Warum Autobahnkirchen Zulauf haben

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Anna Ernst

Es ist nicht das große M einer Fastfoodkette und auch nicht die gelbe Muschel eines Mineralölunternehmens, das die Menschen von der Autobahn 96 auf den Parkplatz Winterberg bei Leutkirch lockt. Dort ist es oft ein christliches Symbol: ein Kreuz.

Insgesamt 44 Autobahnkirchen und -kapellen gibt es verteilt über ganz Deutschland. Die erste wurde 1958 in Adelsried eröffnet. Während viele Gemeindekirchen in den Städten um Mitglieder und um ihr Überleben kämpfen, verzeichnen die Autobahnkirchen weiterhin erstaunlich hohe Besucherquoten. In Sindelfingen, an der A 8, wird derzeit sogar eine weitere Kirche für die Autofahrereinkehr geplant.

Bis zu 10 000 Besucher zählt allein die kleine Kapelle auf dem Winterberg in Leutkirch. Sie ist Autobahnkirche pur, ohne eigene örtliche Gemeinde, betrieben von einem lokalen Verein, erbaut mit zahlreichen Spenden. Wer von München aus über die A 96 in den Südwesten kommt, sieht die Hinweisschilder: Parkplatz Winterberg, WC und Kirche, 800 Meter. Ein Rastplatz für körperliche und geistige Bedürfnisse.

An einem Juli-Nachmittag unter der Woche füllen sich die Parkbuchten mit Lastwagen. Die Sonne brennt heiß auf den Asphalt. Fernfahrer in durchgeschwitzten T-Shirts machen Zigarettenpausen im Schatten ihrer 40-Tonner.

Innehalten mit Blick auf die Alpen

Man muss sich etwas Zeit nehmen, um den Pfad zur Kapelle hoch oben auf dem Hügel zu finden. Der Fußweg führt durch ein stählernes Drehkreuz in einem mannshohen Zaun. „Kein Winterdienst. Begehen nur auf eigene Gefahr!“ Das Schild wirkt wenig einladend. Das Rauschen der Autobahn im Rücken geht es mühsam hinauf auf den Berg. Der Abgasmief wird von Güllegerüchen überlagert. Schließlich lichten sich die Bäume. Die grünen Hügel des Allgäus erheben sich und hinter ihnen taucht in der Ferne erst die Spitze der Kapelle, dann das ganze Bauwerk auf. Auf 740 Metern Höhe, umgeben nur von Wiesen, bietet sich dem Besucher ein Fernblick bis zu den Alpen.

Das Gebäude selbst ist ein moderner weißer Rundbau mit einer gläsernen Laterne auf dem Dach. Entworfen wurde es von Georg Zimmer. Der 75-jährige Architekt war einst Bürgermeister in Leutkirch. „In meiner Jugend gab es hier noch starke Unterteilungen in Katholiken und Protestanten“, erinnert er sich. Im Jahr 2000, passend zum Millenium, wollte sein Verein ein Zeichen für die Ökumene setzen und baute die Kapelle. Sie sei offen für alle Glaubensrichtungen, betont Zimmer. Er spricht von Weltethos.

Es ist gerade 17 Uhr, als ein Besucher in kurzer Hose die Kirche betritt. Ehrfürchtig zieht er die sonnengebleichte Schirmmütze vom Kopf und setzt sich still auf eine der schlichten Holzbänke. Er lässt den Raum auf sich wirken: die hohen weißen Wände, die nur von kleinen Fenstern durchbrochen sind, den großen irischen Marmorblock, der als Altar dient, den Ständer mit Kerzen, die gegen eine kleine Spende entzündet werden können. Nach wenigen Minuten geht er hinüber zum Andenkenbuch, das in der Kapelle ausliegt, und greift zum Stift. Anschließend verlässt er wortlos den Andachtsort, setzt die Kappe auf und schlendert den Weg hinab zum Autobahnparkplatz. Im Buch steht: „2.7.19, 17.10 Uhr: Kurze Einkehr gehalten, ein stilles Gebet als Bitte + Dank für eine schöne Reise zum Bodensee.“

Architekt Georg Zimmer blättert durch das Andenkenbuch. In den 19 Jahren des Bestehens haben Besucher 25 dieser Bände gefüllt. Sie geben Aufschluss darüber, was diese Menschen bewegt, die ihr Navigationsgerät ignorieren, ihre Reise unterbrechen und den steilen Weg zur Kapelle erklimmen. Ein Paar aus Filzmoos reiste im Mai mit dem Wohnmobil nach England und notierte: „Wir beten für eine gute Reise.“ Eine Person die nur mit Initialen signiert, wünscht sich, dass Gott speziell alle Motorradfahrer beschützen möge.

