Warum Prinz Harry auf Privatsphäre pocht

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Prinz Harry und Prinz William mit ihrer Mutter Prinzessin Diana
Ein Bild aus idyllischen Zeiten: Prinzessin Diana besichtigt im Oktober 1991 mit ihren Söhnen Prinz Harry (links) und Prinz William die Niagara Fälle (USA). Sechs Jahre später starb sie bei einem Autounfall. (Foto: Hans Dderyk/dpa)
Sebastian Borger

Bleiben Harry und Meghan „königliche Hoheiten“? Wer bezahlt den Personenschutz für das Herzogspaar von Sussex und den acht Monate alten Archie? Werden der Prinz und die Ex-Schauspielerin künftig mit einer Pauschale oder per Stundenlohn für royale Einsätze bezahlt? Solche und ähnliche, nicht immer ernst gemeinte Spekulationen bestimmen gerade die britische Debatte über die Zukunft des Sechsten der Thronfolge und seiner Familie.

„Wir hätten es vorgezogen, wenn sie Vollzeitmitglieder der Königsfamilie geblieben wären“, hieß es am Montagabend in der Erklärung von Königin Elizabeth II., die den Thronfolger Charles und dessen beide Söhne William und Harry zum Krisengipfel auf Schloss Sandringham beordert hatte. Mit „gänzlicher Unterstützung“ der Monarchin sollen nun aber die engsten Berater der Royals, darunter ein Brexit-Experte für das kaum lösbare Problem der inneririschen Grenze, in den nächsten Tagen einen stabilen Sussex-Anbau ans Königshaus zimmern.

Immer stärker deutlich wird nun, dass der Wunsch nach einer „progressiven Rolle“ innerhalb des Königshauses vor allem Harrys Abscheu über die Behandlung seiner Gattin durch die britischen Medien entspringt. Vom teilweisen Umzug nach Toronto erhofft sich das Duo offenbar mehr Privatsphäre. Dieser Optimismus wird von Fachleuten mehrheitlich nicht geteilt. Mögen die Medien in Kanada auch zahmer berichten als die robusten britischen Boulevardblätter – der rechtliche Schutz ist einstweilen in Europa größer. „Ein Umzug nach Kanada wird ihren Wunsch nach Privatsphäre nicht erfüllen“, vertraute Richard Austin von der Kanzlei Deeth Williams Wall in Toronto der „Times“ an. Als weltweiter Goldstandard unter Medienanwälten gilt die Datenschutz-Richtlinie der EU, deren Einflussgebiet Großbritannien allerdings zum Jahresende verlässt.

Wenn nicht alles täuscht, reichen die Wurzeln von Harrys Befreiungswunsch zurück zum 6. September 1997. An jenem heißen Spätsommertag trug die Nation seine Mutter zu Grabe. Fünf Jahre zuvor hatte Henry Charles Albert David, wie der Prinz offiziell heißt, die Trennung seiner Eltern, Thronfolger Charles und dessen erste Frau Diana, verkraften müssen. Fünf Jahre später geriet die Welt des knapp 13-Jährigen vollends aus den Fugen, als die 36jährige Diana mit ihrem Freund Dodi Fayed in Paris tödlich verunglückte. Auf dem Weg zur Trauerfeier in der Westminster Abbey ging damals auch Harry an der Seite seines Vaters und Großvaters, begleitet von Onkel Charles Spencer und seinem Bruder William, angestarrt von Hunderttausenden mitleidiger, teils schweigender, teils schluchzender Menschen, durch die Londoner Innenstadt hinter dem Sarg der Mutter her, auf dem ein einziges Blumenbukett mit dem Wort „Mummy“ (Mutti) lag. Der erwachsene Prinz sprach später von einem vermeidbaren Trauma: „Kein Kind sollte jemals so etwas tun müssen.“

In der Westminster Abbey wurde das traumatisierte Kind Zeuge einer rhetorischen Glanzstunde des verkrachten Journalisten Spencer, der seine Neffen kaum kannte, sie aber allen Ernstes für die “Blutsfamilie” Spencer reklamierte und damit unausgesprochen in Gegensatz zu ihrem (Bluts)Vater Charles brachte. Vor allem aber machte Dianas jüngerer Bruder die Boulevardpresse uneingeschränkt für den Autounfall verantwortlich und bezichtigte Paparazzi wie Chefredakteure gleichermaßen, diese hätten „Blut an ihren Händen“.

Dieses Narrativ hat Harry verinnerlicht. Auch als längst Erwachsener fiel ihm zum Tod der Mutter nur die – zugegebenermaßen schreckliche – Tatsache ein, daß die Paparazzi im Alma-Tunnel von Paris Fotos machten, anstatt seiner sterbenden Mutter zu helfen. "Das waren die gleichen Leute, die den Unfall verursacht hatten.“ Die Wirklichkeit war komplizierter. Gewiss gehörte die schöne Prinzessin zu den Opfern der damals sehr viel ungehemmter als heute agierenden Medien, sie manipulierte die Journalisten aber auch, benutzte sie auf ihrem Weg zur ersten globalen „Celebrity“. Der Unfall selbst hätte nicht passieren können, wenn Fayeds ebenfalls getöteter Fahrer Henri Paul nicht volltrunken 170 km/h gefahren wäre.

Die einstige Macht des Boulevards hat das Internet gebrochen. Längst bugsiert das Königshaus wichtige Neuigkeiten an den Zeitungen vorbei in die Öffentlichkeit, Williams Gattin Kate veröffentlicht eigene Fotos ihrer Kinder und trägt dadurch zum Schutz von deren Privatsphäre bei. Was Harry und Meghan brauchen, ist womöglich weniger eine neue Rolle als eine realistische Sicht auf Vergangenheit und Gegenwart.

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