Zwei Herren im Anzug

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Zwei Herren im Anzug
Wirt Pankraz (Josef Bierbichler), ein traumatisierter Kriegsrückkehrer, mit seiner Frau (Martina Gedeck). (Foto: Gordon Mühle/BR/X-Verleih/Arte/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Cordula Dieckmann

Der Schauspieler Josef Bierbichler ist auf den ersten Blick kein Mann der leisen Töne. Er kann poltern und kantig sein, hat aber auch eine sehr poetische Seite.

Ebenso widersprüchlich ist sein Kinofilm „Zwei Herren im Anzug“ über das Schicksal einer Wirtsfamilie während der dramatischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert: Zwei Weltkriege, der Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit zwischen Wirtschaftswunder und Studentenprotesten. Bierbichler spielt den Gastwirt Pankraz und spannt einen historischen Bogen von dessen Kindheit um 1914 bis ins Jahr 1984.

Nach den Motiven seines Romans „Mittelreich“ hat der 71-Jährige den Film inszeniert, als spannendes und poetisches Generationenporträt. Am Freitag (11. Oktober, 20.15 Uhr) zeigt Arte den Film.

„Zwei Herren im Anzug“ erzählt, was dieser Wirtsfamilie widerfährt. Spannend und schonunglos, aber auch mit Leichtigkeit und Humor - und viel Musik: Mozart, Verdi, Wagner und die Oberammergauer Band Kofelgschroa. Bierbichler versteht es, die Schauspieler zu führen und zu großartigen Leistungen anzuspornen, etwa Martina Gedeck oder Irm Hermann.

Beeindruckend sind auch die Kamerabilder von Tom Fährmann, die unter anderem im Ort Rimsting am Chiemsee entstanden. Mal sonnenflirrende Postkartenidylle, mal dunkel-bedrohlich. Immer wieder gibt es Aufnahmen unter Wasser, grau-grün in der Tiefe des Sees. Hier ist es still, wie in Zeitlupe perlen Wasserblasen.

In diesem Drama liegt alles nah beieinander: Hass und Liebe, Freude, Angst und Streitereien. Die Tradition und das Familienerbe sind ebenso Rückhalt wie unerträgliche Bürde, von der man sich aber nicht befreien kann. Verwirrende Gefühle, wie in der Hauptfigur Pankraz selbst. Als Jugendlicher träumt er von einer Sängerkarriere. Doch statt den Lohengrin auf großer Bühne zu singen, muss er den Gasthof seiner Eltern übernehmen. Eine Pflicht, mit der er hadert und die seine dunkelsten Seiten zutage treten lässt. Nur die Ehe mit Theres (Gedeck) macht ihn glücklich, zu seinem Sohn Semi (Simon Donatz) dagegen kann er keine rechte Beziehung aufbauen.

Als Theres 1984 stirbt, sitzen Pankraz und der erwachsene Semi nach der Beerdigung in der leeren Wirtsstube. Beide ringen um Worte, bis Pankraz mit Hilfe alter Fotos seine Erinnerungen auspackt. Anfangs zeigen die Rückblenden seine Sicht der Dinge, dann erzählt Semi. Die Kindheit in der Wirtschaftswunderzeit. Oder das Internat, wo ihn ein Turnlehrer zu befremdlichen Spielchen zwang.

„Zwei Herren im Anzug“ macht die Spannungen zwischen den Generationen deutlich, etwa beim Thema Nationalsozialismus. Wie war die Haltung der Familie? Semi fragt und Pankraz antwortet ehrlich: „Ich war zwar nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nie.“ Bierbichler, 1948 geboren, kannte den Spruch von seinem Vater. „Er war zwar ironisch konnotiert, aber wahrscheinlich war er auch so gemeint: Dass man sowohl zugibt, man war dabei, man hat ja gelebt in der Zeit und sich nicht wehren können, aber mitgemacht hat man selbstverständlich nicht.“

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