Was Gotland als Reiseziel so besonders macht

Eva Maria Karrer

Auf Gotland scheint die Sonne besonders schön. Sie ist die Protagonistin der größten schwedischen Ostseeinsel und verantwortlich für ihren eigentlichen Namen: Sonneninsel. An 300 Tagen im Jahr scheint sie. Trotz Ostseelage ist es auf der Insel deshalb fast so warm wie am Mittelmeer. Die sonnenreichste Region in Schweden ist zudem die Heimat von Pippi Langstrumpf und ihrer Villa Kunterbunt.

Seit dem Mittelalter ist Gotland ein wichtiger Knotenpunkt, an dem Nord und Süd, Ost und West aufeinandertreffen. Aus den Kaufleuten, die damals den Handelsplatz inmitten der Ostsee geschätzt haben, sind heute Touristen geworden. Sie pilgern in den Sommermonaten nach Gotland und so verzehnfacht sich die Einwohnerzahl der Insel vorübergehend von circa 60 000 auf ungefähr 600 000. Insbesondere die Anreise mit der Fähre ab Rostock ist empfehlenswert: Sonnenuntergang an Deck, nichts als Horizont und morgens erwachen bei Sonnenschein in Visby, Gotlands Hauptstadt.

Der historische Stadtkern der Hansestadt steht als Unesco-Weltkulturerbe unter Denkmalschutz. Auch die gut erhaltene Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert lenkt auf einem 3,5 Kilometer langen Spaziergang den Blick zurück ins Mittelalter. Vorbei geht es an Ruinen, die das gesamte Stadtbild prägen, oder an mittelalterlichen Kirchen wie dem imposanten Dom Sankt Maria. Eine Woche im August begeben sich die Gotländer jedes Jahr auf eine Zeitreise ins Mittelalter. Auf dem Mittelalterfestival begegnet man Rittern, Gauklern, Magiern oder Wikingern.

Bizarre Felslandschaften und große Schafherden

Die Sonne hat auf der Lieblingsferieninsel der Schweden allen Grund zum Strahlen: eine 800 Kilometer lange Küste mit einsamen Steinstränden oder weichen Sandstränden, kleinen Häfen und alten Fischerdörfern, Kulturschätzen und Zeugen der Vergangenheit. Gotlands Landstriche sind bevölkert von Schafherden, die als Wahrzeichen der Stadt auch die Inselflagge zieren. Ständiger Begleiter ist das glitzernde, tiefblaue Meer und die unverwechselbaren Kalksteinklippen. Die bizarren, hellen Felslandschaften, die Raukar genannt werden, schmücken die Küste in unterschiedlicher Form. Der bekannteste und höchste Rauk ist Jungfrun in Lickershamn. Die 27 Meter hohe Jungfrau thront auf der Klippe und kann nach einem Spaziergang durch den Wald aus nächster Nähe besichtigt werden.

141 Naturschutzgebiete zählt Gotland. Die bekanntesten liegen auf der vorgelagerten Insel Stora Karlsö, einem der ältesten Naturschutzgebiete der Welt, und der nördlichen Nachbarinsel Farö. Die karge, geheimnisvolle Landschaft Farös hat auch den schwedischen Regisseur Ingmar Bergman fasziniert. Er lebte auf der Insel und drehte sieben seiner Filme dort. Sein Vermächtnis wird im Bergman-Center der Insel ausgestellt.

Ein Sehnsuchtsort für Urlauber und Bewohner

Neben der naturschönen Inselidylle haben auch Inselbewohner einen großen Anteil daran, dass Gotland ein Sehnsuchtsort für Urlauber ist. Viele Einwohner, die in jungen Jahren ihre Heimat verlassen haben, um Erfahrungen im Ausland oder auf dem Festland zu sammeln, kehren irgendwann wieder auf die Insel zurück und gehen ihren Träumen nach. Es scheint so, als lässt die Sommerinsel Träume und Visionen vieler Inselbewohner wahr werden. Auch die von Margareta Hoas. Sie betreibt mit ihrem Mann das preisgekrönte ökologische Restaurant Lilla Bjers mit Landwirtschaft und Hofladen. Die beiden erfüllen sich ihren Lebenstraum. „Wir zählen unsere Arbeitsstunden nicht. Es ist nicht Arbeit, es ist Leben. Und wir erschaffen hier ein Lebenswerk“, sagt Hoas. Die Insel der Träume bietet beste Voraussetzungen: „Wir haben eine Menge Sand im Boden und sehr viel Sonne. Das ist eine gute Kombination für den Gemüseanbau. Wir bauen rund 200 verschiedene Sorten an“, erzählt Hoas. Es gibt viel Landwirtschaft auf Gotland, da das fast mediterrane Klima hilfreich ist. Spargel, Safran, Weintrauben und Artischocken werden angebaut. Gotland verfügt über die größte Anbaufläche für Gemüse in ganz Schweden.

Die grau-schwarzen Gotlandschafe sind begehrt

Auch Schafzüchter Torbjörn Svenson verfolgt auf Gotland seinen Traum. Er züchtet mittlerweile auf seinem eigenen Hof Ammor Gard 350 Schafe. Nicht mehr des Felles wegen, wie es viele seiner Kollegen tun, sondern vielmehr wegen des Fleisches. Zuvor hat Svenson 20 Jahre als Scherer in England gearbeitet und freut sich noch heute über seinen Rekord: 25 Sekunden pro Schaf. 55 Sekunden sind normal. Die grau-schwarzen Gotlandschafe und deren Fell sind begehrt. Es können hohe Preise bis zu 1000 Euro aufgerufen werden. Svensons Vision ist aber eine andere. Das Wohl der Tiere steht für ihn im Vordergrund. Nahe bei, nahe an und nahe mit der Natur ist das Credo vieler Gotländer. Das Lammfleisch verkauft der 37-Jährige an Restaurants und Partner, die seine Art der Tierhaltung wertschätzen. „Es ist wichtig, dass wir alle dieselbe Art haben, über die Natur und die Umwelt zu denken, und wissen, dass wir zusammenhalten müssen auf der kleinen Insel“, sagt Svenson.

Zu Besuch in Pippis Villa Kunterbunt

Eine Abnehmerin von Svensons Lammfleisch ist My Wrethagen, die ein paar Kilometer weiter das Hotel Stelor betreibt. Ihr Mantra „don’t buy food from strangers“ – „kaufe keine Nahrungsmittel von Fremden“. Hier kocht ihr Partner Linus Ström mit dem, was gerade Saison hat, und nutzt dafür nur lokale Produkte. „Es kommt auf das Wetter an, auf die Bedingungen. Bei uns gibt es nicht immer alles“, sagt My Wrethagen. „Die Leute werden langsam zufriedener. Doch manche gehen auch, weil es keine Pommes gibt“, schiebt sie etwas desillusioniert hinterher. Für Wrethagen ist es wichtig, ihrer Insel etwas zurückzugeben. Sie ist auf Gotland aufgewachsen und weiß ihre Heimatinsel heute sehr zu schätzen.

Zwischen all den Träumern und Mutmachern steht Pippis Villa Kunterbunt. Keinen passenderen Drehort als Gotland hätte sich Astrid Lindgren für die Pippi-Verfilmungen aussuchen können. „Ich mach’ mir die Welt, widdewidde, wie sie mir gefällt“, hört man Pippi durch Gotlands Gassen singen. Die verwinkelten Gässchen mit den alten, bunten Häusern sind die ideale Kulisse für Pippis Streiche – und für Träume.

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