Warum Achtsamkeit die beste Lebensversicherung ist

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Frau meditiert auf Tisch, während Personen an ihr vorbeihetzen
Sich im Hier und Jetzt verorten: Wer im Achtsamkeitstraining fortgeschritten ist, schafft es auch in stressigen Situationen, seinen Körper und seine Bedürfnisse wahrzunehmen. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Jede innere und äußere Erfahrung im gegenwärtigen Augenblick vorurteilsfrei wahrzunehmen und zuzulassen, ist die Basis des Konzepts der Achtsamkeit. Wobei diese Lebenseinstellung helfen soll und wie man sie umsetzen kann, erklärt die Stuttgarter Psychologin Anke Schulz im Gespräch mit Christiane Wohlhaupter.

Frau Schulz, wo kommt das Konzept der Achtsamkeit her?

Professor Jon Kabat-Zinn hat das Konzept in den 1970er-Jahren entwickelt und 1990 die erste Stressklinik in Massachusetts eröffnet. Er hat seine eigenen Meditationserfahrungen mit Erkenntnissen der Verhaltensmedizin verknüpft. In seiner Achtsamkeitsmeditation hat er den buddhistisch-religiösen Überbau entfernt. In Stresskliniken hat er den Patienten die Idee der Achtsamkeit vermittelt. Dabei schalten wir um vom Aktionsmodus in den Seinsmodus. Wir gehen in den Achtsamkeitsmodus für den augenblicklichen Moment über. Dieses Konzept ist dann auch nach Europa herübergeschwappt und wird in Kliniken, aber auch ambulant eingesetzt.

Und wie ist das Konzept aufgebaut?

Es gibt zwei wichtige Säulen in der Achtsamkeitstherapie. In seinem Programm mindfulness-based stress reduction (MBSR; deutsch: achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) vermittelt Kabat-Zinn einerseits die Idee: Ich entscheide mich ab jetzt für ein Leben, in dem ich Dinge bewusst wahrnehme und reflektiere. Ich agiere nicht immer im Autopilot, sondern übernehme selbst das Steuer. Ich mache eine Sache bewusst. Ich trinke ganz bewusst meinen Kaffee und beantworte nicht gleichzeitig Mails am Handy. Ich nehme den Kaffee wahr, schmecke ihn, rieche ihn. Das soll sich zur Lebenseinstellung entwickeln – und ist oft das Allerschwierigste.

Und die zweite Säule?

Man lernt verschiedene Techniken, zum Beispiel Meditation, Atemübungen oder den Bodyscan. Dabei geht es darum, den Körper so wahrzunehmen, wie er gerade ist und gleichzeitig vorurteilsfrei anzunehmen. Das ist anders als bei der progressiven Muskelentspannung oder autogenem Training, bei denen ich dem Körper etwas suggeriere, beispielsweise: „Ich werde müde. Ich bin entspannt. Ich bin gelassen.“ Bei den Übungen in der MBSR gehe ich ohne Suggestion hinein. Ich nehme das wahr, was gerade ist: Ich spüre, mein Herz schlägt schnell – und das ist jetzt so. Alles, was ist, darf sein.

Vielen Menschen fällt es schwer, den Autopilot auszusetzen. Gibt es Menschen, die beispielsweise gerne den Bodyscan machen, aber trotzdem beim Mittagessen am Handy herumspielen?

Es ist absolut normal, wenn man das nicht den ganzen Tag durchziehen kann. Das ist das Schöne an diesem Blumenstrauß an Übungen, dass man sich das herausnehmen kann, was einem guttut. Man kann im Alltag einfach innehalten und zum Beispiel mal auf die Atmung achten oder darauf, was in Körper und Geist passiert, und sich fragen, welche automatische Verhaltensweisen und Bewertungen laufen da gerade bei mir ab?

Was ist das Versprechen der Achtsamkeit? Was soll erreicht werden?

Nach Kabat-Zinn soll genau diese Frage eben nicht gestellt werden. Da wären wir wieder bei einer Zielorientierung. Es geht jedoch darum, innezuhalten und bei sich zu bleiben. So erhält man eine größere Freiheit, in seiner Art zu reagieren. Man reagiert nicht automatisch, sondern reflektiert ers tmal und kann der Sache vielleicht eine andere Bewertung geben, sodass sie vielleicht weniger belastend ist. Ich kann mich bewusster entscheiden. Manchen fällt dann auf, dass sie sich öfter in eine Opferrolle begeben, dass sie aber auch andere Möglichkeiten haben zu reagieren. Klinische Studien zeigen, dass es bei Kranken eine Reduktion von depressiven Verstimmungen gibt, Angst oder Schmerz können weniger werden, Schlafstörungen können sich bessern, das Wohlbefinden kann sich steigern. Für Gesunde ist Achtsamkeit die beste Lebensversicherung, weil man diesen automatischen Check hat: Wie geht es mir? Was sagt mein Körper?

Wie reagiere ich denn achtsam, wenn mir einer an der Kreuzung die Vorfahrt nimmt?

Ich will zunächst sehen, was löst das bei mir aus? Ärger? Erschrecken? Und dann kann ich sagen: Ups, ein Experiment oder auch: Glück gehabt, es ist nichts passiert. Auch wenn der andere so frech daherfährt, ich bleibe ruhig und fahre jetzt weiter. Die Freiheit liegt zwischen Reiz und Reaktion.

Neuere Studien stellen fest, dass Achtsamkeit bei manchen Menschen aber auch Problematiken verschärft. Stimmen Sie zu?

Ganz bestimmt. Viele meiner Patienten sind am Anfang schwer belastet, von ihrer Krankheit, von Depressionen. Wenn ich denen empfehlen würde: „Gehen Sie in die Stille, spüren Sie Ihren Körper“, dann nehmen sie ganz viele Ängste wahr, vielleicht auch Schmerzen. Auch Menschen mit einer Psychose wären vollkommen überflutet von dem, was ihnen ihr Körper sagt. Man muss also zunächst dafür sorgen, dass ein Patient psychisch stabilisiert ist und später auch bereit, sich auf so eine Methode einzulassen.

Auch wenn sie von religiösen Lehren entkoppelt wurde, mag manchen die Achtsamkeit zu esoterisch erscheinen. Ist sie für jeden etwas?

Auf keinen Fall. Es geht ja auch nicht jeder freiwillig zum Meditieren ins Kloster oder zum Yoga. Manch einer möchte lieber Sport in aktiverer Form machen und kann sich dabei ausleben und beruhigen. Der Körper hat letztlich immer recht. Mit dem Konzept kann nur der etwas anfangen, der es mag, in die Stille zu kommen, zu meditieren und bei sich zu bleiben. Jemand, der effizient sein will, Dinge gleichzeitig erledigen will, auch in der Freizeit auf Produktivität setzt, tut sich schwer. Denn das ist genau das Gegenkonzept zu dem, was in der Achtsamkeit gelehrt wird: nur eine Sache zu tun.

Aber wäre es gerade für diese Menschen nicht vielleicht eine hilfreiche Methode?

Ich freue mich, wenn auch zunächst skeptische Patienten, vielleicht nach einem halben Jahr merken: Wow, da passiert etwas richtig Gutes, wenn ich mir erlaube, mein Leben zu entschleunigen. Viele erlauben sich das zunächst nicht, weil das nicht im Sinne der Produktivität ist, nicht mit dem Leistungsgedanken einhergeht. Das sind für mich die schönen Momente, wenn Menschen sich und beispielsweise ihren Mitarbeitern, diesen Baustein für die Gesundheit zugestehen.

Welchen Ihrer Patienten bieten Sie diese Methode an?

Das ist ganz unterschiedlich. Einerseits Menschen, die sich in einen Burn-out reingearbeitet haben, weil sie jahrelang ihre psychischen und physischen Kräfte überfordert haben. Oder auch bei Menschen mit neurologischen Krankheiten wie Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall. Es geht darum, die eigene Grenze herauszufinden, mit dem Körper in Kontakt zu treten, zu sehen: Was sagt mir der Körper? Überfordere ich mich gerade?

Bekommt jeder Patient die gleichen Bausteine vermittelt?

Ich schaue mir die Welt des Patienten an: Was macht er gerne? Welche Ressourcen bringt er mit? Wenn jemand beispielsweise gerne strickt, dann kann er wundervoll achtsamkeitsbasiert stricken. Wie fühlt sich die Wolle in der Hand an? Wie ist das Nadelspiel? Wie ist die Atmung? Wenn ihm das dann gefällt und ihm etwas bringt, dann kann man weitere Elemente erlernen.

Der Fernseher bleibt dabei aber aus, oder?

Ja. Ich muss meine Sinne ganz auf die eine Sache richten. Es ist kein Handy an, kein Radio an. Und wenn störende Gedanken kommen, dann schickt man sie wieder weg.

Ich brauche mich also nicht unter Druck zu setzen, wenn mir das nicht von Anfang an gelingt?

Druck geht da überhaupt nicht. Wem das beispielsweise im Sitzen nicht taugt, der kann sich hinlegen. Man darf da auch einschlafen. Dann hat der Körper entschieden, dass er den Schlaf braucht.

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