Beitrag zur Verkehrssicherheit“

Manchmal handeln die Einträge auch von Krankheiten und existenziellen Sorgen. Georg Zimmer streicht mit dem Finger über die Seiten und wird nachdenklich. „Wenn man liest, dass sogar Menschen mit Selbstmordgedanken hier waren, dann ist das sehr bedrückend, weil man ihnen ja nicht helfen kann.“ Aber wenige Seiten weiter gibt es wieder Einträge, die davon zeugen, dass Menschen hier Hoffnung schöpfen. Auf Ungarisch schreibt jemand von der Gnade Gottes.

Wer in Autobahnkirchen Rast gemacht habe, fahre anschließend gelassener, rücksichtsvoller und sicherer weiter, meint die Akademie der Versicherer im kirchlichen Raum. Der Besuch der Autobahnkirche sei „auch ein Beitrag zur Verkehrssicherheit“. Die Akademie mit Sitz in Kassel betreibt eine Internetseite, auf der alle Autobahnkirchen aufgelistet sind und koordiniert ein Netzwerktreffen für Geistliche und Ehrenamtliche, die Autobahnkirchen betreiben. Es ist ein loser Zusammenschluss zum Erfahrungsaustausch. Eine feste Dachorganisation gibt es nicht, klare Kriterien, die eine Autobahnkirche in Deutschland erfüllen muss, hingegen schon: Die Kirche muss eine direkte Anbindung an eine Autobahn haben, soll nicht weiter als 1000 Meter entfernt von einer Abfahrt stehen. Mindestens 80 Kilometer Entfernung sollten zwischen zwei Autobahnkirchen liegen. Parkplätze und Sanitäranlagen sollen vorhanden sein, der Innenraum der Kirche groß genug, um eine Busreisegruppe aufnehmen zu können. Vor allem aber muss das Bundesverkehrsministerium seinen Segen erteilen.

Menschen schätzen die Anonymität

Oft sind es auch bestehende Kirchen, die diese Voraussetzungen erfüllen und neben der normalen Gemeindearbeit den Reisenden die Türen öffnen. Die Kirche Maria am Wege in Windach, an der A 96 in Bayern gelegen, gehört dazu. Täglich von acht bis 18 Uhr hat sie geöffnet. Auch dort liegt ein Andenkenbuch aus, das von den kleinen und großen Sorgen der Reisenden zeugt: „Lieber Gott, ich danke dir, dass du uns so schnell bei der Panne geholfen hast“, schrieb ein Besucher im März. Andere erzählen von einem ganzen Lebensweg: von Familienglück und Enkeln, für die sie sich Gesundheit wünschen.

„Die Menschen schätzen die gewisse Anonymität, die die Autobahnkirchen bieten“, meint Diakon Karl-Heinz Jaworski. Bei der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist er zuständig für Angebote im Bereich Freizeit und Tourismus. Während die Mitgliederzahlen der Kirchen sinken, beobachtet er ein immer größer werdendes spirituelles Interesse, das jenseits der Gemeinden ausgelebt werde. Individuelles Pilgern und spirituelle Radtouren sind weiter auf dem Vormarsch. „Der Wunsch nach Besinnung, Entschleunigung ist ein tiefgreifender – und er hat in der Gesellschaft weiterhin eine gewisse Akzeptanz“, sagt Jaworski.

Die Autobahnkirche, die zu nichts verpflichtet, richte sich nach diesem Wunsch. Deshalb plant die Evangelische Landeskirche an der A 8 am Rastplatz Sindelfinger Wald eine weitere Kapelle. 2,4 Millionen Euro sollen in das ökumenische Bauwerk investiert werden. Weitere 30 000 Euro kommen jährlich für den Unterhalt hinzu. Auch die katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart will sich finanziell beteiligen. Das Bundesverkehrsministerium hat bereits seine Genehmigung erteilt. Laufe alles glatt, könnte die Kirche im Jahr 2021 eröffnet werden. Dann soll auch in Sindelfingen neben den Fastfood- und Tankstellenlogos das Kreuz den Weg weisen.

Info: An diesem Sonntag, 7. Juli, findet der bundesweite Tag der Autobahnkirchen statt. In den meisten Kirchen und Kapellen werden um 14 Uhr Gottesdienste oder Andachten angeboten. Um 9.30 Uhr wird der ZDF-Fernsehgottesdienst aus der Autobahnkirche Exter ausgestrahlt. An der Autobahnkapelle auf dem Winterberg in Leutkirch ist schon um 11 Uhr Beginn der Andacht mit Live-Musik unter freiem Himmel. Anschließend spielen Alphornbläser und die Ehrenamtlichen bieten kleine Stärkungen und Getränke an.

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