30 Jahre Deutsche Einheit: Vorurteilsfrei am Einenden arbeiten

Lesedauer: 4 Min
 Mit einem Feuerwerk am Brandenburger Tor in Berlin feierten rund eine Million Menschen in der Nacht vom 02. auf den 03. Oktober
Mit einem Feuerwerk am Brandenburger Tor in Berlin feierten rund eine Million Menschen in der Nacht vom 02. auf den 03. Oktober die deutsche Wiedervereinigung. (Foto: dpa)

Als Kind der Nachwende-Generation war die DDR für mich schon immer Geschichte. Ich kenne die Bilder des Mauerfalls nur aus Dokumentationen. Ich habe nie eine innerdeutsche Grenzkontrolle erlebt oder ein Paket für die Ost-Verwandtschaft gepackt. Und es kommt mir nicht in den Sinn, zu unterscheiden, ob jemand aus Mannheim oder aus Magdeburg kommt. Die deutsche Einheit ist für meine Generation Normalzustand. In Zeiten, in denen andernorts Mauern gebaut und Bündnisse aufgekündigt werden, ist sie schon deshalb eine großartige Erfolgsgeschichte.

Trotzdem weiß ich: Meine westdeutsche Sicht auf die Wende ist eine sehr privilegierte.

Zwar ist die Mauer zwischen der DDR und der Bundesrepublik Vergangenheit, etliche Ungleichheiten sind es aber nicht. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung finden heute 80 Prozent der Westdeutschen, der Osten hätte von der Wiedervereinigung profitiert. Aber nur 60 Prozent der Ostdeutschen würden das auch unterschreiben. Sie verdienen im Schnitt weniger als die Menschen im Westen, sie haben niedrigere Renten und in einigen ländlichen Gebieten fühlen sich die Einwohner abgehängt. Auch sind Topmanager aus dem Osten in Industriekonzernen eher die Ausnahme und nicht die Regel. Am anderen Ende der Skala ist das Armutsrisiko für weniger gut Qualifizierte deutlich höher als im Westen.

Es braucht Mut und politischen Willen, die verbliebenen Probleme zwischen Ost und West anzugehen. Doch Vorsicht: Es wäre fatal, die Debatte 30 Jahre nach der Wende nur auf Deutschland zu verkürzen. Die Welt hat sich verändert und die digitale Revolution macht schließlich keinen Unterschied zwischen Biberach und Bautzen. Die Aufträge gehen heutzutage eher ins indische Bangalore.

Viele Argumente der vergangenen Jahre sind aus der Zeit gefallen, wenn es darum geht, sich jetzt den weltweiten Herausforderungen zu stellen. Doch vielleicht kann die junge Generation auf beiden Seiten ihren Eltern und Großeltern ja sogar dabei helfen, vorurteilsfrei am Einenden zu arbeiten, um so die Zukunft aktiv zu gestalten.

Mehr Inhalte zum Dossier

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen