Wiederbelebungsversuch

 Ruth Schaumann
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Ruth Schaumann (Foto: Von Rolf Dieterich )
Rolf Dieterich

Zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit 1999 das letzte Buch von Ruth Schaumann auf den Markt gekommen ist.

Zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit 1999 das letzte Buch von Ruth Schaumann auf den Markt gekommen ist. Das Manuskript zu der Autobiografie „Der Kugelsack“ stammte aus dem Nachlass der 1975 verstorbenen Dichterin. Aber auch „Der Kugelsack“ ist – wie alle anderen der rund 90 literarischen Werke von Ruth Schaumann – schon längst aus dem Buchhandel verschwunden. Doch jetzt hat der Be&Be-Verlag aus Heiligenkreuz bei Wien überraschend eine Neuauflage des 1938 erstmals erschienen Buches „Die Geheimnisse um Vater Titus“ veröffentlicht.Die Geschichte spielt vor rund 200 Jahren in einer kleinen deutschen Stadt. In mehreren Erzählsträngen geht es um die vier Kinder einer Familie, von denen aber nur zwei leibliche Nachkommen der Eltern sind und die beiden anderen ein Waisen- und ein Findelkind. Die Vier treffen sich häufig mit einem alten Uhrmacher. Sie mögen diesen Vater Titus, spüren aber auch, dass ihn etwas Geheimnisvolles umgibt. Und tatsächlich, am Ende der Geschichte stellt sich heraus, dass der Uhrmacher eigentlich Priester ist, der einst in Paris gelebt und während der blutigen französischen Revolution Schreckliches erfahren hatte.Mitherausgeberin dieser Neuauflage ist die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Sie ist auch Erste Vorsitzende den Freundeskreises Mooshausen (bei Aitrach, Kreis Ravensburg), der sich vor allem mit dem Gedankengut von Romano Guardini beschäftigt. Zu einigen Mitgliedern dieses Freundeskreises hatte auch Ruth Schaumann Kontakte gepflegt. Mit der Neuherausgabe von „Die Geheimnisse um Vater Titus“ möchte Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz zu einer „neuen Bekanntwerdung“ von Ruth Schaumann beitragen. Es handelt sich also um eine Art Wiederbelebungsversuch an einer Frau, die zu den produktivsten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts gehörte und – vor allem im katholisch-bildungsbürgerlichen Milieu – auch zu den populärsten. Das gilt nicht zuletzt für Oberschwaben. So hatte auch die „Schwäbische Zeitung“ Ruth Schaumann anlässlich des 60. Geburtstags im Jahr 1959 mit einem ganzseitigen Beitrag gewürdigt.Die Literaturwissenschaft befasste sich wiederholt mit der Frage, weshalb die einst so bekannte Schriftstellerin ab etwa Mitte der 1960er-Jahre so schnell und so komplett in Vergessenheit geraten ist. Vermutlich ist aber ganz einfach die Zeit über ihren ziemlich anspruchsvollen und aus heutige Sicht wohl auch etwas antiquierten Stil hinweggegangen.Dass aber auch das bildhauerische Werk von Ruth Schaumann, vor allem ihre größeren Arbeiten aus Holz, Bronze oder Stein, die ihren Weg bis nach St. Petersburg in die Eremitage und das City-Museum in St. Louis (USA) gefunden haben, fast gänzlich vergessen sind, ist kaum verständlich. Ruth Schaumanns besondere Formensprache als Plastikerin hat bis heute fast nichts von ihrer Kraft und Ausdrucksstärke verloren, sie ist von hoher und bleibender Qualität. Viele ihrer Arbeiten stehen auch nach wie vor in Museen, privaten Sammlungen und vor allem vielen Kirchen. Tragisch ist nur, dass die allermeisten Kirchenbesucher, die vielleicht sogar jeden Sonntag eine Pietà, einen Franziskus oder ein Bronzerelief von Ruth Schaumann sehen und sich davon beeindrucken lassen, keine Ahnung mehr haben, wer diese schönen Arbeiten geschaffen hat.Frank-Matthias Kammel, der Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums, hat einmal gesagt, das Wiederentdecken von Meisterinnen und Meistern und damit das vorausgehende Vergessen gehörten fast genuin zur Kunstgeschichte. Vielleicht trifft dies ja auch auf Ruth Schaumann zu, und vielleicht ist mit der Neuherausgabe ihres Buches ein Anfang gemacht.

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