Volker Schlöndorff wird 70

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Deutsche Presse-Agentur

Volker Schlöndorff gehörte zu den „jungen Wilden“ des deutschen Nachkriegsfilms und wurde später sogar Studioboss in Babelsberg.

In direkter Nachbarschaft der einstigen Ufa- und Defa-Filmstudios arbeitet der Oscar-Preisträger („Die Blechtrommel“), der am Dienstag (31. März) seinen 70. Geburtstag feiert, natürlich schon wieder an einem neuen Filmprojekt.

Da lässt er sich auch nicht vom Scheitern anderer Pläne wie den „Rausschmiss“ bei der „Päpstin“ entmutigen. „Also Ruhestand am Griebnitzsee gibt es nicht“, betont der Regisseur in einem dpa-Gespräch kurz vor einem erneuten Aufbruch in die USA. „Der Filmproduzent Günter Rohrbach ist 80 und produzierte im vergangenen Jahr zwei Filme und hat schon wieder neue Pläne - so sehe ich mich auch. Es gibt so viel zu tun und spannende Stoffe, erst recht in großen Krisenzeiten.“

Zum Beispiel sein - „wohl letzter“ - Ausflug ins Theaterfach. In diesem Jahr inszeniert er Tolstois Drama „Und ein Licht leuchtet in der Finsternis“, zunächst im Sommer auf Schloss Neuhardenberg in Brandenburg und dann im September auf Tolstois Landgut in Russland. Darin spielt auch Angela Winkler mit, mit der Schlöndorff 1975 die Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ drehte. „In dem Tolstoi-Theaterstück geht es um einen Mann, der darunter leidet, dass es zu viele Arme und ein paar wenige ganz Reiche gibt, das kommt einem doch irgendwie bekannt vor.“

Sein nächster „kleiner Kinofilm“ ist eine Zusammenarbeit mit dem Berliner Schriftsteller Peter Schneider über einen Mittvierziger im öffentlichen Dienst, der sich überflüssig vorkommt und einen neuen Lebensinhalt findet in der Zuwendung zu einem elfjährigen Jungen mit Lernschwierigkeiten, so dass sich schließlich beide gegenseitig retten. Noch nicht spruchreif ist die Verfilmung des Theaterstücks „Rock'n'Roll“ von Tom Stoppard über eine Prager Underground-Rockband, die 1976 verhaftet wurde und deren Prozess schließlich auch zur Charta 77 von Vaclav Havel mit ihrer Anklage der Menschenrechtsverletzungen führte.

Es ist das Lebensthema auch von Schlöndorff: Der untrennbare Zusammenhang von Kultur und Politik, Zivilcourage, Anpassung, Untertanengeist und sogenannte Außenseiter. Dies zeigte sich schon beim „Jungen Törless“, seinem Debütfilm und für viele eines seiner besten Werke, bis zum „Unhold“, eine seiner größten „Pleiten“ im Filmgeschäft.

Ein Lebensthema war für den Regisseur immer auch die Frage nach dem „Warum“ in der deutschen Vergangenheit mit ihren Nazi-Verbrechen - „Wie war das möglich?“ Bei Schlöndorff gehe es immer um Menschen, die zum Außenseiter geraten, die durch soziale, gesellschaftliche oder politische Umstände benachteiligt und im Leben schlecht weggekommen seien, meinte der frühere SPD-Vorsitzende Kurt Beck bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille im vergangenen Herbst.

Und auch die CDU wollte nicht nachstehen und widmete Schlöndorff noch vor seinem 70. Geburtstag eine Hommage in der Berliner Konrad-Adenauer-Stiftung, ihm, der einst Drehverbot bei einem CDU-Parteitag hatte. Schlöndorff sei heute „fast schon ein Klassiker“, meinte nun Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), „bei allen Macken, Ecken und Kanten, bei den vielen Irrungen und Wirrungen, die sein Leben begleitet haben, bei den vielen Widersprüchen, in die er uns und sich verwickelte, ist er heute ein ganz Großer des deutschen Films“, zusammen mit Wim Wenders oder Werner Herzog, der bei einem „Klassentreffen“ der drei einmal meinte: „Es ist doch erstaunlich, dass es uns immer noch gibt.“

Und Schlöndorff hat viel zu erzählen, vom deutschen Nachkriegsfilm, seinem fünfjährigem Ausflug nach Amerika und von deutscher Geschichte mit französischen Farbtupfern, denn Paris mit der Nouvelle Vague um Louis Malle, Jean-Luc Godard, Alain Resnais und François Truffaut war für den jungen Filmstudenten in den frühen 60er Jahren die erste Filmschule seines Lebens. Über den „Abenteuerspielplatz“ eines Lebens hat der am 31. März 1939 in Wiesbaden geborene Arztsohn im vergangenen Jahr Bericht erstattet mit seinen Memoiren „Licht, Schatten und Bewegung - Mein Leben und meine Filme“ (Hanser Verlag).

Dabei überrascht Schlöndorff mit einer Mischung aus eher „undeutscher“ ironischer Leichtigkeit und Nachdenklichkeit bei seinem Rückblick auf Triumphe und bittere Niederlagen, beruflich wie privat. Noch mehr als der Oscar-Erfolg mit der „Blechtrommel“ von 1980 bedeutete dem Regisseur ein Jahr zuvor die Goldene Palme in Cannes für die Grass-Verfilmung mit David Bennent, der leider bei einer Fortsetzung der Geschichte bis zum Mauerfall 1989 nicht mehr mitmachen wollte, wie Schlöndorff bedauert.

Womit Schlöndorff auch nicht zurecht kam, war die Ablehnung seines Vaters, der die „Blechtrommel“ einfach nur „scheußlich“ fand und der schon versucht hatte, seinen Erstling „Der junge Törless“ 1966 nach Robert Musil als „reine Arschfickerei“ zu hintertreiben. Dass Schlöndorff eine eigentlich entscheidende Liebesszene zwischen den beiden Internatszöglingen dann nicht gedreht hat, verzeiht er sich bis heute nicht. „Es war auch Angst vor dem Vater und der ganzen bürgerlichen Gesellschaft, die er vertrat.“ Und wie ist die Lebensbilanz zum Beispiel über das „wahre Leben“ eines Filmemachers? „Vermutlich ist das "wahre Leben" die letzte uns verbliebene Utopie.“

Das filmische Leben ist immerhin in einer DVD-Collection mit Filmen wie der „Blechtrommel“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Der Fangschuss“, „Der Tod des Handlungsreisenden“, „Eine Liebe von Swann“, „Die Fälschung“, „Homo Faber“ und „Deutschland im Herbst“ versammelt.

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