Vorsicht vor illegalen Händlern! Jeder Welpe hat seinen Preis

Andrea Mertes

Brexit hin oder her: Wenn Jochen Waschke einen Welpenwurf plant, reserviert er einen Platz auf der Fähre von Amsterdam nach Newcastle, packt Gummistiefel und Retrieverleinen ein, pfeift die Hunde zusammen und fährt rüber nach Großbritannien. Sein Ziel ist dabei weder eine Stadtbesichtigung in London noch eine Wanderung durch Cornwall. Waschke überkehrt die Grenze nicht als Tourist, sondern als Züchter. Im Heimatland der Labrador-Retriever suchte er zuletzt einen passenden Deckrüden für seine Zuchthündin mit Namen Saffronlyn Woodcock.

Lynn, wie Waschke das 54 Zentimeter große, schwarzhaarige Tier ruft, ist ein prachtvoller Labrador aus jagdlicher Leistungszucht, geführt im Deutschen Retriever Club (DRC) unter der Zuchtbuchnummer 1822273. Ihre hervorragenden Anlagen hat Lynn in diversen, teils anspruchsvollen Prüfungen bewiesen. Anfang 2022 hat sie neun Welpen geboren. Auf alle warteten Käufer, die sich bei Waschke persönlich bewerben und vorstellen mussten. „Ich betreibe viel Aufwand mit meiner Zucht“, sagt der selbstständige IT-Dienstleister, „denn ich will gute Hunde in die Welt setzen. Da muss alles passen, von der Genetik über das Wesen bis zum Käufer.“

Gute Zucht ist nicht billig

Gute Hunde, gutes Geschäft? Rund elf Millionen Hunde gibt es in Deutschland, in der Pandemie ist ihre Zahl stark gestiegen. Wirft man einen Blick ins Internet, explodieren die Preise für Welpen. 3000 Euro und mehr werden mittlerweile aufgerufen. Für Tiere ohne verlässliche Papiere, für als Designer-Dogs deklarierte Mischlinge oder gar kranke Vierbeiner. Wie soll sich ein hundeverliebter Laie da orientieren? Wie erkennt man einen guten Züchter? Weshalb verlangt jemand wie Waschke am Ende 2000 Euro für einen Welpen? Und ist das gerechtfertigt? Wer im Jahr 2022 über Hundezucht redet, kommt am Thema Geld nicht vorbei.

Zum Beispiel der blaue EU-Heimtierausweis: Er kostet zwischen 15 und 25 Euro und gibt Sicherheit darüber, dass das Tier geimpft und gechipt wurde. Nur mit diesem Pass können in Europa Hunde, Katzen oder Hamster legal Grenzen überqueren. Nur mit diesem schwer fälschbaren Pass ist garantiert, dass ein Welpe genauso alt ist wie behauptet und gegen die schwersten, oft tödlichen Krankheiten immunisiert wurde. Wer einen Auslandshund kauft, ohne diesen Ausweis ausgehändigt zu bekommen, kann ziemlich sicher sein: Da stimmt etwas nicht. Soweit die Minimalanforderungen.

Erbschäden bei Hunden vermeiden

Gute Zucht will mehr als die Minimalanforderungen. Viel mehr. Sie will Hunde, die eine gesunde Genetik mitbringen und alt werden. Tiere, die ihre Anlagen auch vererben können. Hundezucht greift in die Natur ein. Was das bedeutet, illustriert Heike Trombach, Fachtierärztin für Fortpflanzungsmedizin aus dem oberbayerischen Germering, am Beispiel der Fehlentwicklung des Hüftgelenks. Die sogenannte HD ist eine erblich bedingte Krankheit, die sich meist früh zeigt und unter der die betroffenen Tiere ein Leben, teils verbunden mit großen Schmerzen, leiden. Es gibt etliche Rassen – Bernhardiner, Schäferhunde und Boxer, auch Retriever –, bei denen sich HD häuft. Anders bei nordischen Rassen wie den Huskys. Der Grund: Die Nordischen waren lange Zeit Gebrauchshunde. Nur wer mitlaufen konnte, überlebte. Alle anderen wurden getötet oder starben während der Arbeit. „Natur selektiert streng nach Gesundheit“, resümiert Trombach. Diese Selektion führt dazu, dass Huskys bis heute meist gute Hüften vererben. Ebenso streng zu selektieren wie die Natur und nur wirklich gesunden Tieren die Möglichkeit zur Fortpflanzung zu geben, das sei verantwortungsvolle Zucht, argumentiert die Tierärztin. „Man kann das auch außerhalb eines Verbandes machen. Doch ich rate allen, die züchten wollen, in die nötigen Voruntersuchungen zu investieren. Einfach so eine Hündin decken zu lassen, nur weil es nett ist, mal Welpen zu haben, das finde ich verantwortungslos.“

Checkliste von Experten für Interessenten

Wie findet man einen solchen Verband? In Deutschland gibt es den Verband für das deutsche Hundewesen (VDH), er vertritt als Dachorganisation 180 Zuchtvereinigungen. Pressesprecher des VDH ist seit bald drei Jahrzehnten Udo Kopernik. Wer den Rheinländer anruft, erlebt einen Menschen, dem wenig Hundliches fremd ist. Was sagt er zu Verpaarungen ohne Kontrolle von außen? „Ein ungewollter Deck-Akt, das ist im besten Fall liebevoller Dilettantismus und im dümmsten Fall schlecht, wenn man sozialverträgliche, gesunde Hunde möchte.“ Und die explodierenden Welpenpreise? „Wir sind gegen die Ausbeutung von Tieren, so steht es in unserer Verbandspräambel. Hundezucht darf nicht gewinnorientiert sein.“

Der VDH hat eine Checkliste (www.wuehltischwelpen.de/checkliste-welpenkauf.php) ins Netz gestellt, die zukünftigen Hundehaltern Orientierung bietet mit Fragen wie: Bekomme ich das Muttertier zu sehen? Gibt es einen Kaufvertrag? Wie sehen die Welpen aus? Auch der Kaufpreis wird in der Checkliste angesprochen. Unter 600 Euro, sagt Kopernik, „könne irgendetwas nicht stimmen.“ Auch wenn Züchter nicht gewinnorientiert arbeiten sollen, sie sollten auch keinen Verlust machen. Und der Weg vom Welpen bis zum Zuchttier ist teuer. Die Kosten für tierärztliche Untersuchungen, Impfungen, Futter, für Ausbildungen und Prüfungen, für Seminare, Gentests und Ahnentafeln – all das geht in die Tausende Euro, bei Züchtern wie Waschke sogar in die Zehntausende. Deshalb haben Welpen mit seriöser Herkunft ihren Preis. 1300 bis 1500 Euro muss ein Welpe aus einer verantwortungsvollen Herkunft kosten, damit der Züchter nicht draufzahlt, hat der VDH ausgerechnet. Die Summe entspricht der Empfehlung für einen Welpen, wie sie der Deutsche Retriever Club (DRC) derzeit ausgibt – jener Rasseverband, bei dem auch Jochen Waschke gelistet ist.

Es muss kein Rassenhund sein

Dabei muss der neue vierbeinige Mitbewohner beileibe kein Rassehund sein. Nichts spricht gegen Mischlinge, Auslandshunde oder Hunde aus dem Tierheim. Wer keinen Arbeitshund sucht, sondern einen Weggefährten, kann hier glücklich werden. Unglücklich wird dagegen, wer ein krankes oder viel zu junges Tier kauft. Solche etwa, die man im Netz auf Kleinanzeigen-Portalen zuhauf findet. Auch wenn die Bilder attraktiv sind und anderes vermuten lassen: Die überbordende Mehrheit dieser Tiere stammt aus illegalem Handel. Solche Welpen werden unter schrecklichen Bedingungen besonders günstig vermehrt. Unter anderem werden sie viel zu früh von ihren Müttern getrennt. Oft noch, während sie deren Milch brauchen. Die frühe Trennung vom Muttertier hat schwerwiegende Konsequenzen. So haben die Welpen nicht genug Zeit, sich mit ihren Geschwistern zu sozialisieren. Das beeinträchtigt ihre psychische Gesundheit und hat nicht selten Verhaltensauffälligkeiten zur Folge.

