Zerbrechende Welten: Marc, Macke, Delaunay

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Deutsche Presse-Agentur

Die berühmten blauen Pferde Franz Marcs, August Mackes Flaneure im Park und Robert Delaunays imposante Eiffelturm-Ansichten: 190 Meisterwerke der Klassischen Moderne konnte das Sprengel Museum Hannover für die bisher aufwendigste Ausstellung seiner Geschichte gewinnen.

Die Schau „Marc, Macke und Delaunay. Schönheit einer zerbrechenden Welt“ entführt von diesem Sonntag an in die künstlerischen Aufbruchs-Jahre 1910 bis 1914, als die populären deutschen Expressionisten ihr Lebenswerk schufen, bevor sie als Soldaten im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen.

In Deutschland bisher wenig bekannt ist, dass Delaunay den Künstlerfreunden Marc und Macke entscheidende Impulse gab. Die Schau zeichnet eindrucksvoll den Einfluss des Franzosen nach. „Er hat die jungen Deutschen in die Abstraktion geführt“, erklärt Museumsdirektor Ulrich Krempel. In zwölf Räumen hängen die farbintensiven Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, wobei sich trotz höchst unterschiedlicher Motivwahl immer wieder verblüffende Parallelen in den Werken der drei Künstler auftun.    

Franz Marcs traumhafte Bilder ziehen den Betrachter in eine von farbigen Rehen, Pferden, Vögeln und anderem Getier bevölkerte Welt hinein. „Es sind Sehnsuchtsbilder für eine harmonische Einheit von Mensch, Natur, Weltall“, sagt Krempel. Macke dagegen hält zunächst vor allem seine bürgerliche Umgebung fest: Gepflegte Gärten, Damen vor Schaufenstern, Spaziergänger. „Vor ihrer Begegnung mit Delaunay malten beide ziemlich brav“, erläutert Kuratorin Susanne Meyer-Büser, die 50 internationale Leihgeber von ihrem Ausstellungskonzept überzeugen konnte und Schlüsselwerke aus renommierten Museen erhielt.

So sind Bilder aus Delaunays Serie „Fenêtres“ (Fenster) zu sehen, in denen die durch eine Fensterscheibe betrachtete Stadt Paris in Spiegelungen und Brechungen nahezu verschwindet. Marc und Macke waren tief beeindruckt, als Delaunay ihnen diese neue Arbeit 1912 in seinem Atelier zeigte. Sie brachte die beiden Deutschen dazu, auch ihre Bilder zersplittern zu lassen. Als der Pariser später Kreisformen erprobte, folgten ihm Marc und Macke ebenfalls prompt. Der Weltmann aus der Stadt der Künste gab eben die Richtung vor. Ihn interessierte Architektur, das Monumentale, zudem faszinierte ihn der Fortschritt der Technik. Der wolkenumhangene Eiffelturm scheint in seinen dynamischen Bildern zu wanken, er wird zum Naturereignis. „Delaunay denkt groß, um Dinge zu dekonstruieren“, sagt die Kuratorin.

Mit der „zerbrechenden Welt“ im Ausstellungstitel ist allerdings weit mehr als die Bildkomposition gemeint. Im Abschluss-Raum der Schau hängen die „letzten Bilder“. Während Delaunay sich dem Krieg durch seinen Umzug nach Spanien entzog und fortan immer plakativer, auch gefälliger malte, meldeten sich Marc und Macke für die Front. Sie scheinen das Grauen geahnt zu haben. Aus Marcs prallen Pferdeleibern werden 1913 ausgemergelte Kreaturen. Sein Bild „Die Wölfe. Balkankrieg“ veranschaulicht, dass der Münchner die drohende Katastrophe spürte. Bei Mackes unvollendet gebliebenem Gemälde „Abschied: "Mobilmachung"“ (1914) mit düsteren, gesichtslosen Frauen und Kindern bekommt der Betrachter beinahe Gänsehaut. Die Schau ist bis zum 19. Juli zu sehen.

www.marc-macke-delaunay.de

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