Wiener Staatsoper in Bedrängnis

Lesedauer: 6 Min
Deutsche Presse-Agentur
Matthias Röder

Mit leiser Stimme spricht ein geknickter mächtiger Mann. Dominique Meyer erlebt die wohl schwärzesten Tage seiner nun fast zehnjährigen Amtszeit als Direktor der Wiener Staatsoper. „Ich bin getroffen, traurig und sehr böse“, sagt der 63-jährige Franzose in die zahlreichen Mikrofone.

Der Anlass: Das Wiener Wochenmagazin „Falter“ hat - letztlich mit Unterstützung der Staatsoper selbst - schlimme Zustände an der hauseigenen Ballettakademie enthüllt. Von Demütigungen, Gewalt und Drill hatte die Zeitschrift geschrieben. Schülerinnen seien durch ein Verspotten ihrer Körper in die Bulimie (Ess- und Brechsucht) oder Anorexie (Magersucht) getrieben worden. Konkret gelten die Vorwürfe einer inzwischen entlassenen Lehrerin und einem suspendierten Lehrer, der einen Schüler sexuell belästigt haben soll.

Ob das Einzelfälle unter den insgesamt 15 Lehrern des höchst renommierten Hauses waren oder ein System dahinter steckte, das soll auf Weisung von Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) jetzt eine Sonderkommission untersuchen. Meyer selbst hat die volle Aufklärung aller Vorwürfe zugesichert. „Unser Ziel ist, dass wir alles wissen.“

Böse ist Meyer nach eigenen Worten über die zur Last gelegten Taten: „Ich akzeptiere nicht, dass Kinder in dieser Ballettschule leiden müssen.“ Böse ist der in Österreich hoch angesehene Kulturmanager, dessen Vertrag 2020 ausläuft, wohl aber auch über den „Schleier“, wie er selbst sagt, den die Affäre auf das Haus legt. Ausgerechnet einen Monat vor den Feiern zum 150-jährigen Bestehen der Oper wankt der Ruf der nationalen Institution.

Die betroffene Lehrerin sei zunächst mündlich und nach der erneuten Verschlechterung des Verhaltens schriftlich verwarnt und schließlich entlassen worden, sagte Meyer. „Ich stelle mir die Frage, ob ich das nicht hätte früher machen sollen.“ Ein Lehrer soll sich einem damals 16-jährigen Schüler sexuell genähert haben, schreibt der „Falter“.

Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt nun nach eigenen Angaben wegen Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses und sexueller Belästigung. Es müsse geprüft werden, ob auch noch wegen Körperverletzung ermittelt werde, so eine Sprecherin der Behörde zur österreichischen Nachrichtenagentur APA.

Auf Grundlage von E-Mails und Whatsapp-Chats von Schülerinnen berichtet der „Falter“, dass Betroffene über eine „sadistische Lehrerin“ aus Russland geklagt hätten, die sie gedemütigt, getreten, blutig gekratzt, blau gezwickt und an den Haaren gerissen habe. Neben diesen persönlichen Verfehlungen seien aber auch strukturelle Mängel ans Tageslicht gekommen. Das Haus verfüge über keine pädagogischen Konzepte, habe keine Ernährungspläne für Kinder und Jugendliche mit Ess-Störungen, die medizinische Betreuung sei mangelhaft.

Eine ehemalige Schülerin spricht im „Falter“ von einer „Jugendstrafanstalt“. „Ich wurde psychisch gebrochen. Es dauerte Jahre, bis ich wieder ins Ballett fand.“ Nach Darstellung der Staatsoper war die 8. Klasse, insgesamt neun 17- bis 18-Jährige, von dem gewalttätigen Regiment betroffen. Insgesamt hat die Ballettakademie fast 140 Schüler, die zugleich aufs Gymnasium gehen.

Die Leiterin der Ballettakademie Simona Noya, erklärte, die Klagen erreichten sie erst jetzt. „Ich glaube, das ist ein Einzelfall“, sagte sie. Offenbar hätten die Mädchen aus Angst vor ihrer Lehrerin lange geschwiegen. Auch Meyer sprach sich dagegen aus, die 15 Lehrer der Ballettakademie unter Generalverdacht zu stellen. Die Compagnie der Wiener Staatsoper besteht aktuell zu rund 40 Prozent aus Schülern der Akademie. Bekannt ist das Ballett nicht zuletzt durch seinen Auftritt auf dem Wiener Opernball.

„Ballett, also klassischer Tanz, ist Hochleistungssport“, sagt der Geschäftsführer des Berufsverbands für Tanzpädagogik, Jaš Otrin. Physische und psychische Gewalt seien dabei tabu. Zugleich gehe es aber darum, eigene Grenzen zu überwinden, sagt der ehemalige Solo-Tänzer unter anderem des Bayerischen Staatsballetts. Auf der Suche nach der richtigen Dosierung der Anstrengung sei die pädagogische Ausbildung der Lehrer besonders wichtig. Nicht zuletzt deshalb trete der Verband dafür ein, den Beruf des Ballettlehrers zu schützen und somit Standards zu sichern. Für alle Eleven hat er noch einen Rat: Die Ernährung spiele eine maßgebliche Rolle. „Hungern ist der falsche Ansatz“, sagt Otrin.

Ballettakademie

Biografie Jas Otrin

Berufsverband für Tanzpädagogik

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen