Urlauber werden in der Mongolei Nomaden auf Zeit

Redakteurin

Erstaunlich, wie viele Menschen in so einer Jurte Platz finden. Jeder Neuankömmling, der seinen Kopf durch die Tür steckt, ist willkommen. Man rückt halt noch etwas enger zusammen auf den Betten, die tagsüber als Sitzmöbel dienen. Kleine Schemel erweitern das Platzangebot. Und bei Bedarf nehmen die Jüngeren mit dem Boden vorlieb. Das Einzige, das keinen Platz in der Jurte hat, sind Berührungsängste.

So ist das in der Mongolei, dem Land Dschingis Khans. Obwohl die Mongolei fast viereinhalbmal so groß ist wie Deutschland, leben hier keine dreieinhalb Millionen Menschen. Das macht den Staat zwischen Russland und China zum dünn besiedeltsten der Welt. Vielleicht werden auch Fremde deshalb hier so herzlich empfangen.

Links die Frau, recht der Mann

Zurück in der Jurte von Altangerel Baatardorj und seiner Familie, die in den Weiten außerhalb der antiken Stadt Kharakhorum steht: In der runden Behausung spielt sich das komplette Leben ab. Beim Betreten der Jurte fällt der Blick unweigerlich auf die vielen Medaillen, Fotos und Statuen. Sie zeugen vom Erfolg, den Altangerel Baatardorj als Pferdezüchter hat. Seine Ehefrau Otonjargal war früher Jockey. Da wundert es nicht, dass Tochter Bujinlham bereits im Alter von fünf Jahren selbstsicher auf dem Pferd sitzt.

Der mit Kamelfladen gefüllte Ofen sorgt für Wärme. Die linke Seite der Jurte ist für gewöhnlich die Seite der Frau, wo Nähzeug, Kochutensilien und Melkeimer lagern. Die rechte Seite ist das Reich des Manns, dort sind Sattel, Zaumzeug, Schnupftabakfläschchen und der Lederbeutel, in dem die Stutenmilch zu Airag vergärt, untergebracht.

Wer eine Jurte betritt und im Besitz eines Schnupftabakfläschchens ist, bietet dies dem Gastgeber zum Begutachten an. Im Gegenzug wird auch das Schnupftabakfläschchen des Gastgebers in Augenschein genommen. Als Nächstes bietet der Gastgeber Airag an. Die Erwartung ist, mehrere große Schlucke aus der Schale zu nehmen, bevor sie zurück an den Gastgeber geht und von ihm an den Nächsten weitergegeben wird. Die vergorene Stutenmilch hat einen säuerlichen, prickelnden, leicht alkoholischen Geschmack. In der kargen Steppe ist sie nicht nur wichtiger Bestandteil der Nahrung, sondern auch Medizin.

Leben mit Entbehrungen

Munkbayar Sanddine und seine Frau Üürzaich zeigen, wie viel Arbeit in der Herstellung von Airag steckt. Alle zwei Stunden werden die Stuten gemolken. Ob da noch etwas für die Fohlen übrig bleibt? Den Tag über müssen diese ohne Nahrung auskommen, um sich so an die Entbehrung des Winters zu gewöhnen, erklärt Guide Galtaikhuu Galsan, der als Übersetzer zwischen Nomaden und Besuchern fungiert. Die Nacht über und in den Morgenstunden dürfen die Fohlen dann an den Stuten saugen. An Entbehrungen müssen sich nicht nur die Tiere gewöhnen: „Das Leben der Nomaden ist hart. Man sollte seinen Körper in jungen Jahren abhärten“, erklärt Galtaikhuu Galsan. Munkbayar bekräftigt: „Der Winter prüft die Nomaden. Im Winter zeigt sich, ob man im Sommer fleißig war.“

Er und seine Familie leben rund eine Stunde östlich von Kharakhorum im Gebiet Elsen Tasarkhai, was übersetzt etwa „Sandsplitter“ bedeutet. Munkbayar nennt um die 700 Schafe, mehr als 40 Kamele, zehn Stuten und zehn Rinder sein eigen. Insgesamt halten die etwa 500 000 Nomaden in der Mongolei knapp vier Millionen Pferde, viereinhalb Millionen Rinder, 27 Millionen Ziegen, 30 Millionen Schafe und knapp eine halbe Million Kamele. Den Rhythmus des Lebens geben die Tiere und die Jahreszeiten vor. So bekommen die Nomadenkinder schulfrei, wenn im Frühjahr die Jungtiereversorgt werden müssen.

