Zeit für eine Auszeit

Lesedauer: 11 Min
 Nicht nur Sportler brauchen manchmal eine Auszeit.
Nicht nur Sportler brauchen manchmal eine Auszeit. (Foto: Frédéric Cirou/Colourbox)
Schwäbische Zeitung
Robert B. Fishman

Andrea Lorenz hat in Patagonien eine neue Heimat gefunden. Am Südrand der Anden hat sie im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz) Touristenführer ausgebildet. Bauernfamilien richten Räume als Gästezimmer ein und junge Männer lernen Englisch, damit sie Touristen zu Fuß und auf Pferden durch die Berge führen können. So kommt Arbeit und Geld in die abgelegene Region. Kaum wieder in Deutschland, fragt sich die Nürnbergerin, was sie „hier noch soll“. In Chile lebt ihr neuer Freund, und die langen Ausritte in der Weite der patagonischen Berge haben ihr viel besser gefallen als die mühselige Suche nach einem neuen Job in Deutschland.

Die meisten Auszeiter gewinnen nach einer langen Auslandsreise einen ganz neuen Blick auf den Alltag in Deutschland. „Die meisten wissen doch gar nicht, wie viel sie wirklich zum Leben brauchen“, gibt Carsten Alex zu bedenken. Er hat seine Karriere bei einem Autokonzern aufgegeben, um auf Weltreise zu gehen. „Wer im Mangel aufwächst“, schreibt der Ex-Manager in seinem Buch „Der Auszeiter“, träumt wohl unweigerlich von: „Geld, Macht, Aufstieg“. Mit 32 Jahren hatte er es geschafft: Prokurist eines großen Autohauses, Luxusdienstwagen, sechsstelliges Jahresgehalt. Und dann? Auf dem Weg nach oben war zwischen berufsbedingten Umzügen und viel Arbeit seine Ehe zerbröselt.

Obwohl ihn seine erfolgsverwöhnten Freunde für verrückt erklärten, kündigte er seine Wohnung, er verkaufte das Auto und lagerte seine Sachen ein. „Irgendwie asozial, nicht mehr zugehörig“ fühlte sich Alex ohne Wohnung, ohne Auto und vor allem ohne Arbeit. 20 Monate reiste er um die Welt, stand eines Tages mittellos irgendwo in der Mongolei, lieh sich Geld von Freunden in Deutschland, half Einheimischen bei der Gründung eines Kinderhilfsprojektes in Guatemala und lernte, dass er glücklich und zufrieden sein konnte, auch wenn er nichts zu tun hatte: „Ich erfreute mich am Gezwitscher der Vögel, dem Blau des Meeres und dem Rauschen des Windes.“

Wie im falschen Film

Schon auf dem Rückweg fühlte er sich am Flughafen in Los Angeles wie im falschen Film. „Alles ist so unwirklich, künstlich und aufgesetzt: Mit 25 US-Dollar können wir einem Kind in Guatemala den Schulbesuch für ein Jahr ermöglichen. Mein Häagen-Dasz-Eis hat gerade 6,60 Dollar gekostet!“

Zurück in Deutschland wunderte sich Alex über die Fragen seiner Freunde: Sie wollten wissen, was die Reise gekostet habe und was er nun arbeiten wollte. „Nur wenige fragten nach meinen Eindrücken und Gefühlen.“ Als er sich eine billige Wohnung im Berliner Arme-Leute- und Migranten-Kiez Moabit mietete, warnten ihn die Bekannten vor Dreck und zu vielen Ausländern. „Für uns Deutsche“, schreibt Alex, „ist das Glas immer halb leer. Unser Land lebt im Morgen und Übermorgen.“

Tipps für den Ausstieg auf Zeit:

Wer berufstätig ist, sollte eine Auszeit sorgfältig vorbereiten. Nicht jeder Chef ist begeistert, wenn sich Angestellte für längere Zeit abmelden. Hier ein paar Tipps für die Vorbereitung einer längeren Auszeit.

- Formulieren Sie Ihre Ziele: Was möchten Sie in Ihrer Auszeit erleben und erreichen? Worauf möchten Sie nicht verzichten? Es hilft, je einen Punkt auf eine Karteikarte oder einen Zettel zu schreiben und diese dann nach Prioritäten zu sortieren.

Zerlegen Sie große Träume in kleine Häppchen. Sie möchten Ihren Beruf wechseln? Versuchen Sie es im nächsten Urlaub mit einem Praktikum in Ihrem Traumjob. Sie würden sich gerne selbstständig machen? Versuchen Sie es zunächst nebenberuflich.

- Wie viel Geld benötigen Sie für Ihr Auszeit-Projekt? Kalkulieren Sie lieber großzügig und schreiben Sie sich alle Kosten in eine Liste. Feste Kosten wie Versicherungen müssen weiter bezahlt werden. Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung werden sehr teuer, wenn sie nicht weiter über den Arbeitgeber laufen. Schon deshalb ist es viel günstiger, während einer Auszeit angestellt zu bleiben.

Viele Chefs reagieren irritiert nach dem Motto "Gefällt es Ihnen bei uns nicht mehr?" Oder sie zweifeln an Ihrer Leistungsfähigkeit. Fragen Sie erst einmal Kolleginnen oder Kollegen und Freunde nach Erfahrungen mit Auszeiten. Auch der Betriebsrat und die Gewerkschaft können helfen.

Suchen Sie gute Argumente, mit denen Sie Ihrem Vorgesetzten eine Auszeit plausibel machen können: Sie kommen erholt mit vielen neuen Ideen zurück, sind dann kreativer und produktiver. Leichter haben Sie es in Zeiten, in denen das Unternehmen wenige Aufträge hat. Die Firma muss Zeit haben, Ihre Abwesenheit vorzubereiten. Fachleute empfehlen eine "Vorwarnzeit" von mindestens 18 Monaten.

- Wer kann während Ihrer Abwesenheit Ihre Aufgaben übernehmen? Je weniger die Auszeit den Betriebsablauf stört, desto größer die Chance, dass der Chef zustimmt.

Wenn Sie sich mit dem Chef geeinigt haben, vereinbaren Sie die Bedingungen Ihrer Auszeit schriftlich. So können Sie zum Beispiel eine Zeit lang für ein gekürztes Gehalt voll weiter arbeiten, um dann auch während des Sabbaticals weiter bezahlt zu werden. Wichtig ist, das Datum des Wiedereinstiegs festzulegen. Auch eine Garantie für die Wiederanstellung (mit den selben Aufgaben zu den gleichen Konditionen) erleichtert die Rückkehr.

Weitere Informationen:

Die ZAV (Zentralstelle für Arbeitsvermittlung) der Bundesagentur für Arbeit vermittelt Jobs und Praktika auf der ganzen Welt: www.zav.de.

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit bietet zahlreiche Jobs und Einsatzmöglichkeiten im Ausland: www.giz.de, ähnlich "Brot für die Welt": info.brot-fuer-die-welt.de/freiwillige.

Portal verschiedener Organisationen der internationalen Zusammenarbeit mit vielen Angeboten zum freiwilligen Engagement und ehrenamtlichen Auslandseinsätzen: www.engagement-global.de.

Es muss nicht immer die große Auszeit sein. Vier bis sechswöchige gemeinnützige Workcamps bieten zum Beispiel:

Service Civil International www.sci-d.de, Aktion Sühnezeichen: http://asf-ev.de.

Friedenseinsätze weltweit: Peace Brigades International: www.pbideutschland.de.

Ziviler Friedensdienst - Ausbildung und Einsatzmöglichkeiten: http://forumzfd.de.

Aktion Weltwärts: Junge Leute arbeiten als Freiwillige in Projekten der Entwicklungszusammenarbeit: www.welthaus.de/weltwaerts.

Freiwilliges soziales Jahr und Bundesfreiwilligendienst, Portal der Caritas mit Stellenbörse und Erfahrungsberichten: www.freiwilliges-jahr.de.

Freiwilligenprojekte, Sprachkurse, Austauschprogramme, berufliche Qualifizierung und interkulturelle Trainings der gemeinnützigen Carl Duisberg Zentren: www.carl-duisberg-auslandspraktikum.de.

Auslandspraktika und mehr:

www.praktikawelten.de, praktikum.ch, Internationale Suchmaschine für Praktikumsplätze: www.praktikum.info,

Deutsche Außenhandelskammern: http://ahk.de.

Senior Expert Service, vermittelt berufserfahrene Ruheständler in Projekte und Unternehmen im Ausland: www.ses-bonn.de.

Deutsche Agentur für das EU-Programm Jugend in Europa: www.jugendfuereuropa.de.

Pädagogischer Austauschdienst der Kultusministerkonferenz: vermittelt u.a. (angehende) Deutschlehrer/innen als "Assistant Teacher" ins Ausland: www.kmk-pad.org.

Deutsch-Französisches Austauschprogramm in der beruflichen Bildung: www.dfs-sfa.org.

Deutsch-Französisches Jugendwerk: www.dfjw.org.

Deutsch-Polnisches Jugendwerk: www.dpjw.org.

Studieren, Lernen und Weiterbilden im Ausland: Die Europäische Union fördert mit verschiedenen Programmen Studienaufenthalte im Ausland. Einen Überblick liefert der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD unter www.daad.de.

Austauschprogramme, Studier- und Lernangebote in ganz Europa auf der Seite der EU-Kommission: www.ploteus.net.

Weiterbildung europaweit mit dem EU- Erwachsenenbildungsprogramm GRUNDTVIG. Die EU bezahlt für viele Angebote alle Kosten (Reise, Unterkunft, Workshops). Die Angebote richten sich ausdrücklich auch an Leute, die nicht studieren und keinen Hochschulabschluss haben: www.na-bibb.de/grundtvig.html.

Lesen:

www.arbeitsratgeber.com/sabbatical_0170.html viele praktische Tipps für Ihren Weg in die Auszeit - und zurück.

www.menschenmitwirkung.de Seiten des Coaches und Downshifters Carsten Alex aus Berlin.

www.lebensziele.de Seiten des Downshifters und Coaches/Beraters Arnd Corts.

"Langzeitreisen" von Andrea Buchspieß (ISBN 978-3-8317-1595-7), Reise Know How Verlag.

Angie Sebrich, Nichts gesucht und viel gefunden, Von der Medienfrau zur Herbergsmutter. Mein fast normales Leben, HERDER Premiere 2008.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen