Afghanistan: Großteil der Ortskräfte will nach Deutschland

Deutsche Presse-Agentur
Carsten Hoffmann

Mit dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan will die große Mehrheit der einheimischen Mitarbeiter Schutz in Deutschland.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur haben inzwischen mehr als 450 der sogenannten Ortskräfte, die aktuell oder in den vergangenen beiden Jahren in Afghanistan bei der Bundeswehr beschäftigt waren, einen entsprechenden Antrag gestellt. Das sind mehr als 80 Prozent der Menschen in dieser Gruppe. Dazu kommen meist noch Familienangehörige, nach früheren Erfahrungen insgesamt etwa 2000 Menschen. Darüber hinaus gibt es etwa 300 Anträge von Afghanen, die in früherer Zeit als Helfer eingestellt waren, aber innerhalb der geltenden Zweijahresfrist keine Gefährdung angezeigt hatten.

Unterdessen begann die Bundeswehr am Dienstag mit der Rückverlegung von Material und Ausrüstung aus dem Einsatz. Wie das Einsatzführungskommando mitteilte, sollten mehr als 120 Fahrzeuge und 6 Hubschrauber verladen werden. Dabei würden Frachtflugzeuge des Modells Antonow AN-124 eingesetzt, die zu den größten Transportflugzeugen der Welt gehören. Die ersten zwei Transporthubschrauber NH90 wurden am Dienstag eingeladen und nach Deutschland geflogen. Ziel: Der Flughafen Leipzig.

Die Nato will ihre Ausbildungsmission „Resolute Support“ in Afghanistan bis spätestens September beenden. Der Großteil der Truppen wird nach dem Stand der Planungen vorher abgezogen. Deutschland hat etwa 1100 Soldaten im Land, die über die Jahre - vom Übersetzer bis zur Küchenkraft - viele Helfer hatten.

Ob auch Anträge von früheren Ortskräften auch nach Ablauf der Zweijahresfrist geprüft werden sollen, ist politisch noch nicht entschieden. Der Blitzabzug aus dem Land und das Vorrücken der Taliban haben eine neuen Lage geschaffen. Was die Bewertung der Einzelfälle noch verkompliziert: In dieser Gruppe können auch Beschäftigte von Vertragsfirmen sein, die nicht unmittelbar bei der Bundeswehr angestellt waren.

Die Bundeswehr leistet in Afghanistan Amtshilfe bei der Organisation. Dazu gehören auch die Erfassung von Daten sowie biometrischer Merkmale. Diese werden für die Erteilung von Visa oder eines Passersatzes - eines sogenannten Reiseausweises für Ausländer - benötigt. Über die Aufnahme der einzelnen Männer oder Frauen als Teil des Ortskräfteprogramms entscheiden in Deutschland dann aber das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte im April für ein schnelles Verfahren plädiert. „Wir reden hier von Menschen, die zum Teil über Jahre hinweg auch unter Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit an unserer Seite gearbeitet, auch mitgekämpft haben und ihren persönlichen Beitrag geleistet haben“, sagte sie. „Ich empfinde es als eine tiefe Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland, diese Menschen jetzt, wo wir das Land endgültig verlassen, nicht schutzlos zurückzulassen.“

Experten warnten in der vergangenen Woche, dass die Zeit ablaufe. Wissenschaftler, frühere Diplomaten und Offiziere forderten in einem am Freitag verbreiteten offenen Brief eine unbürokratische und schnelle Aufnahme Betroffener in Deutschland parallel zum Abzug. „Die Taliban haben immer wieder deutlich gemacht, dass sie diese Ortskräfte als Kollaborateure des Westens begreifen, die sie als Unterstützer eines militärischen Besatzungsregimes zur Verantwortung ziehen wollen“, hieß es in dem Schreiben.

Es sei zu befürchten, dass Gefährdete schutzlos zurückgelassen werden könnten, warnen die Unterzeichner. Und: „Wer die effektive Aufnahme wirklich will, der kann in den verbleibenden Wochen nur eine unbürokratische Prozedur für all die Ortskräfte und ihre Angehörigen umsetzen, die für deutsche Stellen gearbeitet haben: öffentliche Bekanntgabe des Aufnahmeprogramms, Registrierung, Vorbereitung der Ausreise, die möglichst geschehen muss, solange die Bundeswehr noch im Lande ist, gegebenenfalls Durchführung von Charterflügen.“

© dpa-infocom, dpa:210518-99-639265/3

Einsatzführungskommando der Bundeswehr, Twitter

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Meist gelesen

Impftermin-Ampel: Jetzt mit Push-Nachrichten für Ihr Impfzentrum

Die Impftermin-Ampel von Schwäbische.de zeigt mit einem Ampelsystem Impfzentren der Region an, in denen es gerade freie Termine gibt. 

+++ JETZT NEU: Nutzer mit einem Schwäbische Plus Basic, Premium- oder Komplettabo können sich nun exklusiv und noch schneller per Pushnachricht aufs Handy über freie Termine bei Ihrem Wunsch-Impfzentrum informieren lassen. Hier geht es direkt zum Push-Service, Abonnenten können ihn sofort nutzen.

Nutzer ohne Abo können weiterhin die bestehende Impfampel auf dieser Seite hier nutzen.

19.05.2020, Baden-Württemberg, Stuttgart: Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg,

Land plant Lockerung der Maskenpflicht - scharfe Warnung von Kretschmann

Baden-Württemberg bereitet sich auf eine Lockerung der Maskenpflicht vor. Unter anderem an vielen Schulen im Land könnte die Pflicht zum Tragen einer Maske bald fallen.

„Bei den Schulen schlagen wir folgende Veränderung vor: Bei einer Inzidenz von unter 50 keine Maskenpflicht mehr auf Schulhöfen und bei unter 35, wenn zwei Wochen kein Ausbruch war, keine Maskenpflicht auch im Unterricht bei allen Schularten. Am Testregime halten wir aber fest“, sagte Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) am Dienstag in Stuttgart.

 Messstelle in Horgenzell (Oberschwaben)

Grundwasser: Trotz des verregneten Frühjahrs reicht das Wasser wohl nicht

Helmuth Waizmann stehen die Schweißtropfen auf der Stirn. Er schwitzt. Aber nur am Kopf, denn von unten ist es schön kühl. Die Wiese, durch die er zu seinem Wald läuft, ist noch feucht vom Regen der vergangenen Nacht.

Geregnet hat es in diesem Frühjahr so viel, dass es Waizmanns Bäumen endlich besser geht. Selbst, wenn man ihnen an den kahlen Kronen und der rissigen Rinde die trockenen Sommer noch ansieht. Im Juni 2020 standen dort, wo Waizmann jetzt über Forstwege läuft noch Lastwagen voll beladen mit Schadholz.

Mehr Themen