gut", sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Die deutschen Soldaten waren von internationalen Partnern unmittelbar vor den Raketenangriffen gewarnt worden. "Wir haben sofort alle im Camp befindlichen Soldatinnen und Soldaten über Sirenen alarmiert", erklärte Oberst i.G. Jörg Wellbrink am Mittwoch in Erbil.

Es seien dann schnell Schutzbauten aufgesucht worden. "Wir haben anschließend direkt dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr die Umstände gemeldet und stehen seit dieser Zeit im stetigen Kontakt."

In dem nordirakischen Kurdengebiet sind noch mehr als 100 deutsche Soldaten im Einsatz, die ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft haben. Sie sind Teil der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). 

  • Wie reagiert Deutschland?

Nach den iranischen Vergeltungsangriffen prüft die Bundesregierung einen Teilrückzug der dort stationierten Bundeswehrsoldaten. Das kündigte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) am Mittwoch im ARD-"Morgenmagazin" an. Aus dem Zentralirak hatte die Bundeswehr ihre Soldaten bereits am Montag ausgeflogen.

  • Wie reagieren die UN?

Die Vereinten Nationen haben den iranischen Raketenangriff auf von den USA genutzte Militärstützpunkte im Irak als Verschärfung des Konflikts und als Verstoß gegen die Souveränität des Landes bezeichnet.

"Der Irak sollte nicht den Preis für die Rivalitäten anderer zahlen", teilte die UN-Mission im Irak (Unami) am Mittwoch bei Twitter mit. "Wir rufen zu dringender Zurückhaltung und einer Rückkehr zum Dialog auf", hieß es.

Die UN-Mission im Irak läuft seit 2003. Mit ihrer Unterstützung arbeitete das Land unter anderem eine neue Verfassung aus, hielt Wahlen ab und koordinierte humanitäre Hilfen im Land. Die UN bemühen sich auch, bei der Schlichtung territorialer Streitigkeiten zu helfen. Nach UN-Angaben sind dort derzeit rund 230 Mitarbeiter für die Mission im Einsatz.

  • Was ist über den Flugzeugabsturz bei Teheran bekannt?

Von der Boeing 737 auf ihrem Flug vom Iran in die Ukraine sind nur noch Trümmer übrig geblieben. Rettungskräfte suchen am Mittwoch auf einem Feld zwischen den verkohlten Überresten der Maschine nach Überlebenden. Schnell ist klar: Niemand hat den Absturz der ukrainischen Passagiermaschine unweit des Flughafens der iranischen Hauptstadt Teheran überlebt. Mehr als 170 Menschen sterben. Darunter sollen nach ukrainischen Angaben mindestens drei Deutsche sein.

  • Was ist über das Erdbeben bei Buschehr bekannt?

In der Nähe des einzigen iranischen Atomkraftwerks Buschehr hat es am Mittwochmorgen ein Erdbeben der Stärke 4,5 gegeben. Das Zentrum des Bebens lag weniger als 50 Kilometer von dem Atomkraftwerk entfernt und ereignete sich in einer Tiefe von zehn Kilometern, wie die US-Erdbebenwarte USGS mitteilte.

Die Erschütterung war laut der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Irna auch in Buschehr zu spüren. Berichte über mögliche Opfer oder Schäden am Kraftwerk gab es zunächst nicht. Der Iran liegt auf mehreren tektonischen Bruchlinien und wird regelmäßig von Erdbeben erschüttert. Ende Dezember hatte es nahe Buschehr ein Erdbeben der Stärke 5,1 gegeben.

  • Wie reagiert der Ölpreis auf die Entwicklung in der Region?

Die Finanz- und Rohstoffmärkte haben zunächst stark auf die Raketenangriffe auf US-Stützpunkte im Irak reagiert. Dann aber kehrte schnell eine Beruhigung ein. Die Ölpreise sind am Mittwoch nach dem Raketenangriff auf US-Stützpunkte gestiegen.

Die Notierungen erreichten zeitweise neue mehrmonatige Höchststände. Am Ölmarkt setzte jedoch am frühen Morgen eine Gegenbewegung ein und der Preisanstieg hielten sich am Morgen in Grenzen. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 69,17 US-Dollar. Das sind 90 Cent mehr als am Vorabend. Der Preis für US-Rohöl der Sorte WTI stieg um 62 Cent auf 63,32 Dollar. 

  • Wie reagieren die internationalen Fluggesellschaften?

Der Angriff des Iran auf US-Soldaten im Irak stellt den Luftverkehr zwischen Europa, Indien und Australien vor neue Herausforderungen.

Fluggesellschaften wie die Lufthansa und die französisch-niederländische Air France-KLM umfliegen seit Mittwochmorgen sicherheitshalber die Region.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA untersagte Airlines aus ihrer Heimat, überhaupt noch über Irak, Iran, den Persischen Golf und den Golf von Oman zu fliegen. Wie stark sich die neue Lage auf Passagiere und Fluggesellschaften auswirkt, bleibt aber noch abzuwarten.

