Der Südwesten ist Hochrisikogebiet: Wie man Zecken auf Abstand hält

Sandra Markert

Sobald im Frühjahr die Natur erwacht, werden auch sie wieder aktiv: Zecken. Fragen und Antworten zu neuen Arten, dem Schutz vor der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und dem Einsatz von Anti-Zecken-Mitteln.

Hat die Zeckensaison schon wieder begonnen?

Ja. Die Wohlfühltemperaturen der Zecken liegen bei etwa 18 Grad Luft- und 13 Grad Bodentemperatur. Die meisten Arten sind aber schon ab etwa sieben Grad nicht mehr in Winterstarre und dann aktiv auf der Suche nach einer Blutmahlzeit, um sich entwickeln und vermehren zu können. Und sie leben oft direkt vor der eigenen Haustür. „Die Gefahr beginnt nicht erst im Wald. Wenn die Bedingungen für die Zecken im Garten passen, dann findet man sie auch dort“, sagt Klaus Oehme, Biologe beim Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg.

Wo in Baden-Württemberg muss man besonders aufpassen?

Eigentlich überall. Abgesehen vom Stadtkreis Heilbronn ist das ganze Land FSME-Risikogebiet. Das bedeutet, es besteht bei einem Zeckenstich überall die Gefahr, sich mit dem Erreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) zu infizieren, einer Form der Hirnhautentzündung. Hinzu kommt, dass sich die Zecken auch innerhalb der Risikogebiete weiter ausbreiten. „Wir beobachten sie inzwischen auch in höheren Gebieten im Land“, sagt Klaus Oehme.

Was ist die Ursache für diese Ausbreitung?

Zecken brauchen eine hohe Luftfeuchtigkeit zum Leben. „Durch die Veränderung des Klimas finden Zecken diese optimalen Lebensbedingungen inzwischen in neuen Gebieten“, sagt Klaus Oehme vom Landesgesundheitsamt. Weil es in Tälern oft zu warm und trocken sei, weichen die Tiere auch in Höhenlagen von 500 bis 700 Höhenmetern aus. Sie sind aber auch schon in 1500 Meter Höhe gesehen worden. „In Baden-Württemberg zählen vor allem der Landkreis Ravensburg, der Bodenseekreis und der Ostalbkreis zu den Kreisen, in denen eine weitere Ausbreitung zu beobachten ist“, sagt Oehme. In den tiefer gelegenen Landkreisen gingen die FSME-Zahlen zwar zurück. „Sie sind aber trotzdem weiterhin Risikogebiete“, so der Experte. Und in Nord- und Ostdeutschland sind inzwischen weitere FSME-Risikogebiete dazu gekommen.

Gegen FSME kann man sich durch Impfen schützen. Wie lange hält dieser Schutz?

Nach einer Grundimmunisierung durch drei Impfungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) eine erste Auffrischung nach drei Jahren und dann alle fünf Jahre. Je nach verwendetem Impfstoff sollte die Impfung ab dem Alter von 50 beziehungsweise 60 Jahren alle drei Jahre aufgefrischt werden.

Ist eine FSME-Impfung für Kinder empfehlenswert?

Zugelassen sind die Impfstoffe für Kinder ab einem Jahr. Unter Kinderärzten und auch innerhalb der Ständigen Impfkommission (Stiko) besteht allerdings breiter Konsens, dass eine Impfung bis zu einem Alter von mindestens drei Jahren wenig sinnvoll ist. Denn bei Kleinkindern verläuft eine FSME-Erkrankung meist mild, auf die Impfung reagieren aber 15 Prozent der Kinder mit Fieber. Manche Kinderärzte raten auch bis zum Alter von sechs Jahren, mit einer FSME-Impfung zu warten und zu schauen, ob das Kind überhaupt mal von einer Zecke gestochen wird – denn nicht alle Menschen sind dafür anfällig. Und nach Zecken absuchen muss man Kinder auch mit Impfung: Denn gegen die ebenfalls durch Zecken übertragbare andere Krankheiten wie die Borreliose hilft die Spritze nicht.

In den letzten Jahren haben vor allem die Tropenzecken für Aufsehen gesorgt. Wie ist ihre Entwicklung?

