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Rudolf Bosch (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

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Ravensburg/Stuttgart - Einst waren sie die „Schulrebellen“ aus Oberschwaben. Als in Stuttgart noch unter schwarz-gelben Vorzeichen regiert wurde, war der damalige Rektor der Ravensburger Kuppelnauschule, Rudolf Bosch, ein prominenter Mitstreiter. Immer wieder legte er sich mit dem Kultusministerium (Kumi), seit Gerhard Mayer-Vorfelder eine CDU-Bastion, an und setzte sich für sein Herzensanliegen „Länger gemeinsam Lernen“ ein. Es drohten disziplinarische Strafen. Doch mit der Regierungsübernahme durch Grün-Rot vor gut zwei Jahren waren die Rebellen plötzlich zu gefragten Bildungsexperten geworden. Sie sollten das von Schwarz-Gelb mit Zähnen und Klauen verteidigte dreigliedrige Schulsystem aushebeln, die Gemeinschaftsschulen voranbringen und damit mehr Bildungsgerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen, möglichst unumkehrbar. Jetzt, spätestens mit dem abrupten Abgang von Ministerialdirigentin Margret Ruep, scheinen die einstigen Schulrebellen wieder einmal im Kumi ausgebremst.Aus Oberschwaben wurden 2011 gleich vier Bildungsexperten nach Stuttgart geholt, zuvorderst die bisherige Rektorin der Pädagogischen Hochschule in Weingarten, Margret Ruep, damals 62. Von Anfang an knirschte es im Getriebe der allgemein als starr und mächtig eingeschätzten Kultusbürokratie. Unter der Amtsführung der als chaotisch beschriebenen damaligen SPD-Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer konnte Margret Ruep als Ministerialdirektorin den Apparat offensichtlich nicht hinter sich und zum effektiven Handeln bringen. Vor wenigen Tagen musste sie ihren Sessel räumen. Knall auf Fall schickte sie der neue SPD-Minister Andreas Stoch in den „einstweiligen Ruhestand“. Ihr Nachfolger, der 52-jährige bisherige Radolfzeller Oberbürgermeister Jörg Schmidt, ist Jurist. Wie Minister Stoch auch. Seitdem geht’s rund, hinter den Kulissen. Viele aus dem grün-roten Lager der Bildungsreformer stimmen sicherlich dem Schreiber eines Leserbriefs an die Schwäbische Zeitung zu, der konstatierte: „Es wirft zunächst ein beschämendes Licht auf den Kultusminister, dass er seine ranghöchste Mitarbeiterin nicht ehrenvoll in den Ruhestand verabschiedet, sondern eiskalt feuert.“ Doch offiziell will niemand was sagen. „Für die Margret tut’s mit furchtbar leid“, meint ein Grünen-Landtagsabgeordneter, der nicht genannt werden will. Er teilt jedoch die allgemeine Auffassung, dass Ruep zwar unbestritten „eine erstklassige Bildungsfachfrau“ ist, der aber die Fähigkeiten einer stringenten Amtsleiterin abgehen.Jetzt fragt man sich gerade in den Kreisen der einstigen oberschwäbischen Schulrebellen besorgt, ob mit Norbert Zeller alsbald das zweite „Bauernopfer“ fällig ist, ob Minister Stoch dessen Stabsstelle abschafft und damit auch Zeller (63) den „einstweiligen Ruhestand“ antritt. Der einstige SPD-Landtagsabgeordnete und Sonderschullehrer aus Friedrichshafen hat mit dieser, außerhalb der eigentlichen Kumi-Bürokratie angesiedelten Aufgabe als Koordinator für Gemeinschaftsschule und Inklusion einen wahren Feuerstuhl bekommen. Er warb in den Kommunen für die Einführung der Gemeinschaftsschule, durfte sich in vielen Gemeinderäten und Schulversammlungen abwatschen lassen, musste aber vielfach passen, wenn es um bessere Rahmenbedingungen für die Schulreformen ging. Anscheinend darf er aber weiterhin seinen Kopf hinhalten, so die Antwort der Kumi-Pressestelle: „Norbert Zeller macht als Stabsstellenleiter eine sehr gute und erfolgreiche Arbeit.“ Die Stabsstelle habe weiterhin vielfältige Aufgaben zu erledigen und bleibe erhalten. Hohe Anforderungen stelle auch der zweite Aufgabenbereich, die Inklusion, also die Integration von Kindern mit Behinderung in den gemeinsamen Unterricht. Zum Fall Ruep gibt es aus dem Ministerium keinerlei Auskünfte: „Datenschutz!“ Nur so viel: Auf ihren Nachfolger Schmidt und dessen große Verwaltungserfahrung setze man große Hoffnungen. „Er soll die notwendigen Prozesse organisieren und gestalten, die etwa für anstehende Themen wie Inklusion und Ganztagsschule notwendig sind.“Und immerhin ist von Ministeriumssprecher Roland Peter auch zu erfahren, dass der dritte einst aus Oberschwaben nach Stuttgart entsandte Streiter für die grün-rote Bildungsreform, Michael C. Hermann, weiterhin als Leiter der Grundsatzabteilung in der Zentralstelle des Ministeriums arbeitet. Er sitzt sozusagen im Auge des Sturms, muss in den Grabenkriegen zwischen neuen Schulreformern und altem Ministeriumsapparat vermitteln. Der Medien- und Sozialwissenschaftler von der PH Weingarten hat ein SPD-Parteibuch, ist außerdem stellvertretender Kreisvorsitzender der Ravensburger Sozialdemokraten. Ein grünes Parteibuch hat dagegen der vierte in diesem Oberschwaben-Quartett, der einstige Ravensburger Schulleiter Rudolf Bosch, der auch bis vor einem Jahr dem Ravensburger Gemeinderat angehörte. Er wurde nach dem Regierungswechsel als Referent in Zellers Stabsstelle berufen, um in Südbaden die Einführung von Gemeinschaftsschulen voranzubringen. Nach rund einjähriger Ochsentour als Werbebotschafter fürs längere gemeinsame Lernen wurde er zum Schulpräsidenten im Regierungspräsidium Freiburg berufen. „Ein absoluter Vertrauensbeweis“, wie sein Parteifreund, der Ravensburger Landtagsabgeordnete Manfred Lucha befindet.An dieser Stelle, zugleich dem Regierungspräsidenten und dem Kultusminister dienstverpflichtet, übt der einstige Rebell absolute Loyalität. Aus der Schule plaudern kann und darf er nicht. Nur so viel: Die Einführung und den weiteren Ausbau der neuen Schulform Gemeinschaftsschule sieht er nicht gefährdet. Er selbst setzt sich in seinem neuen Amt dafür ein. Dass er jedoch mit manchen Weichenstellungen und Rahmenbedingungen ganz und gar nicht glücklich sein dürfte, darauf deutet eine geharnischte Presseerklärung hin, in der seine einstigen Mitstreiter für das längere gemeinsame Lernen mit der grün-roten Bildungspolitik im Lande ins Gericht gehen.„Von den Zielen sind wir nicht enttäuscht, aber von der Umsetzung“, erklärte darin Bernd Dieng vom Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Meckenbeuren (Bodenseekreis). Die grün-rote Landesregierung wolle es jedem recht machen, ließe sich von „Lobbyisten-Gruppen“ und der Opposition vom Ziel eines „gerechten und leistungsstarken Bildungssystems“ abbringen. Statt sich auf die flächendeckende Einführung der Gemeinschaftsschule, auf ein Zwei-Säulen-Modell mit dem achtjährigen Gymnasium als Alternative, zu konzentrieren, zersplittere die Schullandschaft mehr und mehr. Den größten Sündenfall sieht Dieng darin, dass vor allem auf Betreiben der Landtags-SPD wieder neunjährige Bildungsgänge bis zum Abitur (G9) ermöglicht wurden und dass nach Sparvorgaben der Grünen über 1100 Lehrerstellen wegfallen. In die Personalpolitik im Ministerium, in die Interna ihrer einstigen Vereinsmitstreiter, wollen sich die oberschwäbischen Schulreformer aber nicht einmischen. Zumindest scheuen sie dazu jegliche öffentliche Äußerung. Mit Kultusminister Andreas Stoch sei man sich grundsätzlich in der Zielrichtung einig über mehr Bildungsgerechtigkeit und den möglichst flächendeckenden Erhalt von weiterbildenden Schulen. Die spannende Frage bleibt: Welche Weichen werden künftig, nach dem rüden Abgang der Bildungsfachfrau Margret Ruep, zwei Juristen an der Spitze des Ministeriums stellen?

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