Wie Fußball das Leben im Flüchtlingscamp ein bisschen schöner macht

Lesedauer: 10 Min
Grün ist die Hoffnung
Grün ist die Hoffnung (Foto: Jan Jessen)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Wenn es Nacht wird in Mam Rashan, schaltet Platzwart Ibrahim Hassan Ido auf dem Fußballplatz des Flüchtlingscamps im Norden Kurdistans die Flutlichter ein. Der Kunstrasen, den Ido tagsüber mit Hingabe gepflegt hat, ist jetzt hell erleuchtet. Sieben junge Männer des Teams Ashti – übersetzt: Frieden – laufen auf und begrüßen ihren Gegner, das Team Majora: Das Spiel kann beginnen. Die Mannschaften Ashti und Majora sind zwei von 84 Teams in Mam Rashan, hinzu kommen acht Frauenmannschaften. Auf dem Fußballplatz herrscht an sieben Tagen in der Woche Betrieb – im sengend heißen Sommer abends und nachts, im Winter sogar 24 Stunden am Tag.

Wir gehen nicht mehr zur Schule, wir bekommen keine Ausbildung, wir haben keinen Job, wir haben keine Stadt in der Nähe. Nichts.

Ahmad Khalil

„Wir haben ja sonst nichts hier im Camp“, sagt Ahmad Khalil, der Kapitän des Teams Ashti. Der heute 19-Jährige musste mit seiner Familie vor vier Jahren vor der Terrormiliz IS fliehen: „Wir gehen nicht mehr zur Schule, wir bekommen keine Ausbildung, wir haben keinen Job, wir haben keine Stadt in der Nähe. Nichts.“ Das Wort Lagerkoller steht im Raum. Khalil erlebt das gleiche Schicksal wie der Kapitän des anderen Teams, Rakan Khalil: „Manchmal arbeiten wir als Tagelöhner, meistens aber daddeln wir am Handy.“ Die Fußballturniere sind die einzige Abwechslung: „Sonst kreisen unsere Gedanken doch nur um Rückkehr, Krieg, Misshandlung.“

Inzwischen ein Vorzeigeprojekt

„Der Sportplatz ist zu einem Anker in dem von Langeweile, Ödnis und Perspektivlosigkeit geprägten Leben der Camp-Bewohner geworden, hier finden sie Ausgleich und Teamgeist“, sagt Campleiter Shero Smo, „wir hätten nie mit einer solchen Dynamik gerechnet.“ Aus Mitteln der Weihnachtsspendenaktion 2016 der „Schwäbischen Zeitung“ wurde der Fußballplatz gebaut, der jetzt zu einem Vorzeigeprojekt der Integration geworden ist.

Denn mittlerweile kicken nicht nur Jugendliche aus dem Camp miteinander: „In Kooperation mit den Jugendämtern in Sheikhan und Shingal organisieren wir Freundschaftsspiele.“

650 Sportler spielen in den Teams

Die Organisation der Fußballturniere in Mam Rashan hat Smo zur Chefsache erklärt, sein Mitarbeiter Radwan erarbeitet Spielpläne für die Teams mit mittlerweile etwa 650 Sportlern, pflegt Tabellen, kümmert sich um Trikots und Bälle. Und er sucht den Kontakt zu Jugendlichen aus den umliegenden Ortschaften, die dann nach Mam Rashan kommen und gegen die Camp-Mannschaften antreten: „So tragen wir einen ganz kleinen Teil dazu bei, dass sich die Menschen hier besser verstehen“, sagt Smo, „unter fünf Millionen Kurden leben derzeit 1,5 Millionen Flüchtlinge, ohne dass es zu Konflikten käme.“

Um Smos Freude zu verstehen, ist ein Rückblick hilfreich: Als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Region Shingal im August 2014 überrannte, flüchteten Zehntausende Menschen in das Gebirge nördlich der Stadt. Tausende Männer der ethnisch-religiösen Minderheit wurden vom IS umgebracht, die Frauen oftmals versklavt. In Shingal am gleichnamigen Gebirgszug lebten vor dem Einfall der IS-Dschihadisten knapp 200 000 Menschen. Das Gebiet wurde überwiegend von der religiösen Minderheit der Jesiden bewohnt, die der IS als „Teufelsanbeter“ brutal verfolgte.