Tropenzecken übertragen schwere Krankheitserreger wie das Zecken-Fleckfieber. Dass den Forschern an der Universität Hohenheim in den Jahren 2019 und 2020 fast 200 solcher Exemplare zugesandt wurde, sorgte deshalb für Aufsehen. „Im Jahr 2021 haben wir nur 19 Tropenzecken bekommen, weil die Temperaturen niedriger waren als in den beiden langen, trockenen Sommern zuvor“, sagt Ute Mackenstedt, Zeckenforscherin an der Universität Hohenheim. Das deute darauf hin, dass die weitere Entwicklung der Tropenzecken von den Wetterbedingungen abhängt.

Sind auch neue Zeckenarten unterwegs?

Bislang gilt der Gemeine Holzbock als die am weitesten verbreitete Zeckenart in Deutschland. Nun bekommt er flächendeckend Konkurrenz von der sogenannten Auwald-Zecke, die bislang in Deutschland nur vereinzelt beobachtet wurde. „Inzwischen ist sie fast genauso weit verbreitet wie der Gemeine Holzbock, weil sie Trockenheit sehr gut aushalten kann und auch sehr kälteresistent ist“, sagt Ute Mackenstedt. Die Auwald-Zecke gehört zu den sogenannten Buntzecken, ist rund zwei Millimeter größer als der Gemeine Holzbock und hat ein auffälliges schwarz-gelb gemustertes Rückenschild. Sie ist besonders in den Monaten März und April sowie im September und Oktober aktiv. „Unterwegs ist sie aber, sobald der Schnee weggetaut ist, also ab geringen Plusgraden im Januar“, ergänzt sie.

Überträgt die Auwald-Zecke auch Krankheiten?

Ja, sie kann auch FSME übertragen. Allerdings müssen sich vor ihr vor allem Hunde in Acht nehmen. Denn die Auwald-Zecke kann einen Einzeller übertragen, der die sogenannte Babesiose auslöst – auch Hundemalaria genannt. Bei dieser Infektionskrankheit werden die roten Blutkörperchen zerstört. Wird ein infizierter Hund nicht behandelt, stirbt er daran. Zum Schutz gegen Zecken gibt es für Hunde Anti-Zeckenmittel, Halsbänder und Tabletten.

Auch für Menschen gibt es jede Menge Anti-Zeckenmittel. Was taugen sie?

Am weitesten verbreitet in Drogerien und Apotheken sind Mittel, die auf Haut oder Kleidung aufgetragen werden. „Sie bieten einen gewissen Schutz, der aber zeitlich begrenzt ist. Deshalb müssen sie mehrfach aufgetragen werden“, sagt Klaus Oehme vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg. Die Stiftung Warentest hat zuletzt im Jahr 2017 Anti-Zecken-Sprays sowie Kombi-Präparate, die zusätzlich vor Mücken schützen sollen, getestet. Das Ergebnis: 12 der 14 getesteten Sprays zeigten eine Wirkung und konnten Zecken mindestens sechs Stunden zuverlässig abwehren. Für eine tägliche Anwendung sind solche Mittel aber nur bedingt zu empfehlen: Beim Prüfpunkt Gesundheit gaben die Tester nur befriedigende oder ausreichende Noten, weil die enthaltenen Wirkstoffe die Augen reizen oder allergische Reaktionen auslösen können.

Es gibt auch Mittel, die einen zeckenfreien Garten versprechen. Was ist davon zu halten?

„Hierbei bietet man den Mäusen im Garten Nistmaterial an, welches mit zeckenabtötenden Substanzen versetzt ist“, erklärt Biologe Klaus Oehme. Da Mäuse ein wichtiges Wirtstier für Zecken sind, kann man so die Zahl der Zecken im Garten verringern und damit die Infektionsgefahr. Die hierfür verwendete, zeckenabtötende Substanz Permethrin gibt es auch zum Versprühen im Garten. Allerdings ist strittig, ob das nicht nur für Zecken, sondern auch für Bienen oder Katzen giftig wirkt.

Und wie funktionieren Zeckenfallen?

Das Prinzip ist simpel: Man stellt spezielle Köderdosen, die Duftstoffe enthalten, am Rand des Gartens auf. Die Zecken wandern dann einfach hinein. Das Problem daran: Nur manche Zeckenarten wie die Auwald-Zecke bewegen sich aktiv auf ihren Wirt zu – können also in eine Falle gehen. Andere Arten wie der Gemeine Holzbock warten auf einem Grashalm oder Strauch darauf, dass ein Wirt vorbeikommt, an dem sich die Zecke dann festklammern kann.

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