Lügen und falsche Fotos

All das wird den Käufern vorenthalten, wie auch der verstörende Anblick der Muttertiere. Diese armen Geschöpfe werden bei der industrialisierten Hundevermehrung in einer viel zu engen Box gefangen gehalten und sind oft halb verhungert und verdurstet. Sonnenlicht? Bekommen sie nicht zu sehen. Stattdessen müssen sie zweimal im Jahr eine Zwangsbefruchtung über sich ergehen lassen, um jene Welpen auf die Welt zu bringen, die dann mit Lügen und falschen Fotos im Internet angeboten werden.

Gibt es nicht? Gibt es zuhauf! Seit vielen Jahren deckt die Hamburger Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ entsprechende Fälle auf und versucht die Hintermänner vor Gericht zu bringen – meist ohne Erfolg. Vor dem Gesetz haben Tiere keine Lobby, sie zählen als Ware. Und so werden sie auch behandelt: als Ware, die übers Netz feilgeboten wird.

„Im ersten Halbjahr 2022 wurden rund 70 Prozent der uns gemeldeten Verdachtsfälle auf Kleinanzeigen-Plattformen gefunden“, erklärt Vier-Pfoten-Pressesprecherin Corinna Madjitov. „Dies zeigt, dass Onlineplattformen weiterhin der Hauptverkaufskanal illegaler Welpenhändler sind. Unregulierte Plattformen erlauben es Kriminellen, Welpen anonym anzubieten.“ Eine Strafverfolgung sei nur selten möglich. Die Tierschützer mahnen deshalb die aktuelle Bundesregierung, sich an ihren Koalitionsvertrag zu halten und den Online-Markt für Tiere einzuschränken sowie die geplante Kennzeichnungspflicht für Hunde einzuführen.

Was Tierschützer raten

Bisher hat die Politik nicht gehandelt. Was kann der Einzelne tun, um sich vor illegalem Welpenhandel zu schützen und ein seriöses Angebot zu finden? „Vier Pfoten“ hat eine Checkliste für den verantwortungsvollen Welpenkauf ins Netz gestellt. Die Organisation rät, sich vor allem das Muttertier zeigen zu lassen und auf ein vorhandenes Gesäuge zu achten. Denn manchmal präsentieren Online-Verkäufer irgendeine Hündin der gleichen Rasse, während die wahre Mutter in Osteuropa in einer Welpenfabrik leidet. Wichtig sei außerdem, dass der Welpen mindestens acht Wochen alt ist und die Übergabe zu Hause beim Züchter stattfindet. „Nur so können Sie die genaue Herkunft des Welpen kennen.“

Auch der Abschluss eines Kaufvertrags gehört zur Checkliste, ebenso wie eine Registrierung des Hundes bei einem Tierarzt und über das Haustierzentralregister Tasso (www.tasso.net). Zu guter Letzt heißt es bei „Vier Pfoten“: „Kaufen Sie niemals aus Mitleid.“ Wer irritiert sei oder Zweifel an der Seriosität der Verkäufer habe, solle besser die Polizei einschalten oder das Veterinäramt. Nur so kann der Handel mit schutzbedürftigen Tieren ausgetrocknet werden. Und zukünftige Halter können sich auf eine glückliche Zeit mit ihrem Tier freuen – in Großbritannien, in Deutschland und anderswo.

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