40 Jahre Grüne im Südwesten: Von Revoluzzern zur Ministerpräsidenten-Partei

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Historische Aufnahme, bei der ein Kaktus überreicht wird
Einen Kaktus bekommt der alte und neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Lothar Späth (r.), am 4. Juni 1980 im Landtag von Stuttgart nach seiner Wiederwahl von Holger Heimann, Wolf-Dieter Hasenclever und Eslbeth Mordo (v.r.) von den Grünen. (Foto: Dick)

Sie waren neu, sie waren bunt, sie haben sich heftig gestritten und dennoch überlebt: Am Montag ist es genau 40 Jahre her, dass sich in Sindelfingen (Landkreis Böblingen) die Grünen in Baden-Württemberg gründeten. Es war der erste Landesverband der Ökopartei überhaupt. Auch die Bundespartei wurde erst später aus der Taufe gehoben, am 13. Januar 1980 in Karlsruhe. Seit 2011 stellen die Grünen im Südwesten mit Winfried Kretschmann den Regierungschef. Der 71-Jährige ist der erste und einzige grüne Ministerpräsident eines Bundeslandes und selbst Gründungsmitglied der Partei.

Eine der Wurzeln der Grünen liegt im südbadischen Wyhl, wo Mitte der 1970er Jahre eine Allianz aus Winzern, Bauern und Studenten mit ihren Protestaktionen ein geplantes Atomkraftwerk verhindert. Außerdem spielten bei der Gründung vor allem drei Gruppen eine Rolle: Die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher, die pazifistisch und ökologisch orientiert war, die Grüne Aktion Zukunft des aus der CDU ausgetretenen Politikers Herbert Gruhl und der anthroposophisch orientierte Achberger Kreis. „Aus diesen vier Wurzeln, die stärker waren als in den anderen Bundesländern, entstanden die Grünen Baden-Württemberg“, erklärt Wolf-Dieter Hasenclever, der Gründungsmitglied und erster Landeschef der Grünen war.

Anlass war der Ärger über die SPD-Atompolitik

Hasenclever war zuvor aus der SPD ausgetreten. „Der unmittelbare Anlass war der Hamburger Atom-Parteitag der SPD. Die SPD hat damals beschlossen, bis zu Hundert Atomkraftwerke in Deutschland zu bauen“, erklärt er. „Ich fand das vollkommen unverantwortlich. Als Naturwissenschaftler konnte ich das nicht mittragen“, erzählt der 73-Jährige, der Mathe und Physik studierte und als Lehrer arbeitete. Kretschmann sagt: „Keine andere Partei war willens und in der Lage, neue und dringende, wichtige Themen auf die Agenda zu setzen.“ Als Beispiel nennt auch er die Gefahren der Atomenergie und das Wettrüsten zwischen der westlichen Welt und dem damaligen Ostblock.

Die Grünen um Hasenclever legten es von Anfang an darauf an, mit ihren Positionen gesellschaftliche Mehrheiten zu erringen. In der Satzung der Grünen Baden-Württemberg, über die nächtelang gerungen wurde, heißt es bis heute: „Gerade Andersdenkende sollen mit aktiver Toleranz, also ohne Aggressionen und Diffamierungen, sondern mit dem Interesse, ihre Ansichten und Anliegen kennen- und verstehen zu lernen, begegnet werden.“ Hasenclever wertet das als erheblichen Stilunterschied zu den Grünen in anderen Bundesländern, wo parteilinke Kräfte die Bühne bestimmten.

„Wir sind nicht rechts, nicht links, sondern vorn“, lautete damals ein Leitspruch. Dennoch gab es auch bei den Grünen im Südwesten heftigen Streit, wie Hasenclever sich erinnert: „Wollten wir eine Partei sein, die irgendwelche Ideologien vertritt und damit eine Nische besetzt? Oder wollten wir potenziell mehrheitsfähig sein?“, erklärt er. „Wir haben uns für das Zweite entschieden.“

Das aber ging nicht ohne Blessuren ab. Hasenclever nennt einen Landesparteitag, bei dem um die Freigabe von Abtreibungen bis zum neunten Monat gestritten wurde. „Es gab Tumulte. Ich wurde zu Boden gerissen. Eine Frau zog mir einen BKS-Schlüssel durchs Gesicht.“ Der Oberbürgermeister von Stuttgart, Fritz Kuhn, meint rückblickend: „Die größte Leistung, die die Gründergeneration erbracht hat, war, dass wir es ausgehalten haben und zusammengeblieben sind.“

Schon 1980 im Landtag – aber ohne Büros

Schon 1980 schafften es die Grünen mit 5,3 Prozent in den Landtag in Stuttgart – zur Überraschung der etablierten Parteien. „Das war ein Schock für die bisherigen Parlamentarier und für die Landtagsverwaltung. Die wollten uns erst keine Büros geben“, erinnert sich Hasenclever. Er drohte damit, in der Eingangshalle des Parlaments Zelte aufzubauen und die Heringe in den Marmorboden zu rammen – die Verwaltung gab nach. „Der damalige Landtagsdirektor hat uns alles zugetraut. Wir waren sozusagen für ihn die Revoluzzer.“

1980 überreichten sie dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth (CDU) einen Kaktus – als Symbol dafür, dass die Grünen ein Stachel im Fleisch des etablierten Politikbetriebs sein wollten. Heute sind sie selbst die Etablierten und die „MP-Partei“. „Wir Grüne haben uns verändert, das Land hat sich verändert, und wir haben das Land verändert“, sagt Kretschmann. Die CDU sah den Machtverlust an die Grünen im Jahr 2011 lange als eine Art „Betriebsunfall“. Aber heute sind die Grünen im bürgerlichen Lager im Südwesten etabliert. Dabei hat der realpolitische Flügel um Kretschmann das Sagen.

Wirtschaft und Ökologie miteinander zu vereinen, ist ein Ziel, das die Grünen aus ihren Anfangsjahren mitgenommen haben und das heute eines ihrer Regierungsziele ist. Bei der Landtagswahl 2016 wurden die Grünen in Baden-Württemberg stärkste Kraft – das erste Mal in einem Bundesland überhaupt. Doch die Partei hat sich in ihrem Wesen verändert: Von der einstigen Streitlust ist öffentlich nicht viel zu spüren. Die Grünen werden straff geführt. Meinungsverschiedenheiten - wenn es sie denn gibt – dringen selten aus Partei oder Fraktion nach draußen. Und der regelrechte Personenkult, den es um Kretschmann gibt, wäre in frühen Jahren bei den Grünen schier undenkbar gewesen.

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