Die Nachwirkungen der IS-Gewaltherrschaft und der Kämpfe zeigen sich noch heute, obwohl die Extremisten schon im November 2015 aus Shingal vertrieben wurden: Immer noch leben mehr als 200 000 Jesiden als Flüchtlinge in anderen Teilen des Iraks oder im Ausland, wie etwa die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad in Deutschland und in den USA. „8800 Jesiden wohnen in Mam Rashan“, berichtet Shero Smo, „darunter 2000 Kinder und Jugendliche, sie haben keine realistische Aussicht auf Rückkehr in naher Zukunft.“ Denn in der Region Shingal kämpfen weiter verschiedene Milizen miteinander, die Situation ist mehr als unübersichtlich.

Sport stabilisiert und hilft gegen Depressionen

„Gerade jetzt ist der Fußballplatz eine der wichtigsten Einrichtungen im Camp Mam Rashan“, begrüßt die Stuttgarter Psychiaterin Dr. Barbara Wild die Initiative: „Sport stabilisiert, besonders bei Depressionen tut Sport gut.“ Wild kennt junge Männer wie Ahmad Khalil und Rakan Khalil, die beiden Kapitäne, aus eigener Praxis, denn sie bildet an der Universität in der Provinzhauptstadt Dohuk Psychotherapeuten aus und hat Mam Rashan häufig besucht: „Dass diese jungen Männer ihren Körper erfahren, nicht nur vor den Wohncontainern sitzen, sondern etwas erreichen können und ihr Selbstwertgefühl steigern: Das ist unheimlich viel wert.“

Vor allem aber sieht die Psychiaterin, dass Sport „den zivilisierten Umgang mit Aggressionen ermöglicht.“ Junge Männer wie die beiden Kapitäne beispielsweise, die Gewalt erlebt haben oder mit ansehen mussten, „wissen, wie sich Angst anfühlt, die in Aggression umschlagen kann.“ Schließlich, so Wild, „bieten Fußballer wie Messie, Ronaldo, Ribéry oder Robben Kindern und jungen Männern im Camp Vorbilder, an denen sie sich positiv orientieren können.“

Nicht nur junge Männer haben in Mam Rashan den Fußball für sich entdeckt: „Ja, ich spiele auch Fußball“, sagt die 19-jährige Fadia Haider Kheder, „als wir die Jungs gesehen haben, sind wir zum Campleiter gegangen und haben ihn gefragt, ob wir auch spielen dürfen.“ Sie führt eines der ersten jesidischen Frauenteams überhaupt an: „In ihrer Heimat, in ihren Dörfern wäre das kaum möglich gewesen“, sagt Shero Smo: „Im Shingal-Gebiet leben die Menschen sehr traditionell. Frauenfußball gehört da mit Sicherheit nicht zum Zeitvertreib.“

Benachbarte Camps haben Interesse

In den benachbarten Camps wie beispielsweise Sheikhan, für das die Weihnachtsaktion der „Schwäbischen Zeitung“ ebenfalls seit 2016 Spenden sammelt, schauen die Verantwortlichen mit Interesse nach Mam Rashan, denn sie kennen die gleichen Probleme: „Der Fußballplatz und auch der Spielplatz, der in Mam Rashan gebaut worden ist, haben ja noch ganz andere Wirkungen“, erläutert Amer Abo, der Campleiter in Sheikhan mit Verantwortung für 4800 Menschen, darunter 1000 Kinder: „Auf diesen Plätzen finden Kinder und Jugendliche, die vielleicht als Kindersoldaten grausame Erfahrungen gemacht haben, wieder Vertrauen. Sie merken, dass der andere Junge kein Feind ist, sondern ein Spielkamerad.“ Für das Camp Sheikhan hat Abo einen Wunsch an die Leser der „Schwäbischen Zeitung“: „Wir würden uns freuen, wenn durch eure Weihnachtsaktion Mittel für einen Sport- oder Spielplatz gesammelt werden.“

Zurück nach Mam Rashan, es ist stockdunkel. Auf dem Fußballplatz läuft sich die dritte Mannschaft warm, Kapitän Hassan Faruk will endlich spielen. Die jungen Männer um Faruk träumen davon, durch den Fußball der Tristesse des Camps eines Tages entfliehen zu können. Letztmalig nahm 1986, in Mexiko, die irakische Nationalmannschaft an einer Weltmeisterschaft teil. Campleiter Smo träumt auch von einer WM-Teilnahme, stellt aber einen ganz anderen Aspekt heraus, während auf dem Kunstrasen der Ball schon wieder rollt: „Im Irak, einem komplizierten Staat mit so vielen verschiedenen Ethnien, gibt es nur wenig verbindende Elemente, Fußball gehört dazu.“ Im Nationalteam spielen Fußballer arabischer, christlicher, kurdischer und jesidischer Herkunft: „So stelle ich mir das auch in Mam Rashan vor“, blickt Smo voraus: „Fußball verbindet!“

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen