Zwei Literaten durchstreifen Bibel und Koran

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Abraham trifft Ibrahim
Streifzüge durch Bibel und Koran: „Abraham trifft Ibrahim“. (Foto: Suhrkamp / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Klaus Blume

Sünder oder Sünderin? Glaubt man der Bibel, dann war es Eva, die im Paradies Adam dazu verführte, die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Im Koran dagegen ist es in erster Linie Adam, der durch die göttliche Prüfung fällt und der Einflüsterung des Teufels erliegt.

Wie dem auch sei, die Ureltern der Menschheit müssen raus aus dem Paradies. Gleiche Geschichte, leicht anders erzählt.

Dass die Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam vieles gemeinsam haben, ist hinlänglich bekannt. In „Abraham trifft Ibrahîm - Streifzüge durch Bibel und Koran“ gehen Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali diesen Gemeinsamkeiten nach und nehmen sich dafür neun Figuren vor, die die heiligen Schriften miteinander teilen. Nach Adam und Eva sind das der Patriarch Abraham - im Islam Ibrahîm -, ferner Moses (Mûsa), Lot (Lût), Hiob (Ayyûb), Jona (Yûnus), König Salomo (Sulaimân), Maria (Maryam) und schließlich der Teufel (Schaitân). Jesus - für die Christen Gottes Sohn, für die Muslime der Prophet Îsa - wird im Kapitel über Maria mit behandelt.

Es ist ein ungewöhnliches Autorenpaar, das sich da zusammengefunden hat und die Figuren in wechselnden Kapiteln behandelt. Lewitscharoff (64) ist eine vom schwäbischen Pietismus geprägte Christin, die 2016 in ihrem Roman „Das Pfingstwunder“ 33 Dante-Forscher auf Himmelfahrt schickte. Der Schriftsteller Wali (61) stammt aus dem Irak und floh 1980 nach Deutschland. Im islamischen Kulturkreis aufgewachsen, kamen ihm schon als Kind Glaubenszweifel, heute bezeichnet er sich als Atheisten. Beide, die in Stuttgart geborene Lewitscharoff und der in Basra zur Welt gekommene Wali, leben im religionsfernen Berlin.

Für Lewitscharoff hat demnach der Gott der Bibel den Menschen erschaffen, für Wali war es eher umgekehrt. Der Freigeist aus dem Morgenland schreibt, dass der im siebten Jahrhundert nach Christus entstandene Koran seine Geschichten zu großen Teilen aus der jüdischen Thora und der Bibel importiert habe. Diese Erzählungen wiederum gingen auf noch ältere Überlieferungen der Babylonier und Sumerer zurück. Walid spricht von „recycelten Legenden älteren Datums“. Den - unbekannten - Verfasser der Geschichte des Propheten Sulaimân rühmt der aus der Stadt Sindbads des Seefahrers stammende Iraker als „Vorreiter jedweder dem magischen Realismus vergleichbaren Erzählkunst“.

Lewitscharoff geht es dagegen weniger um die Entstehung als um die Auslegung der biblischen Texte. Mit Blick auf die mosaischen Gesetze lobt sie deren „zivilisierende Energie“. „Die überragende Bedeutung beider biblischen Bücher besteht zu einem guten Teil darin, in einem bedürftigen Menschen den Nächsten zu erkennen, ihm wohlwollend und hilfreich zu begegnen“, schreibt sie. Anhand des vom Unglück verfolgten Hiob - „eine der interessantesten Geschichten der Bibel überhaupt“ - geht sie der Frage der „Eigenschuld des Leidenden“ nach. Ob sie wirklich an den Teufel glaubt, lässt sie offen, weiß aber viel zu erzählen über dessen „spektakuläre Auftritte in der Literatur“.

Die als polarisierend bekannte Autorin versteht sich auch im Austeilen. „Etliche moderne Leser sind halbblinde Textflieger“, schreibt sie und bezeichnet an anderer Stelle denjenigen, der Texte nicht gründlich genug liest, als „Trottel“ und „Leichtfuß“. Das sei ihr nachgesehen angesichts ihrer Sprachkraft und ihrer oft auch heiter-gewitzten Schreibe. Beide Autoren beeindrucken mit ihrer profunden historisch-literarischen Bildung, sie gehen ihre Geschichten leidenschaftlich und zugleich augenzwinkernd an.

„Religion ist Dichtung, die abstreiten muss, Dichtung zu sein“, schrieb der deutsche Philosophiehistoriker und Dante-Übersetzer Kurt Flasch einmal. In einem „Spiegel“-Interview bezeichnete Lewitscharoff ihre Religiosität kürzlich als „eine schüttere Form der Gläubigkeit“. Wie viele Christen lebt sie anscheinend mit dem Zwiespalt, die Welt des Glaubens mit der Welt des Wissens in Einklang bringen zu müssen. In einer Rede sagte sie 2014, dass sie eigentlich „zwei Weltbilder“ habe, ein naturwissenschaftliches und ein religiöses eben. Für Wali hingegen ist „die Frage nach Gott gelöst“. Er beklagt im Kapitel über Ibrahîm „die Tyrannei der Nachkommenschaften“ des Stammvaters und die vielen seiner „menschlichen Freunde“, die in allen Teilen der Welt religiösem Fanatismus zum Opfer gefallen seien.

- Sibylle Lewitscharoff, Najem Wali: Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran, Suhrkamp-Verlag, Berlin, 309 Seiten, 24,00 Euro, ISBN: 978-3-518-42791-0.

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