WAS WIR NICHT WISSEN

  • Wie viele Opfer gab es bei dem Vergeltungsangriff aus US-Militärbasen?

Über mögliche Opfer unter den im Irak stationierten US-Soldaten wurde nichts bekannt. Sie waren einem Medienbericht zufolge vor dem iranischen Raketenangriff gewarnt worden.

Dank eines frühzeitigen Alarms hätten diejenigen im Gefahrenbereich Zeit gehabt, sich in Schutzbunkern in Sicherheit zu bringen, berichtete der US-Sender CNN unter Berufung auf einen Angehörigen des US-Militärs.

US-Präsident Trump twitterte in der Nacht: „Alles ist gut!“ – was als Hinweis darauf verstanden werden könnte, dass es keine Opfer gab.

Auch die Schäden blieben offenbar vergleichsweise gering. Die irakischen Sicherheitskräfte meldeten, von ihren Soldaten sei keiner ums Leben gekommen. Auch aus der nordirakischen Erbil heißt es: keine Verluste, keine Schäden.

Die iranischen Revolutionsgarden teilten dagegen mit, bei der „Operation Märtyrer Soleimani“ sei der mit 35 Raketen attackierte Luftwaffenstützpunkt Ain al-Assad „vollständig zerstört“ worden. Auch das ist bislang unbestätigt.

  • Gibt es beim Flugzeugabsturz einen Zusammenhang mit dem aktuellen Konflikt in der Region?

Die iranische Luftfahrtbehörde führte den Crash schnell auf einen technischen Defekt zurück, wie der iranische Nachrichtensender Chabar unter Berufung auf einen Sprecher der Behörde berichtete.

Wie diese so kurz nach dem Absturz am Mittwochmorgen zu dem Schluss eines Technikfehlers als Ursache kam, blieb zunächst offen.

Die Unglücksursache steht gegenwärtig definitiv nicht fest, ebenso sind vermutete Zusammenhänge mit dem Konflikt zwischen den USA und Iran oder ein möglicherweise unbeabsichtigter Abschuss des Flugzeugs gegenwärtig reine Spekulation.

  • Wurde das Atomkraftwerk Buschehr bei dem Erdbeben beschädigt?

Dazu gibt es bislang keine gesicherten Angaben. Nach ungesicherten Angaben von Behörden im Staatsfernsehen wurden von den Rettungsteams zunächst weder Schäden noch Verletzte gemeldet.

  • Droht nach den iranischen Vergeltungsschlägen ein offener Krieg in der Region?

Der einflussreiche US-Senator Lindsey Graham hat den Angriff des Irans auf von US-Soldaten genutzte Militärstützpunkte im Irak in der Nacht auf das Schärfste verurteilt. „Das war ein kriegerischer Akt“, sagte Graham am Dienstag (Ortszeit) dem TV-Sender Fox News. US-Präsident Donald Trump habe alle Befugnisse, darauf zu antworten, sagte der Trump-Verbündete Graham.

Passagierflugzeug abgestürzt
Rettungskräfte stehen am Ort eines Flugzeugabsturzes am Rande von Teheran. Bei dem Absturz der ukrainischen Passagiermaschine nahe Teheran sind nach Angaben der Hilfsorganisation iranischer Halbmond alle Insassen ums Leben gekommen. (Foto: Mohammad Nasiri / DPA)

Doch Trumps Twitter-Reaktion „Alles ist gut“ ist bereits als moderatere Reaktion zu werten. Die iranische Regierung selbst hat die Raketenangriffe als „verhältnismäßigen“ und rechtmäßigen „Akt der Selbstverteidigung“ bezeichnet. „Wir streben nicht nach einer Eskalation oder Krieg, aber wir werden uns gegen jede Aggression verteidigen“, schrieb Außenminister Mohammed Dschawad Sarif in der ersten offiziellen Regierungsstellungnahme nach den Angriffen am Mittwoch auf Twitter.

Zugleich haben unter anderem Japan, US-Bischöfe und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu einem Ende der Gewalt und zu Diplomatie aufgerufen.

Nahostexperte Michael Wrase schließt sich deshalb in einer Einschätzung der Lage für Schwäbische.de Beobachtern in den USA an, die die iranischen Vergeltungsattacken als „sorgsam dosierte Antwort“ auf die Tötung ihres Generals durch die USA einordnen. Der Iran rechne offenbar nicht mit amerikanischen Gegenschlägen und hat – auf diversen diplomatischen Kanälen – den USA sicherlich signalisiert, dass es an einer weiteren Eskalation kein Interesse hat. Mit den Vergeltungsschlägen der zurückliegenden Nacht habe man Racheversprechen Taten folgen lassen und die Geistlichkeit um Revolutionsführer Ali Khamenei habe ihr Gesicht gewahrt. Es liege nun an Trump, eine weitere Eskalation zu verhindern.

Erdbeben nahe Atomkraftwerk
Das Atomkraftwerk Buschehr im Süden Irans. (Foto: Abedin Taherkenareh / DPA)
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