Unter den Nomaden herrscht die Überzeugung, dass man den Bezug zur Natur verliert, wenn man sein Zuhause aus Stein baut. Und seine Freiheit, wenn man sein Zuhause mit einem Zaun abgrenzt. Viehhaltung ohne Begrenzung ist aber eine Herausforderung. Da kann es schon mal vorkommen, dass der Hüter eine Weile damit zu tun hat, seine Herde ausfindig zu machen. Praktischerweise lässt sich heute per Handy bei Familien in der Umgebung nachfragen, ob die Tiere dorthin unterwegs waren, berichtet Munkbayar.

Kamele schleppen das Zuhause

Neben dem Handy machen eine Waschmaschine, eine Gefriertruhe, ein Fernseher mit mehr als 500 Kanälen, betrieben durch Solarzellen, das Leben komfortabler. „Wir haben hier alles, was man in der Stadt auch hat“, berichtet Munkbayar, „ich bin zufrieden mit dem Leben hier.“ An den wenigen Tagen, die er in der Stadt verbringen muss, nervt ihn der Trubel. Er ist froh, möglichst schnell wieder in die weitläufige Landschaft zurückkehren zu können.

Was mag sie wohl messen, die Jurte? 15, 20 Quadratmeter? Die Größe wird nicht in einem derartigen Flächenmaß angegeben, sondern mit der Anzahl der Scherengitterwände beschrieben, die zusammengebunden den runden Holzrahmen der Jurte bilden. Häufig bestehen die Jurten aus fünf solcher Scherengitterwänden, die sich beim Weiterziehen an den nächsten Ort platzsparend zusammenfalten lassen. Beim Umzug sind die Kamele unerlässlich. Sie können fast eine halbe Tonne an Gewicht auf sich nehmen.

Heute wird es für sie – mit Touristen auf dem Rücken – nicht ganz so schwer: Ganpurev, ein Verwandter von Munkbayar, hilft beim Aufstieg auf das kniende Kamel. Zwischen den Höckern sind Sattel und Steigbügel platziert. Und dann darf sich das Kamel mit der menschlichen Last wieder erheben. Am Seil miteinander verbunden führt Ganpurev die Kamele Hügel um Hügel durch die faszinierende Dünenlandschaft. Aus der erhöhten Position eröffnet sich noch mal ein anderer Blick auf die Weite des Landes mit dem Gebirge am Horizont. Hier wird einmal mehr deutlich: Den Reiz der Mongolei machen die Landschaft und die Begegnungen mit den Menschen aus – beim Besuch von Nomadenfamilien sind Reiseveranstalter gerne behilflich.

Wandern und Reiten im Nationalpark

Unweigerlich führt der Weg aus Europa normalerweise zwar zunächst nach Ulaanbaatar, besonders viel Zeit braucht man für die aus allen Nähten platzende Hauptstadt jedoch nicht einzuplanen. Abstecher lohnen sich dort zum Winterpalast des Bogd Khan, der Dsaisan-Gedenkstätte, von der aus man einen weiten Blick über die Metropole hat, und ins Mongolische Nationalmuseum. Besucher können dort umfassend und kurzweilig in die abwechslungsreiche Geschichte der Mongolei eintauchen. In neun Sälen werden die unterschiedlichen Perioden von der Steinzeit bis hin zur sozialistischen Volksrepublik des vergangenen Jahrhunderts und heutigen Demokratie beschrieben. Ob nun zu Kriegszeiten verwendete Rossschweife, Kostüme von Schamanen, Instrumente wie die Pferdekopfgeige oder Spielzeug aus Schafknöcheln: Viele Anschauungsstücke lassen die Traditionen lebendig werden.

Am schnellsten von der Hauptstadt aus erreichbar ist der Gorchi-Tereldsch-Nationalpark. Die Berglandschaft lädt zum Wandern und Reiten ein. Hier – wie auch an vielen anderen Orten im Land – können Touristen Jurten zur Unterkunft in unterschiedlichen Ausstattungen wählen und sich als Nomaden auf Zeit ausprobieren.

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Mehr Inhalte zum Dossier

Persönliche Vorschläge für Sie