Vom königlichen Palast in die Slums von Kalkutta

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Magischer Moment: Ailsa Anderson, Pressesekretärin der Queen, und Badar Azim überbringen die Nachricht von der Geburt des Prinze (Foto: AFP)
Alexei Makartsev

Er hat exakt 33 Sekunden Zeit, doch die wenigen Augenblicke vor der jubelnden Menge in London reichen dem armen Emporkömmling eines Slums in Kalkutta, um kurzzeitig eine globale Berühmtheit zu werden. Es ist Montagabend, 22. Juli. Tausende Schaulustige und Journalisten warten gespannt auf die große Neuigkeit von Prinz William und Kate. Kurz vor 21 Uhr Ortszeit erscheinen die Pressesekretärin der Queen, Ailsa Anderson und ein Mann in der rotschwarzen Uniform eines „royal footman“ (königlicher Diener) am Tor des Buckingham-Palastes. Das lächelnde Paar tauscht im Blitzlicht der Fotografen einige Worte aus und befestigt rasch die gerahmte Notiz aus dem St.-Mary’s-Krankenhaus an einer goldenen Staffelei, um daraufhin wieder zu verschwinden. Es entging den Fernsehzuschauern in vielen Ländern nicht, dass ein junger Inder der Welt die offizielle Nachricht von der Geburt des zukünftigen britischen Königs überbracht hat.

Dies ist die Geschichte des „slumdog footman“ Badar Azim. Doch anders als die bittersüße, preisgekrönte Filmstory des Gameshow-Gewinners Jamal Malik („Slumdog Millionär“) hat sie kein glückliches Ende. Nur wenige Tage, nachdem er im Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit stehen durfte, verlor der 25-jährige Palastdiener Azim seinen begehrten Job im Haushalt der Queen und kehrte in das ärmliche Viertel von Kalkutta zurück, wo seine Familie lebt.

Es war wohl kein Zufall, dass das britische Königshaus unter den Hunderten Palastangestellten einen indischen Arbeitsmigranten als Verkünder der Prinzengeburt herausgepickt hatte, um der Welt die kulturelle Vielfalt Großbritanniens vor die Augen zu führen. Allerdings hielten es die Royals nicht für nötig, Badar zu helfen, als sein Arbeitsvisum auslief und er vom Innenministerium zur Ausreise genötigt wurde. Als die Reporter der Daily Mail die neunköpfige Familie Azim am Stadtrand der westindischen Fünfmillionenmetropole besuchen, müssen sie zunächst „ein Treppenhaus voller Wasser“ überqueren. Die Journalisten finden in der dunklen Zweizimmerwohnung lediglich ein Bett, einen Fernseher und zwei Plastikstühle. „Wir sind nicht vermögend. Unsere Eltern überließen uns früher das Bett und schliefen auf dem Boden“, erzählt der 20-jährige Mazhar Azim. „Aber mein Vater fand gute Bildung sehr wichtig und lieh sich Geld, damit wir in die Schule gehen konnten“.

Mazhars älterer Bruder besuchte ein irisches christliches Internat in Kolkata und lernte mit einem Stipendium Hotelmanagement an einem College. Sein Internat trieb später weitere 10 000 Pfund auf und schickte den intelligenten Jungen aus dem Slum nach Edinburgh, um seine Ausbildung zu vollenden. Im Februar 2012 hatte Badar ein zweites Mal Glück: Seine Bewerbung am Königshof als rangniedrigster Diener von Elizabeth II. wurde angenommen. Die sogenannten „footmen“ im Buckingham-Palast sind dazu da, um den Royals die Türen zu öffnen, Tee zu kochen, das Essen zu servieren und Nachrichten zu überbringen. Sie wohnen in kleinen Wohnungen in der Stadtmitte. „Badar war hier sehr beliebt. Jeder wusste, wie schwierig es für ihn gewesen ist, nach London zu kommen“, sagte ein anonymer Palast-Angestellter. „Er wollte bleiben, aber es gelang ihm nicht, sein Visum zu verlängern. Es brach ihm das Herz. Und auch wir sind sehr traurig darüber, dass er gehen musste.“

Die Königsfamilie und die Behörden geben sich wortkarg. „Wir erteilen nie Auskunft über unsere Mitarbeiter“, heißt es im Palast. „Jeder Visumsantrag wird unter Berücksichtigung der individuellen Umstände betrachtet“, heißt es beim Innenministerium.

Doch die Eltern des „slumdog footman“ sind nach eigenen Worten „überglücklich“, seit sie ihren Sohn am Tag der Prinzengeburt im Fernsehen gesehen haben. Zumindest in seiner Heimatstadt bleibt Badar Azim weiter ein Star.

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